Kommentar Die Energiewende als einmalige Chance begreifen

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik
Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Auch wenn Bundespräsident Christian Wulff angekündigt hat, das Gesetz zum Atomausstieg eingehend zu prüfen, um unter anderem eigentumsrechtliche Fragen zu klären, gilt der Atomausstieg nach der Billigung durch Bundestag und Bundesrat nun als beschlossene Sache. Mit diesen Beschlüssen, so Umweltminister Norbert Röttgen, sei nicht nur eine grundsätzliche, positive Weichenstellung getroffen worden, sondern für die Wirtschaft sei nun auch die Grundlage, die notwendige Berechenbarkeit da.

Im Zusammenhang mit der ziemlich plötzlich vollzogenen Energiewende hatten in den letzten Wochen vor allem Vertreter des Politikbetriebs sich mehr Zeit, Debatten und Streit bei der Entscheidung über den Atomausstieg gewünscht. Politikveteranen wie Kurt Biedenkopf sprachen sogar von einem politischen Abenteuer, ohne Beteiligung der Parteien einen neuen, angeblich alternativlosen und unumkehrbaren Weg einzuschlagen. Biedenkopf prognostizierte auch, dass man spätestens nach der nächsten Wahl den Ausstiegszeitplan korrigieren wird.

Planungssicherheit sollte eigentlich anders aussehen. Doch speziell im Bereich erneuerbarer Energien haben die in diesem Umfeld tätigen Unternehmen schon in den letzten zwei Jahren lernen müssen, dass politische Rahmenbedingungen und Sicherheiten, sich sehr schnell ändern können. So berechtigt die Diskussion über den politischen Stil bei der Entscheidung für die Energiewende auch sein mag, die einmaligen Chancen, die sich mit dieser Entscheidung verbinden, treten dabei leider in den Hintergrund.

Die Entscheidung für die Energiewende dürfte das größte Konjunkturprogramm der Nachkriegszeit in Deutschland sein. Auch wenn es etwas ungeschickt formuliert sein mag, dass Deutschland bei der Energiewende voranschreitet und die Welt in ein neues Energiezeitalter führt, so belegen doch die verschiedensten Untersuchungen, wie zuletzt die VDE-Trends 2011, dass im internationalen Vergleich keinem anderen Land eine mit Abstand so hohe Technikkompetenz zur Realisierung von Smart Grids zugewiesen wird, wie Deutschland. 

Kein Wunder, dass in diesem Zusammenhang die VDE-Mitgliedsunternehmen die wichtigsten Standortimpulse in den Bereichen Energieeffizienz (81 Prozent) und Smart Grid/Intelligente Stromnetze (67 Prozent) sehen. Für das Zusammenwachsen von Strom und Verkehrsnetzen glaubt das mehr als die Hälfte. Ebenfalls gut 50 Prozent sehen im Thema Smart Grid einen globalen Leitmarkt, der in Zukunft von einem sich verschärfenden weltweiten Wettbewerb geprägt sein wird.

Da passt es, dass der ZVEI und der französische Elektro-Verband FIEEC Ende Juni ein Manifest unterzeichnet haben, in dem sie die europäische Politik auffordern, verbesserte Rahmenbedingungen für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu schaffen.

Das Manifest formuliert unter anderem Anforderungen an europäische Infrastrukturen und ergänzt die gemeinsam mit der EU-Kommission erarbeitete europäische Brancheninitiative »Electra«. Die EU-Innovationspolitik, fordert das Manifest, muss sich auf Zukunftsmärkte konzentrieren: Klimaschutz und Energieeffizienz, Energiespeichertechnik, Smart Grids, Smart Cities, Elektromobilität, sicheres Cloud Computing, eHealth, Ambient Assisted Living und zentrale Treibertechnologien wie Embedded Systemen.
Deutschland und Europa haben in der Vergangenheit bereits ganze Branchen an Wettbewerber in Asien verloren. Mit den genannten Innovationsschwerpunkten bietet sich nun die Gelegenheit, sich in Know-how-intensiven Hochtechnologie-Branchen langfristig erfolgreich zu positionieren. Aus den Erfahrungen mit dem EEG beim Aufbau der Photovoltaik- und Windkraft-Branche in Deutschland, lassen sich sicherlich Lehren ziehen, wie einmal erworbene Technologie- und Marktführerschaft sich in Zukunft besser langfristig bewahren lässt.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Statt darüber zu lamentieren, was politisch handwerklich besser gemacht hätte werden können, sollte nun entstandene Innovationsdruck genutzt werden, um nicht nur entsprechenden technischen Lösungen für eine erfolgreiche und nachhaltige Energiewende zu schaffen, sondern auf diesem Weg auch wieder neue Arbeitsplätze und Produktionsstätten am Standort Deutschland und Europa zu schaffen.

Ihr Engelbert Hopf