EMV in der Elektromobilität »Kein Grund zur Besorgnis«

Kurt Sigl, Bundesverband eMobilität e.V.: »Die Standardisierungs- und Normungsgremien haben die grundsätzlichen Rahmenbedingungen - auch hinsichtlich des EMV-Aspektes - bereits in einem sehr frühen Entwicklungsstadium festgelegt. Insofern halte ich den aktuellen Status für absolut ausreichend.«
Kurt Sigl, Bundesverband eMobilität e.V.: »Die Standardisierungs- und Normungsgremien haben die grundsätzlichen Rahmenbedingungen - auch hinsichtlich des EMV-Aspektes - bereits in einem sehr frühen Entwicklungsstadium festgelegt. Insofern halte ich den aktuellen Status für absolut ausreichend.«

Das Zusammenspiel elektronischer Komponenten in Elektrofahrzeugen sowie neue Ladekonzepte bringen einige Herausforderungen hinsichtlich der EMV mit sich. Warum es dennoch nicht zu Problemen kommt, erklärt Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbandes eMobilität e.V., im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Mit der Elektrifizierung des Antriebsstrangs steigt das elektromagnetische Störpotenzial gegenüber klassischen Antriebskonzepten drastisch. Welchen Stellenwert räumen Sie dem EMV/ESD-Aspekt im Gesamtkonzept der Elektromobilität ein?

Kurt Sigl: EMV ist sicherlich immer ein wichtiges Thema, nicht nur im Rahmen der Elektromobilität. Dennoch würde ich ihr keinen erhöhten Stellenwert einräumen, denn im Grunde genommen haben wir im Elektroauto auch nichts anderes, als in einem »normalen« Fahrzeug. In den heutigen Fahrzeugen steckt annähernd so viel Leistungselektronik wie beispielsweise in einer Boeing 737 in den 1970-er Jahren. Darüber hinaus wurden die Störpotentiale bereits genau untersucht und reglementiert. Entsprechend gut haben die OEMs und die Autohersteller das EMV-Problem im Griff. Das gilt nicht nur für die großen Hersteller, sondern auch für den Mittelstand. Das einzige Gefahrenpotential würde ich im Bereich der Bastler sehen, also bei Autos die im Eigenbau zusammengestellt werden.

Wie beurteilen Sie generell den Status der Standardisierung und Normung?

Die Standardisierungs- und Normungsgremien haben die grundsätzlichen Rahmenbedingungen - auch hinsichtlich des EMV-Aspektes - bereits in einem sehr frühen Entwicklungsstadium festgelegt. Insofern halte ich den aktuellen Status für absolut ausreichend. Nichts desto trotz ist die Standardisierung natürlich ein fließender Prozess. Die Normen werden immer weiter verfeinert und an aktuelle und künftige Entwicklungen angepasst, so dass letztlich immer sichergestellt sein wird, dass zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Mensch und Umwelt durch elektromagnetische Störstrahlung besteht. Gleiches gilt übrigens auch für die Ladeeinheiten - selbst bei induktiven Ladekonzepten.

Ist Ihrer Ansicht nach die Zusammenarbeit zwischen Autohersteller, Zulieferer, Halbleiterhersteller und Forschungsinstituten eng genug, wenn es um die Entwicklung sicherer und kosteneffizienter Abschirmkonzepte geht?

Ja, hinsichtlich der Zusammenarbeit sind wir mittlerweile in Deutschland sehr gut aufgestellt. Zugegeben, der Anfang war recht schwierig, und es war viel Aufklärungsarbeit nötig, die Unternehmen zu überzeugen, dass wir in Deutschland ohne eine branchen-, firmen- und länderübergreifende Zusammenarbeit keinen technologischen Fortschritt in der Elektromobilität erreichen können. Mittlerweile haben alle Beteiligten erkannt, dass man nur zusammen etwas erreichen kann.

Welche Rolle spielen Sie als Verband im Zusammenspiel der einzelnen Akteure?

Verbände fungieren in der Technologie-Entwicklung in erster Linie als Moderatoren und als Schnittstelle zwischen den einzelnen Akteuren. Dazu stehen die Verbände in engem Kontakt untereinander, aber auch mit Forschungseinrichtungen wie den Fraunhofer-Instituten, dem TÜV und anderen Verbänden bestehen intensive Verbindungen.

Wie kann Ihr Verband die künftige Entwicklung des Elektromobilitätsmarktes vorantreiben?

Verbände spielen grundsätzlich eine gravierende Rolle, wenn es um technologische Weiterentwicklungen geht. Hier sammelt sich das Wissen aller relevanten Branchenvertreter, es fließen sämtliche Aspekte eines Themas zusammen - seien sie technischer Natur wie beispielsweise hinsichtlich der EMV, oder finanzwirtschaftlicher Art wie etwa versicherungstechnische Regelungen. Wir haben von Beginn an jede noch so kleine Ecke der Elektromobilität betrachtet, haben alle Themen abgedeckt, die in irgendeiner Art und Weise damit in Verbindung stehen. Und letztendlich entstehen aus dem gesammelten Know-how auch immer wieder neue Zukunftsvisionen.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel für eine solche Vision geben?

Nun, wir steuern geradewegs auf eine neue Mobilität zu. In ein paar Jahren werden wir ein ganz anderes, stark kommunikationsbasiertes Verständnis von Fortbewegung haben. Die Anfänge sind bereits gemacht - denken Sie nur an das boomende Car Sharing oder Rent-a-bike in Großstädten. Unsere Kinder werden in diese Zeit hinein wachsen. Ihr Smartphone wird ihnen auf einen Blick zeigen und vergleichen, welches die günstigste und schnellste Art ist, von A nach B zu kommen, wann und wo die nächste Bahn, der nächste Zug fährt, wo das nächstgelegene »Share Car« steht und wieviel es kostet. Auch die Buchung wird einfach über das Smartphone erfolgen. In diesem Zusammenhang werden die Netzbetreiber und Service Provider eine entscheidende Rolle spielen, denn sie sind es, die die Infrastruktur für diese neue, telekommunikationsbasierte Mobilität schaffen müssen - sicher, zuverlässig und preisgünstig für die Nutzer.

Welche Unterstützung würden Sie sich seitens der Politik erhoffen?

Sehen Sie, die Politik hat drei Aufgaben: Sie hat für Rechtssicherheit zu sorgen, für Finanzsicherheit und für Planungssicherheit. In den vergangenen drei Jahren ist diesbezüglich so gut wie nichts geschehen - und dies stellt das größte Handicap für die Elektromobilität dar. Darin sind sich alle Verbände einig. Wenn Sie heute beispielsweise eine Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum installieren möchten, ist das ein langwieriges, nervenaufreibendes und teures Unterfangen. Nehmen wir an, eine Ladesäule kostet 1500 Euro - dann können Sie davon ausgehen, dass Sie bis zur endgültigen Installation etwa das Dreifache ausgegeben haben. Und das einfach deshalb, weil es seitens der Politik selbst für die einfachsten Vorgänge keine klaren Regeln gibt, die Zuständigkeiten ungeklärt und die Abläufe viel zu kompliziert sind. Zudem müsste die Politik die Elektromobilität für die Kunden interessanter machen. Damit meine ich noch nicht einmal eine staatliche Förderung beim Kauf, sondern vielmehr pragmatische Ansätze, wie etwa bevorzugtes Parken in Innenstädten.