Kommentar Zwischen Wunschdenken und Realität

Ohne klare Entscheidungsgrundlagen bleibt die umfangreiche Integration von Flüchtlingen in die deutsche Wirtschaft wohl Illusion.

Obama und Putin nähern sich an, sie wollen den Konflikt in Syrien entschärfen. So lautet die jüngste Nachricht von der UN-Generalversammlung Anfang der Woche. Konkret bedeutet das: Man ist sich einig darüber, dass die Situation in Syrien ein Problem darstellt, nur wie man es letztlich lösen will und wie die Perspektive für Syrien und die Menschen aussieht, darüber gehen die Ansichten auseinander.
In der Konsequenz bedeutet das, die Menschen aus der Konfliktregion, die dazu in der Lage und willens sind, werden ihr Heil weiter in der Flucht suchen. Und das gilt nicht nur für Syrien. Die jüngsten Nachrichten aus Kundus nähren nicht unbedingt die Überzeugung, dass Afghanistan ein Land ist, das in absehbarer Zeit zur Ruhe kommen wird.

Nachdem sich Deutschlands Ruf als wirtschaftliche Großmacht und Land mit nach wie vor liberaler Asylpolitik auch schon vor den Zeiten des Internets und der sozialen Medien in der Welt herumgesprochen hat, wird der Strom derer, die hier Schutz und eine Zukunft suchen, auch in Zukunft kaum abreißen.
Je nach politischem Standpunkt und Weltanschauung sehen die einen darin zu allererst einmal eine Bedrohung, die anderen werden nicht müde, die Chancen dieser unerwarteten Zuwanderung zu preisen. Der Zustrom an jungen, arbeitsfähigen Menschen werde dazu beitragen, kurz- und mittelfristig den Facharbeitermangel zu beheben, und langfristig Deutschlands Wohlstand sichern.

Glaubt man den Äußerungen von Bundeswirtschaftsminister Siegmar Gabriel, dann handelt es sich zum Großteil um gut qualifizierte Menschen: Ärzte, Wissenschaftler, Techniker, die nur Deutschkurse benötigen und dann in unsere Wirtschaft eingegliedert werden können. Seltsam nur, dass Ilse Aigner, Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, darauf aufmerksam machen musste, dass nach bisheriger Erfassung etwa ein Drittel der Flüchtlinge maximal einen Hauptschulabschluss aufweisen.

Viel wichtiger ist wohl der Umstand, dass 29 Prozent derjenigen, die im ersten Halbjahr 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, minderjährig sind. Vor diesem Hintergrund werden es wohl mittelfristig vor allem die Jugendlichen und jungen Heranwachsenden sein, auf die sich die Hoffnungen im Hinblick auf die zukünftige Fachkräftesicherung richten.

Um dies zu gewährleisten, bedarf es einer verstärkten Ausrichtung unseres Schulsystems auf die Integration dieser Menschen, die sich nicht nur in intensivierten Deutschkursen niederschlagen darf. Dass Deutschland nicht unbedingt das Land ist, das hochqualifizierte Spezialisten mit guten Englischkenntnissen anzieht, dürfte spätestens seit den Erfahrungen mit der Greencard zu Dotcom-Zeiten klar sein.
Hochqualifizierte, die Sicherheit und Perspektive für sich und ihre Familien suchen, werden aller Wahrscheinlichkeit nach Deutschland nur als Zwischenstation betrachten. Auf sie dürfte die Anziehungskraft der USA mit ihren nach wie vor fantastischen Perspektiven für bestens ausgebildete, leistungsbereite Zuwanderer stärker wirken als die in den letzten Wochen mit Unterstützung zahlloser Freiwilliger aufgebaute »deutsche« Willkommenskultur.

Der Wille zur Integration setzt aber auf beiden Seiten auch Planungssicherheit voraus. Kein Wirtschaftsunternehmen wird in die Integration potenzieller Mitarbeiter investieren, wenn die dann nach zwei Jahren wieder das Land verlassen müssen. Beschleunigte Asylverfahren, mit klaren Entscheidungen am Ende, sollten für die Politik also aus verschiedenen Gründen oberste Priorität haben.