Kommentar Warum Bosch 1 Mrd. Euro investiert

Heinz Arnold
Heinz Arnold

Bosch will die Fertigungskapazität für MEMS-Sensoren deutlich erhöhen und laut dpa in Dresden für 1 Mrd. Euro eine Fab bauen.

Das wäre die größte Investition in der Firmengeschichte. Bisher hat die Firmenleitung dies nicht bestätigt. Sinnvoll aber wäre die Investition, die 700 Arbeitsplätze schaffen würde. Denn anders als in der Photovoltaik – dort hatte sich das Unternehmen eine blutige Nase geholt – gilt hier nicht das Prinzip Hoffnung.

Denn mit dieser Investition setzt Bosch auf das Internet der Dinge (IoT) und Industrie 4.0. Das Unternehmen investiert in eine Technik, mit der es schon über Jahrzehnte Erfahrung und viele Patente gesammelt hat, sowohl im Industrie- als im Consumer-Markt. Denn ohne Sensoren können weder vernetzte noch autonom fahrende Autos rollen. Weder wäre die Vernetzung der Produktion in der Industrie (Industrie 4.0, auch Industrial Internet of Things genannt) noch die Vernetzung von Smartpohnes, Wearables und anderen mobilen Helfern ohne die Daten von Sensoren sinnvoll.

Im Zeitalter von IoT und der Vernetzung aller Geräte untereinander verschwimmen die Grenzen zwischen Consumer- und professionellen Märkten wie Automotive. Die Experten sind sich einig, dass in wenigen Jahren schon Milliarden von Geräten über das Internet miteinander verbunden sein werden.

Was immer diese Geräte sich und den Nutzern an sinnvollen Informationen mitzuteilen haben, sie sammeln diese Informationen zumeist über Sensoren ein – zu einem große Teil über MEMS-Sensoren. Weil die MEMS-Technik es erlaubt, ganze Sensorsysteme auf kleinsten Raum unterzubringen, werden mit den IoT-Geräten auch die MEMS-basierten Sensorsysteme boomen. Von diesem Boom will Bosch mit der Milliarden-Investition profitieren.

Profitiert hat Bosch bereits, nicht zuletzt durch einen gelungenen Schachzug: Das Unternehmen hatte 2005 eine eigenständige Tochter namens Bosch Sensortec gegründet, die sich mit der Entwicklung und der Vermarktung von MEMS-Sensoren für den Consumer-Mart beschäftigen sollte. Damals hieß das vor allem: Sensoren für den Einsatz in Smartphones und anderen tragbaren Geräten zu entwickeln.

Denn auf dem Consumer-Markt herrschen andere Gesetze als auf dem Markt für Autos bzw. in der Industrie. Die Lebenszyklen der Produkte sind viel kürzer, es gibt andere Preisvorstellungen und andere Anforderungen an die technischen Spezifikationen, die Consumer-MEMS-Sensoren erfüllen müssen. Mit dieser Aufgabe ein eigenständiges Unternehmen zu beschäftigen, erwies sich als voller Erfolg. Zehn Jahre nach dem Start war Bosch Sensortec bereits zum weltweit führenden Hersteller von MEMS-Sensoren für den Einsatz in Consumer-Geräten aufgestiegen.

Das kam nicht von ungefähr, denn Bosch hatte als einer der weltweit großen Zulieferer für die Automobilindustrie bereits viele Jahre zuvor mit der Entwicklung von MEMS-Sensoren für den Einsatz in Autos begonnen. Auf MEMS-Sensoren werden die mechanischen Strukturen mit ähnlichen Methoden (etwa Lithografie und Ätzprozesse) in das Ausgangsmaterial Silizium gebracht, wie die Transistor- und Verdrahtungsstrukturen in Integrierten Schaltungen (ICs). So lassen sich auf den Micro Electro-Mechanical Systems (kurz MEMS) die oft mechanisch arbeitenden Sensorelemente sogar mit der Auswerteelektronik auf einem Chip kombinieren: MEMS und ICs wachsen zusammen.

Technisch gelten die Reutlinger als Pioniere: Zunächst hatte das Unternehmen den bahnbrechenden DRIE-Prozess (Direct Reactive Ion Etching) entwickelt. Die in diesem Prozess hergestellten MEMS-Sensoren zielten auf den Einsatz in Autos ab. An IoT dachte damals  niemand. Und schon gar nicht an zig Milliarden vernetzter Geräte, in all denen Sensoren arbeiten. Zu dem Zeitpunkt, als Bosch Sensortec entstand, war Bosch bereits auf dem Gebiet der Automotive-MEMS-Sensoren weltweit führend und fertigte sie in der Fab in Reutlingen selber. Heute fertigt Bosch in einer der weltweit größten dedizierten MEMS-Fabs auf 8-Zoll-Wafern mehrere Millionen Sensoren pro Tag, zum überwiegenden Teil Sensoren, die in Consumer-Geräten landen.