Nächster WLAN-Standard umkämpft Frühstarts mit Beigeschmack

Am kommenden WLAN-Standard 802.11ax wird noch fleißig geschraubt.

Broadcom bietet nun als drittes Unternehmen (nach Quantenna und Qualcomm) Chips für den künftigen WLAN-Standard 802.11ax an – und das voraussichtlich zwei Jahre bevor der Standard offiziell verabschiedet ist.

Diese Eile ist nur schwer nachvollziehbar, auch wenn der neue Standard ein wichtiger Schritt vorwärts sein wird.

»Das 802.11ax Wi-Fi-Protokoll ist signifikant für die Anwender, nutzt es doch die kritischen 2,4- und 5-GHz-Bänder und ergänzt sie um OFDMA, ohne die Rückwärtskompatibilität zu älteren Protokollen einzubüßen«, erklärt Andrew Zignani, Senior Analyst von ABI Research. »Die Zahl der Wi-Fi-Geräte und der Datenverkehr explodieren, die Wi-Fi-Installation werden immer dichter, die Outdoor-Einsätze immer häufiger, und die Arten von Geräten immer vielfältiger – daher müssen die Wi-Fi-Implementierungen effizienter werden, um die Anwenderbedürfnisse und den Bandbreitenhunger besser befriedigen zu können.«

Ein Beispiel dafür lieferte der letzte Super Bowl, bei dem die Fans mit ihren Postings und Nachrichten ein Datenvolumen von 11,8 TByte während des Spiels produzierten. Neben der neu hinzugekommenen OFDMA-Modulationsform für die Up- und Downlinks liegt daher ein Schwerpunkt des neuen Standards auf Multi-User MIMO (MU-MIMO) und einer besseren Nutzung der Bänder. Ziel ist eine vierfach höhere Performance, allerdings nicht unbedingt für das einzelne Gerät, sondern mehr für den Gesamtdurchsatz. Allerdings scheinen sich die Erwartungen nicht ganz so zu erfüllen wie erhofft, denn erste Simulationen brachten nicht die erhofften Ergebnisse. Daraufhin beschloss die Arbeitsgruppe 802.11ax (TGax), die Simulationsannahmen so zu ändern, dass die gewünschten Ergebnisse leichter zu erzielen sind.

Zweifel an dieser Vorgehensweise sind sehr verständlich und haben sich vermutlich auch niedergeschlagen im Wahlergebnis zum Draft 1.0: Mit 58% Zustimmung war zwar eine Mehrheit für den Entwurf, die notwendigen 75% für die offizielle Ratifizierung wurden aber nicht erreicht. Dafür hagelte es über 7400 Einwürfe und Kommentare von den Beteiligten – diese führten zu einer Verzögerung des Standards von bislang über einem halben Jahr auf voraussichtlich Juli 2019. Betrachtet man nun die Veröffentlichungstermine der ersten 801.11ax-Chips im Detail, spiegeln sich die Wahlergebnisse kaum wider.

Quantenna kündigte bereits vor der Veröffentlichung des Draft 1.0 seinen ersten Chip an und legte dann mit einem zweiten während des Wahlzeitraums nach. Die Ablehnung des Draft 1.0 hinderte Qualcomm nicht, rund einen Monat später die beiden ersten eigenen 802.11ax-Chips vorzustellen. Broadcom hat jetzt mit drei Chips nachgelegt und liegt damit noch vor der im September beginnenden Abstimmung über den Draft 2.0.

Alle drei Unternehmen waren mit zwölf weiteren – darunter auch Intel, Apple, Cisco und Huawei – am „DensiFi-SIG“-Skandal beteiligt. Die Firmen bildeten laut einem offiziellen Untersuchungsbericht des 802.11-Kommitees ein geheimes Kartell, das zwei Jahre lang illegal trickste und Abstimmungsergebnisse verzerrte. Daraufhin wurde dieses Kartell aufgelöst.

Vordergründig kann man das Vorpreschen der Firmen als Versuch werten, den Kunden die Chance zu geben, funktionstüchtige 802.11ax-Geräte bis zur CES im Januar 2018 zu entwickeln. Denn aus deren Kreisen wurde mit „MulteFire“ eine vermeintliche Konkurrenz ausgemacht, der es zuvorzukommen gilt: Der auf 3GPP-Technolgie (LTE) basierende Entwurf nutzt ebenfalls die lizenzfreien Bänder, und die Infrastruktur soll von jedermann per „Hotspot“ erweiterbar sein – allerdings wird keine installierte Basis unterstützt, ganz im Gegensatz zur 802.11-Fraktion, die dieses Jahr voraussichtlich 3 Mrd. WLAN-Geräte verkaufen wird.

Mit den Frühstarts gilt es aber auch, Firmen, die an 802.11ax mitarbeiten, von ihrem Kurs abzubringen, die MU-MIMO-Technologie in zwei Stufen auf den Markt bringen zu wollen und damit eines der wichtigsten Marketingargumente zu entkräften. Es bestehen also diverse wirtschaftliche Interessen, und im Hintergrund lauert der Mobilfunkstandard 5G als möglicher disruptiver Faktor. Allerdings darf dies nicht die Qualität des neuen WLAN-Standards beeinträchtigen – sowohl für die Rückwärtskompatibilität als auch den erhofften neuen Mehrwert.