Alle Arten der Sicherheit gefordert M2M im Wandel

Die M2M-Kommunikation entwickelt sich weiter und findet neue Märkte. Über die Hintergründe und Perspektiven berichtet Jürgen Kern, CEO von NetModule.

Markt&Technik: Wie bewerten Sie M2M und das Internet der Dinge (IoT)?

Jürgen Kern, NetModule: IoT und M2M wachsen zunehmend zusammen. Oft wird dabei M2M als eine Teilmenge von IoT bezeichnet, was so jedoch nicht stimmt, sondern M2M entwickelte sich aus Telemetrieanwendungen, während der Ursprung von IoT in der Nahbereichssensorik, zum Beispiel RFID, liegt. Daher möchte ich gerne zwischen IoT und M2M unterscheiden.

Verändern sich in den etablierten M2M-Märkten die Kundenanforderungen?

Immer anspruchsvollere Nutzer treiben die Komplexität der Anforderungen nach oben. Heute wird eine hohe Bandbreite erwartet, und Wartezeiten bei der Kommunikation werden kaum noch akzeptiert. Und die Interaktivität steigt - Nutzer verlangen eine leichte Bedienbarkeit, denken Sie nur an die Smartphones mit einfach funktionierenden Apps. Heute stellt doch kaum noch jemand eine IP-Adresse selbst ein, sondern das muss automatisch ablaufen, auch wenn das die Möglichkeiten einschränkt. Dazu kommt übergreifend für alle Anwendungen das Thema Sicherheit im Sinne von Zuverlässigkeit und Abhör- bzw. Zugriffssicherheit. Aus ökonomischen Gesichtspunkten ist die Nutzung einer – physikalischen – Breitbandverbindung durch mehrere logische Kanäle gefordert, jeder für sich sicher getrennt vom anderen. Dazu hat sich VPN inzwischen als Standard etabliert.

Haben Sie Auswirkungen der NSA-Affäre beobachtet?

Wir merken bei den Kunden immer größere Sensibilisierung nach einer ’sicheren‘ Kommunikation. Das betrifft zum einen Schutz gegen das Mithören bzw. Mitlesen beim Austausch von Daten, also im schlimmsten Fall Schutz gegen Wirtschaftsspionage. Und zum anderen zähle ich hierzu auch die aktive Einflussnahme, also die Manipulation der Software von außen, Stichwort Cyberkriminalität. Diese gibt es nicht nur bei individuellen Hackern, sondern auch in der Ökonomie, beispielsweise um gezielt den Mitbewerb zu beeinflussen oder die Produktionsprozesse zu stören. Selbst staatliche Stellen sind häufig daran beteiligt.
Welche Standards werden im Hinblick auf IoT benötigt?
Die dem Internet der Dinge zugrunde liegenden Technologien sind stark durch die jeweiligen Anwendungen bestimmt. Bei den ’Dingen‘ handelt sich es zumeist um Embedded-Geräte oder Geräte mit ’Embedded-Intelligenz‘. Sie alle kommunizieren meist drahtlos, vornehmlich im Nahbereich. Zum Einsatz kommen dabei Sensoren, die über RFID und andere Nahbereichsnetzwerke, unter anderem WiFi 802.15.4, verbunden werden. Als Kommunikationsprotokolle zu Smart-Phones oder anderen Geräten finden neben Bluetooth hauptsächlich IPv6-TCP/IP, ZigBee, 6LoWPAN und CoAP Anwendung. Vor allem das Constrained Application Protocol gewinnt an Bedeutung, es ist ein Application-Layer-Protokoll, das es einfachen elektronischen Geräten erlaubt, auch ohne Betriebssystem über das Internet zu kommunizieren, und dabei sehr wenig Ressourcen benötigt. Insgesamt ist die Standardisierung für IoT noch in vollem Gang, und es wird noch eine geraume Zeit dauern, bis sich Standards etabliert haben. Lediglich TCP/IP ist gesetzt, als das Protokoll des Internets.
Wo sehen Sie Wachstumsmärkte?
Mit Fokus auf den M2M-Markt sehen wir viele neue Anwendungen im Bereich Industrial Automation, Vending und Transportation/Automotive. Beim letzteren Segment ist bestimmt die Car-to-Car-Kommunikation stark wachsend. Sie ist momentan noch visionär, aber alle großen Automobilhersteller arbeiten bereits daran. So können beispielsweise Fahrzeuge selbstständig ohne Interaktion von übergeordneten Stellen miteinander kommunizieren – etwa zur Meldung eines Staus, der durch die Stop-and-Go-Fortbewegung als solcher erkannt wird, oder zur Benachrichtigung über wetterbeeinflusste Fahrbahnverhältnisse wie Nässe oder Eisplatten, was durch das Fahrverhalten des Fahrzeugs festgestellt wird. Weitere Treiber sind ordnungspolitische oder gesetzgeberische Vorgaben – denken Sie beispielsweise an das Notrufsystem eCall, ein von der Europäischen Union geplantes automatisches Notrufsystem für Kraftfahrzeuge, das ab Oktober 2015 verpflichtend in alle neuen PKW-Modelle und leichten Nutzfahrzeugen eingebaut werden muss. Bei einer Kollision soll es über M2M automatisch die Notrufnummer 112 kontaktieren und Unfallort und -zeit melden.
Und wie sieht es mit dem Thema Industrie 4.0 aus?
Auch beim Hype-Thema Industrie 4.0 sehen wir großes Potenzial, zum Beispiel bei der Kommunikation von Prozessketten mit übergeordneten Systemen. So können beispielsweise Fabriken direkt mit externen Zulieferern oder Service-Dienstleistern kommunizieren und dadurch enorm an Zeit einsparen.
Was sind die Besonderheiten dieser Märkte?
Alle diesen Anwendungen verzichten auf die Interaktion durch Menschen bzw. können eigenständig kommunizieren. Das erfordert ein autonomes Verhalten der Geräte einerseits und größtmögliche Sicherheit andererseits. Die Verbindung muss hochverfügbar sein und darf keinen unerlaubten Zugriff ermöglichen. Wie wichtig das ist, zeigt das Beispiel Fabrikvernetzung via Wireless – hier wäre ein Zugriff von extern absolut inakzeptabel. Wichtige Daten könnten gestohlen werden und – mindestens genauso schlimm – Maschinen und Prozesse könnten von außen manipuliert werden. Das Interview führte Manne Kreuzer