Rohde & Schwarz »Unser Ziel ist es, zum Vollsortimenter zu werden«

Roland Steffen, Rohde & Schwarz: »Bislang konzentriert sich Rohde & Schwarz bei den Oszilloskopen auf den Mittelklasse-Bereich, Hameg auf das untere Marktsegment. Diese Lücke wollen wir nach und nach schließen.«
Roland Steffen, Rohde & Schwarz: »Bislang konzentriert sich Rohde & Schwarz bei den Oszilloskopen auf den Mittelklasse-Bereich, Hameg auf das untere Marktsegment. Diese Lücke wollen wir nach und nach schließen.«

Rohde & Schwarz hat das Geschäftsjahr 2012/2013 erneut mit Rekordergebnissen abgeschlossen. Im Exklusiv-Interview mit Markt&Technik spricht Roland Steffen, Leiter des Geschäftsbereiches Messtechnik von Rohde & Schwarz, über das Erfolgsrezept des Konzerns und über die weiteren Pläne – auch hinsichtlich der zunehmenden Verschmelzung mit Hameg.

Markt&Technik: Jahr für Jahr meldet Rohde & Schwarz Rekord-Geschäftsergebnisse. Können Sie uns dazu bitte konkrete Zahlen über die vergangenen zehn Jahre hinweg geben?

Roland Steffen: Im Geschäftsjahr 2002/2003 lag der Auftragseingang unseres Konzerns bei rund 870 Millionen Euro, fünf Jahre später, im Geschäftsjahr 2007/2008 bei etwa 1,4 Milliarden Euro. Weitere fünf Jahre später, im abgelaufenen Geschäftsjahr 2012/2013 haben wir die Zwei-Milliarden-Euro-Marke geknackt. In den gleichen Zeiträumen haben sich auch die Mitarbeiterzahlen weltweit deutlich gesteigert: von 5900 in 2003, über 7500 in 2008 bis zu den aktuellen 9300 Mitarbeitern.

Worauf ist dieses Wachstum zurückzuführen?

Wir sehen drei Schlüsselfaktoren: Zum einen gab es für uns eine vorteilhafte Marktverschiebung, zum anderen haben wir unser Produktportfolio deutlich ausgebaut, und drittens haben wir massiv in unseren Vertrieb investiert. Lassen Sie mich kurz auf die einzelnen Punkte eingehen. Der Markt hat sich verändert: Produktbereiche, die früher wichtig waren, sind es heute nicht mehr, andere gab es noch gar nicht in dieser Breite - denken Sie nur an den Mobilfunk, dessen Entwicklung damals noch nicht absehbar war. In diesem Bereich waren wir sehr früh aktiv. Damit hatten wir zum Teil Glück, aber auch den Mut, etwas Neues zu probieren. Damals war uns das gar nicht so bewusst. Dennoch haben wir damals wie heute massiv in unser Produktportfolio investiert und unsere Fertigung optimiert. Der dritte Schlüsselfaktor zum Erfolg ist der Ausbau unseres Vertriebsteams auf internationaler Ebene. Als ich 1977 bei Rohde & Schwarz anfing, war das Unternehmen sehr Europa-fokussiert. Das hat sich seither deutlich geändert. Wir weiten unsere Präsenz weltweit aus – mit eigenen Tochtergesellschaften und über Distributoren.

Das spricht für eine gute Strategie und Planung. Wie stark stützen Sie sich dabei auf die Aussagen von Analysten?

Wir nehmen zwar zur Kenntnis, was die Analysten ausarbeiten, aber wir verlassen uns letztendlich doch eher auf unsere Marktkenntnis und unsere Erfahrung. Und natürlich sprechen wir intensiv mit unseren Kunden und beobachten den Markt – und auch was unsere Mitbewerber machen.

Sie zeichnen im Konzern verantwortlich für den Geschäftsbereich Messtechnik. Welchen Anteil am Gesamtergebnis hatte dieser?

In den vier Geschäftsbereichen des Konzerns gibt es zwei unterschiedliche Geschäftstypen: den reinen Geräte-, despektierlich ausgedrückt den »Boxen«-Verkauf, und das Geschäft mit kundenspezifischen Lösungen und Systemen, in denen zum Teil auch Zukaufsteile beinhaltet sind. In der Messtechnik sehen wir meist das Standardgeschäft mit den fertigen Geräten, die der Kunde bestellt, ohne dass es bei uns zu einem großen, kundenspezifischen Engineering-Aufwand führt. Entsprechend bietet dieses »Boxengeschäft« eine deutlich größere Marge als das Systemgeschäft, was wiederum zu einem höheren Anteil am Konzernergebnis führt.

Lohnt sich das Projekt- und Systemgeschäft dann überhaupt noch?

Natürlich lohnt es sich, sonst würden wir es nicht tun. Es ist für uns aber auch ein Element der Stabilisierung. Es handelt sich meist um Projekte, die wir für und mit Behörden abwickeln. Diese wiederum erfahren im Vergleich zu unseren Industriekunden einen völlig unterschiedlichen, bis hin zu gegenläufigen Konjunkturfluss. Geht es der Industrie schlecht, haben die öffentlichen Stellen meist noch Budget. Umgekehrt – wenn die öffentlichen Mittel begrenzt oder bereits ausgegeben sind, zieht die Industrie vielleicht schon wieder an. Ein gesunder Mix aus »Boxen«- und Projektgeschäft gibt uns einen Spielraum, der uns unabhängiger von Konjunkturzyklen macht.

Abgesehen von der schwankenden Konjunktur bleibt der Messtechnik-Markt relativ flach in seiner Entwicklung. Trotzdem erzielen Sie Jahr für Jahr enorme Wachstumsraten. Wie kommt das?

Nun, langfristig wächst der Markt nur wenig. Entscheidend sind aber die starken Schwankungen. Analysten haben ausgearbeitet, dass der von uns adressierte Messtechnik-Markt im Jahr 2000 – also im Dotcom-Boom – 4,1 Milliarden US-Dollar groß war. Zwei Jahre später, als die Blase platzte, war er auf 2,2 Milliarden geschrumpft. 2008 hatte er sich wieder auf 4,5 Milliarden erholt, um 2010 erneut auf 3,2 Milliarden abzustürzen. Danach wuchs er kontinuierlich bis auf 5,6 Milliarden in 2012 an. Mit solch starken Schwankungen scheinen wir bei Rohde & Schwarz besser zurechtzukommen als andere. Aus jeder Krise sind wir bisher besser herausgekommen als unsere Mitbewerber. Wir führen das auf unseren Status als Privatunternehmen zurück, das langfristiger planen kann und auf Börsenkursschwankungen nicht mit vielleicht übereilten Restrukturierungen reagieren muss.

Wie haben sich Ihre Marktanteile entwickelt?

Wir schätzen unsere Anteile als stabil ein - im Mobilfunk auf etwa 35 Prozent, in der EMV auf 80 bis 90 Prozent und im Bereich der anderen Produkte auf knapp 30 Prozent. Insgesamt schätzen wir, dass wir in Europa in den für uns adressierbaren Märkten einen Marktanteil von rund 50 Prozent haben, weltweit von etwa 30 Prozent. Dabei sind die Oszilloskope bereits berücksichtigt – die wiederum schmälern den Marktanteil, denn hier sind wir im Vergleich zu den großen Playern noch sehr klein.