Radarsensor gibt neue Einblicke Was passiert in einer Schneelawine?

Was passiert im Inneren einer Lawine? Ein neuer Sensor der Ruhruni Bochum soll Aufschluss geben.

Ein neuer Radarsensor soll detaillierte Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen ermöglichen. Anhand der Erkenntnisse, die der 70 kg schwere Sensor aus Flugzeugaluminium liefert, ließen sich in schneereichen Gebieten bessere Schutzvorkehrungen gegen Lawinenschäden errichten.

»Was genau passiert, wenn sich eine Lawine den Berg hinunterbewegt, weiß man nicht, weil man sie bislang nur von außen beobachtet hat«, sagt Christoph Baer von der Ruhr-Universität Bochum, der den neuen Sensor gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos entwickelt hat. 

Schneedichte messen

Grundsätzlich ist bereits bekannt, dass Lawinen aus mehreren Schichten bestehen, die sich wie Festkörper, Flüssigkeiten oder staubhaltige Gase verhalten. Der neue Sensor erfasst Variationen der Schneedichte in der Staubschicht. Die Dichte hat unter anderem Auswirkungen auf den Aufpralldruck der Lawine, der maßgeblich für ihre Zerstörungskraft ist. Nur wenn die Schneedichte bekannt ist, lässt sich das Lawinengeschehen korrekt strömungsmechanisch simulieren.

Mittels Radar erfasst das Bochumer System, wie viele Schneepartikel sich in der Staubschicht befinden. Je mehr Schnee enthalten ist, desto langsamer breitet sich die Radarwelle aus. So können die Forscher Rückschlüsse auf die Schneedichte ziehen und diese in Echtzeit aufzeichnen.

Sensor aus Flugzeugaluminium

Der Sensor besteht aus Flugzeugaluminium, weil er während der Messung den enormen Kräften der Lawine standhalten muss. Er ist etwa einen Meter lang, 30 Zentimeter dick und wiegt 70 Kilogramm. Eine Lawine hat einen Aufpralldruck von bis zu sechs Bar. »Das entspricht einem Druck von 3,5 Tonnen – also zwei Autos – auf die Fläche eines DIN-A4-Blattes«, veranschaulicht Baer. »Sie rollt direkt über unseren Sensor. Es ist eine Herausforderung, dass er an dem Testmast hängenbleibt und brauchbare Messergebnisse liefert.«

Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo die Forscher in der Saison 2016/17 Messungen durchführen wollen. Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. 

Warten auf die Lawine

Noch im Jahr 2016 rechnet das Team vom Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung mit ersten Schneefällen im abgesperrten Testgebiet Vallée de la Sionne. Sollte dort nicht von selbst eine Lawine abgehen, wird sie am Ende des Winters durch eine kontrollierte Sprengung ausgelöst.

Junges Forschungsteam

Die Studenten Patrick Kwiatkowski und Henrik Deis bauten den Sensor im Rahmen ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskräfte am Lehrstuhl für integrierte Systeme von Prof. Dr. Nils Pohl an der Ruhruni Bochum.

Am gleichen Lehrstuhl erforscht Timo Jaeschke das verwendete Millimeterwellen-Radarsystem im Rahmen seiner Promotion. 

Das zugrunde liegende Prinzip zur radarbasierten Dichtemessung entwickelte Christoph Baer in seiner Doktorarbeit am RUB-Lehrstuhl für Elektronische Schaltungstechnik.

Projektpartner für die Entwicklung des Sensors waren neben dem Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos das Institut für Naturgefahren in Innsbruck, die Universität Innsbruck und das österreichische Bundesamt für Wald.