Markt&Technik-Forum »Sensorik« Dringend gesucht: Milliardenschwere IoT-Anwendungen

In der Sensorikbranche häufen sich die Übernahmen. Doch neben reinen Sensorspezialisten, die ihr Produkt- und Technologieportfolio erweitern, interessieren sich vor dem Hintergrund des heraufziehenden IoT-Zeitalters auch immer mehr klassische Elektronikunternehmen für den Einstieg in die Sensorik.

Unter anderem um diesen Aspekt ging es im 1. Markt&Technik-Forum »Sensorik«.  

Jérémie Bouchaud, Director & Senior Principal Analyst Auto & Ind. Semi, MEMS & Sensor bei IHS Technology, steckte zu Beginn der Diskussion den wirtschaftlichen Rahmen ab: »Im letzten Jahr lag der Umsatz mit Silizium-basierten Sensoren nach unseren Zahlen bei rund 23,8 Milliarden Dollar. Wir gehen davon aus, dass dieser Markt jährlich um 3 Prozent wächst und wir somit 2020 ein Umsatzvolumen von etwa 26,8 Milliarden Dollar erreichen«.

Unterteilt man diesen Markt,…

...stellt man fest, dass der größte Umsatzanteil auf Bildsensoren entfällt, laut Bouchaud ein Umsatzanteil von etwa 10 Milliarden Dollar. Auf reine MEMS, ohne Aktorik, Mikrospiegel und RF-Filter, entfallen rund 26 Prozent des Umsatzvolumens, also etwa 6,3 Milliarden Dollar.  Bis zum Jahr 2020 erwartet der Marktforscher hier ein Wachstum auf 7 Milliarden Dollar. Betrachtet man die Stückzahlentwicklung bei Halbleiter-basierten Sensoren, dann wird diese von 30 Milliarden Stück im Vorjahr bis 2020 auf voraussichtlich 40 Milliarden steigen. Jan Erhan, Business Development Manager bei TTI, sieht denn auch die Sensorik unter einem starken Preisdruck: »In den letzten fünf Jahren hat sich der Durchschnittspreis von 70 US-Cents auf 35 US-Cents halbiert.«

Wo sitzen die Hersteller Halbleiter-basierter Sensorik?…

...Vor allem in den USA, erläutert Bouchaud, »aber auch die Europäer sind mit Bosch, Infineon Technologies und STMicroelectronics gut in diesem Bereich vertreten«. Dass die USA auch ein großer Abnehmermarkt sind, hat vor allem einen Grund: Apple! Wie der Marktforscher erläutert, nimmt allein der Apfel ein Drittel der Consumer-Sensorik des Weltmarktes ab. Zweiter großer Abnehmermarkt ist China. Auch dort sind es vor allem die Handy- und Smartphone-Hersteller, die Halbleiter-basierte Sensorik einkaufen. Immer größer wird im Reich der Mitte auch die Nachfrage aus dem Automobilbereich: In China werden immer mehr Airbags und ABS-Systeme eingesetzt. Ab 2018/19 kommt eine gesetzliche Vorschrift zum Thema Reifendrucksensoren hinzu.

Vor allem mit Blick auf China…

...bestätigt Dr. Wolfgang Schmitt, Senior Manager Strategic Marketing bei Bosch Sensortec, die Zahlen des Marktforschers: »Wir sehen dort inzwischen klar den Trend in Richtung High-End-Smartphones.« Zahlenmäßig sei zwar auch der chinesische Markt bereits gesättigt, aber das Beispiel Pokémon-Go habe gezeigt, dass es zum Spielen neuer Spiele wirklich Gyroskop-Sensoren bedarf. Damit entwickelt sich nun auch der Smartphone-Markt in China in Richtung Premium. »Das große Vorbild, was besseren Sensor-Content angeht, sitzt in den USA«, so Dr. Schmitt, »und dem wird nun nachgeeifert«. So interessieren sich Chinas Smartphone-Fabrikaten zunehmend auch für Nicht-MEMS-Sensoren. Dabei geht es vor allem um Feuchtigkeits-, Gas- und Kompass-Sensoren. »Man prüft, was man als Sensoren miniaturisieren kann«, so Dr. Schmitt, »und versucht sie durch industrielle Fertigung unter die 1-Dollar-Kostengrenze zu bekommen«.

Bilder: 8

Forumsdiskussion „Sensorik“

Die Teilnehmer des Forums:

Von der Veränderung des chinesischen Smartphone-Marktes…

...berichten auch andere Diskussionsteilnehmer. So verweist Hubert Conti-Geitner, Technical Marketing Manager EMEA Region, AMG Analog MEMS Products Automotive bei STMicroelectronics, darauf, »dass wir uns schon früh um die Betreuung der zweiten Reihe der Smartphone-Hersteller in China bemüht haben, und diese zweite Reihe umfasst 20 bis 30 Hersteller, vielleicht sogar noch mehr«.

James McKenna, Senior Global Product Marketing Manager Honeywell Sensing an IOT Products Business Director UK bei Honeywell Control Systems, verweist auf die verstärkten Design-Anstrengungen und die auf eine junge Käuferschicht abzielenden Marketing-Kampagnen: »Die Geräte sind vielleicht ein bisschen größer, aber sie sehen schick aus.« – »Auch in China wollen junge Leute möglichst viele Features für wenig Geld«, stellt Jörg Wedermann fest, Vice President Sensors Sub-Division bei Vishay Semiconductor.

»Im Mobilfunkbereich sehen wir einen relativ starken Trend…

...in Richtung Farbsensorik, spektrale Empfindlichkeit, um das Display-Erlebnis zu fördern«, erläutert Wedermann, »bei den Kamera-Features dieser neuen Smartphones in China darf man den Proximity-Sensor beziehungsweise das kleine Loch, hinter dem er sitzt, am besten gar nicht mehr sehen. Auch hier heißt das Vorbild Apple!« Für einen Performace-Sprung wird hier nach seiner Einschätzung in Zukunft die Verbreitung von Time-of-Flight-Sensoren sorgen. »Diese Laser-basierte Lösung ist zwar teurer als die optische Variante, aber sie unterstützt die geschilderten Design-Bemühungen.«

Am schnellsten gewachsen,…

...so Bouchaud, sei in den letzten Jahren der Markt für Fingerprintsensoren. »Dass heute die schwedische Firma Fingerprint Card bei Halbleiter-basierten Sensoren Nummer 2 hinter Bosch ist, dokumentiert dieses Phänomen.« Und Fingerprint Card ist nicht allein: In der Top-20-Liste des vom Marktforschungsinstitut IHS erstellen Rankings finden sich für 2016 insgesamt vier Hersteller von Fingerpint-Sensoren.

Ausschlaggebender Treiber war einmal mehr Apple…

...Seit das Unternehmen entschied, zur Identifizierung auf den Fingerabdruck  zu setzen, explodierten die Umsatzzahlen der entsprechenden Zulieferer. Dazu kommt der Umstand, dass der Online-Zahlungsverkehr in China Big-Business ist, und dort Fingerprint-Sensoren aus diesem Grund eine große Bedeutung erlangt haben. Wie lange dieser Trend anhält, ist unklar. Schließlich gibt es biometrische Alternativen. So setzt Samsung im „S8“ Iris-Scanning zur Identifizierung ein. Über Time-of-Flight-Sensoren auf der Frontseite des neuen iPhones wäre wahrscheinlich auch Face-Scanning als Identifizierungsmethode möglich.