ATEcare / Interview »Überdenken Sie Ihre Teststrategien!«

Olaf Römer, ATEcare: »Generell sollte das Testen und Inspizieren mehr prozessrelevant betrachtet werden. Man muss die Dinge zusammenbringen – das muss allerdings schon in der Testphilosophie hinterlegt sein.«
Olaf Römer, ATEcare: »Generell sollte das Testen und Inspizieren mehr prozessrelevant betrachtet werden. Man muss die Dinge zusammenbringen – das muss allerdings schon in der Testphilosophie hinterlegt sein.«

AOI, AXI, SPI – die 3D-Technologie hat Einzug in die Baugruppen-Inspektion gehalten. Doch hinter dem Begriff 3D steckt viel Marketing, wie Olaf Römer, Geschäftsführer von ATEcare, betont. Sein Tenor: Kunden sollten die Technologien kritisch hinterfragen und ihre Teststrategien gründlich überdenken.

Markt&Technik: 3D-Inspektionstechnologien setzen sich zunehmend durch. Dennoch wird der Begriff 3D vor allem in der optischen Inspektion oft ganz unterschiedlich ausgelegt – das haben Sie in der Vergangenheit bereits mehrfach bemängelt. Warum ist das so kritisch?

Olaf Römer, ATEcare: Ein Kunde, der in neue Prüftechnik investieren muss, ist einer Flut von Informationen ausgesetzt. Jeder Anbieter propagiert, dass sein AOI-Verfahren das beste ist, die meisten Fehler auf der Leiterplatte findet und die Produktion damit am effizienten und kostengünstigsten zu betreiben ist. Doch einige unserer Mitbewerber führen den Kunden mit falschen Versprechungen in die Irre – oftmals sogar ganz bewusst. Das kann teuer für ihn werden, denn das böse Erwachen kommt später – ganz sicher. Wie oft hören wir von Kunden: »Ihr Mitbewerber hat viel schönere Bilder als Sie«. Das mag sein, aber auf den schönen Bildern kann man den eigentlichen Fehler auf der Leiterplatte nicht erkennen. Das Problem bei optischen Verfahren ist das Licht – die Ergebnisse sind abhängig von dem Licht, das auf die Leiterplatte auftrifft. Auftreffendes Licht erzeugt Reflexionen, und Reflexionen ergeben Fehlinformationen.

Besonders deutlich wird das am Moiré-Verfahren – das ist das, was unter anderem die „neuen“ asiatischen Anbieter machen. An sich ist das Verfahren nicht schlecht – es eignet sich gut als Zusatzmittel z.B. für Bauteil-Oberflächen. Die Nachteile dabei sind jedoch die Abschattung und der Streifenversatz. Wenn die optisch erfassten Rohdaten schlecht sind, muss die Software ran. Dabei schummelt sie schon mal gerne. Ein „schönes 3D-Bild“ ist also lediglich ein errechnetes Ergebnis, kein wirklich gemessener Wert. Der Fehler wird dabei unter Umständen nicht erkannt. Das ist vor allem bei Lötstellen kritisch, denn wenn hier ein Fehler nicht direkt erkannt wird, zieht er sich durch die gesamte Fertigungslinie durch. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Das heißt, die Lotpasteninspektion ist maßgeblich prozessrelevant…

Ja, die SPI liefert die meisten Messergebnisse und hat sich zu nahezu 100 Prozent als Prozessindikator durchgesetzt. Leider wird sie oft nicht richtig genutzt. Die Maschinen könnten so viel mehr, als die Kunden wirklich nutzen. Die meisten beschränken sich auf „Gut/Schlecht“-Tests. Dabei könnte die Maschine auch die Qualität beurteilen, Trends analysieren und vor unguten Entwicklungen warnen. Sie bietet umfangreiche Tools für die Prozessanalyse, mit denen man die Ursachen für Fehler oder auch Pseudofehler detailliert interpretieren könnte – was für die folgenden Prozesse absolut wichtig wäre. Mit richtig eingesetzter SPI und AOI ließen sich Fehler frühzeitig ausmerzen. Wichtig ist die Closed Loop, die Kommunikation zu den nachfolgenden Maschinen.

Warum nutzt man diese Funktionen nicht?

Das fragen wir unsere Kunden auch oft. Die häufigste Antwort ist: Die Datenflut und der hektische Arbeitsalltag erschlagen uns. Zugegeben, der Anfangsaufwand mag hoch sein, denn die Maschine muss erst einmal eingelernt werden. Sie weiß zwar, was grundsätzlich zu tun ist, dennoch muss man ihr die eigenen Anforderungen an die eigene Qualität beibringen. Viele Kunden überschätzen den Aufwand dafür jedoch, denn die Programmierung geht heute schon recht schnell und einfach.

Wie sehen Sie die Akzeptanz der optischen Inspektion generell?

Leider fristen viele optische Inspektionsmaschinen ein einsames Dasein in einer Ecke der Fertigungshalle. Fast möchte man meinen, dass sie zum Teil nur als Alibi gekauft werden, um dem Kunden zu sagen »Ja, wir haben eine AOI-Maschine«. Oft höre ich auch die Aussage »AOI gehört nicht in die Linie«. Das ist schlichtweg falsch. Denn wenn man die optische Inspektion nur als Insellösung nutzt, um stichprobenartig etwas nachzuprüfen, statt sie in der Linie zu fahren, können eventuelle Fehler bis zum Ende durchproduziert werden. Auch die Aussage »Pseudofehler können den ganzen Linientakt stören« ist meines Erachtens nicht mehr haltbar. Mit einer sinnvollen – und vor allem echten – 3D-AOI lassen sich Pseudofehler bis in den Promillebereich reduzieren. Die so oft propagierte Null-Fehler-Rate wird es nicht geben. Elementar ist aber, jeglichen Schlupf zu vermeiden.