TU München »Schluckbare Elektronik wird breite Realität sein«

Prof. Bernhard Wolf, TU München: »Healthcare-Wearables haben gegenwärtig eher Spielzeugcharakter. Sie sind nicht kalibrierbar und täuschungssicher. Zudem ist das Problem der Authentifizierung noch nicht gelöst, und die Datenstandards sind noch unsicher.«

»Healthcare-Wearables haben gegenwärtig eher Spielzeugcharakter« sagt Prof. Dr. Bernhard Wolf, Inhaber des Heinz Nixdorf-Lehrstuhls für Medizinische Elektronik der TU München. Markt&Technik-Chefreporter Engelbert Hopf sprach mit ihm über aktuelle Entwicklungen in der Medizinelektronik.

Es gibt immer mehr Krankenkassen, die ihren Versicherten Vergünstigungen anbieten, wenn sie „Fittness-Armbänder“ tragen. Wie bewerten Sie diesen Trend aus wissenschaftlicher Sicht?

Ich bin kein Freund davon. Nein, in meinen Augen ist das in erster Linie ein Versuch, über Sekundärmotivation eine bessere Compliance zu bekommen. In allen mir bekannten Studien konnten bisher keine nachhaltigen Effekte durch solche Maßnahmen nachgewiesen werden.

Eine Leitlinie Ihres Forschungsansatzes ist es, durch den Einsatz leistungsfähiger Mikroelektronik die Diagnostik und Behandlung von Erkrankten zu verbessern. Würden Sie das Potenzial dieses Ansatzes heute noch als genau so groß ansehen wie zu Beginn Ihrer Forschungstätigkeit?

Ja, unbedingt. Die Frage ist nur, wie man die Zeiten verkürzen kann, um die Dinge bei guter Sicherheit in den Markt zu bekommen. Ein großes Problem ist dabei nach wie vor, dass man zunächst viel Geld in die Hand nehmen muss, um die gewünschten Effekte zu erreichen, und auch einen langen Atem braucht, die notwendigen Studien durchzuhalten. Die Elektronik hat bei richtiger Anwendung per se ein großes Wertschöpfungspotenzial, allerdings auch einen nicht zu vernachlässigenden Entwicklungsaufwand.

Telemedizinische Unterstützung galt mal als eines der großen Zukunftsthemen in der Medizin. Stimmt der Eindruck, dass die Telemedizin speziell in Deutschland aber nach wie vor nur ein Nischendasein fristet? Worin liegt für Sie der Hauptgrund dieser Stagnation?

Leider täuscht dieser Eindruck nicht. Die Frage ist aber schwierig zu beantworten, weil die Vorteile für alle Beteiligten auf der Hand liegen. Es ist aber festzuhalten, dass umfangreiche Genehmigungsverfahren und Studien zur Demonstration des Mehrnutzens nicht unbedingt die Einführung erleichtern. Zudem spürt man eine eindeutige Reserviertheit gegenüber der Telemedizin bei den niedergelassenen Medizinern, weniger bei Klinikern und Reha-Einrichtungen. Gerade aber im ländlichen Bereich kann die Telemedizin sowohl für Ärzte als auch Patienten eine große Hilfe sein. Denken Sie in diesem Zusammenhang nur an die Behandlung chronischer Erkrankungen und das weite Feld der Nachsorge.

Wohl einen der größten Stolpersteine bei der Umsetzung innovativer mikroelektronikbasierter Lösungen in der Medizintechnik ist immer wieder das Thema „klinische Tests“ und im Anschluss daran die Freigabe durch die Krankenkassen. Hat sich hier in den letzten Jahren etwas zum Positiven entwickelt?

Nein, das ist immer noch eine große Hürde. Bei allem Verständnis für Prüfprotokolle und Mehrnutzenstudien: Oftmals sieht man die wahren Chancen und Probleme erst, wenn man ein konkretes System im Feld testen kann. Hier wird nach meinem Dafürhalten nach wie vor zu wenig getan und investiert. Hinzu kommt, dass das Warten auf Fördermaßnahmen auch nicht unbedingt dazu beiträgt, die praktische Umsetzung im Feld voranzutreiben.

Sie haben bereits vor Jahren darauf hingewiesen, dass es Weltregionen wie die USA und Japan gibt, die bereit sind, höhere Ausgaben im Gesundheitswesen zu akzeptieren, als das in Deutschland der Fall ist. Hat sich diese Entwicklung noch weiter beschleunigt?

Bessere Qualität und neue Therapieverfahren führen nun mal zwangsläufig erst einmal zu höheren Kosten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich zunächst nicht zuverlässig abschätzen lässt, in welchem Umfang dann wirklich sekundäre Einsparungen entstehen können. Langjährige Erfahrungen aus anderen Disziplinen zeigen aber, dass es möglich ist, durch vorbeugende Maßnahmen insgesamt stets Einsparpotenziale zu erzielen. So führen Fernwartung und Ferndiagnose bei technischen Systemen zu Qualitätsvorteilen und zu einer besseren Steuerung der Prozesse. Eine sensorische Begleitung von Risikopatienten führt mit Sicherheit zur besseren Steuerung der Erkrankung und bietet damit sowohl dem Patienten als auch dem Kostenträger klare Vorteile. Auch das Thema Notfälle ließe sich auf diesem Wege wohl reduzieren und sich teure Notfallmaßnahmen häufig vermeiden.