"Die Facharbeiter werden am ehesten die Veränderungen erfahren" Zukunft der Produktionsarbeit

Produktionsmitarbeiter der Zukunft könnten künftig per Smartphone über Schichtänderungen informiert werden und ihre Einsätze steuern.
Produktionsmitarbeiter der Zukunft könnten künftig per Smartphone über Schichtänderungen informiert werden und ihre Einsätze steuern.

Eine Produktion, die sich weitgehend selbst organisiert, steuert und ihre Prozesse dabei auch noch optimiert – braucht man dazu noch Menschen?

Für Experten wie Dr. Sebastian Schlund steht das außer Frage: »Der Mensch wird im Rahmen von Industrie 4.0« weiterhin gebraucht, sagt der Leiter des Competence Team Produktionsmanagement am Fraunhofer IAO.

Maschinen sollen so intelligent werden, dass Aufträge und Materialien ihre Bearbeitung steuern und Anlagen sich melden, wenn sie eine Wartung benötigen. Dafür sorgen Sensoren, Aktoren, eingebettete Steuerungen und binäre Speicherkapazitäten. Doch eine kreative Intelligenz zur kontinuierlichen Verbesserung der Prozesse – das bleibt weiterhin den Menschen vorbehalten, also Fachkräften an der Schnittstelle der Maschinen.  

Allerdings erzwingt die neue Dynamik von Industrie 4.0 neue Formen flexibler Arbeit – zum Beispiel hinsichtlich der Arbeitsorganisation, Erreichbarkeit und Arbeitszeit. Denn der Einsatz der Experten soll ebenso in Echtzeit erfolgen wie der Einsatz der Maschinen.

Dazu werden momentan flexible Arbeitszeitmodelle und Beschäftigungsformen eingesetzt: Gleitzeitkonten, Betriebszeiten werden um Zusatzschichten verlängert, Teilzeitkräfte und Aushilfen sind kurzfristig abrufbar, Zeitarbeitskräfte gleichen saisonale Schwankungen aus.

 

Im Forschungsprojekt »KapaflexCy« entwickeln die Fraunhofer-Experten Lösungen, die es Unternehmen erlauben, ihre Produktionskapazitäten gemeinsam mit den Mitarbeitern hochflexibel, kurzfristig und unternehmensübergreifend zu steuern. Die heute üblichen vertikalen Anweisungskaskaden »von oben nach unten« sollen durch horizontale Entscheidungen in und zwischen Arbeitsgruppen ersetzt werden. Kommuniziert wird über Smartphones und Social-Media-Anwendungen. Zum Beispiel könnten so bei Schichtänderungen alle in Frage kommenden Mitarbeiter Einsatzanfragen erhalten. Geht es nach den Fraunhofer-Experten, werden sie zukünftig aktiv in Entscheidungen zur Einsatzplanung eingebunden, sie erhöhen in Eigenverantwortung die Flexibilität des Unternehmens und erleben zugleich eine transparente Personaleinsatzplanung. Die entstehende Flexibilität soll die Unternehmensinteressen mit den modernen und vielfältigen Lebensrealitäten verbinden: »Man denke an doppelte Erwerbstätigkeiten in Familien, die Mobilitätswünsche von Singles oder an reduzierte Arbeitszeitangebote für eine alternde Belegschaft«, so Sebastian Schlund.

Die IG Metall hat sich frühzeitig einen Platz im Boot erkämpft, um eine »Leitplanke« für gute Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen zu schaffen. Denn auf eine reine ökonomische Optimierungsstrategie möchte Dr. Constanze Kurz das Thema Industrie 4.0 nicht reduziert sehen. Sie arbeitet im Vorstand der IG Metall im Funktionsbereich Betriebs- und Branchenpolitik und hat im Arbeitskreis Industrie 4.0, der auf der Hannover Messe sein Schlussergebnis präsentieren wird, federführend mitgearbeitet. »Industrie 4.0 wird neue Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine schaffen. Das bedeutet für die Qualifikationsanforderungen an Ingenieure und Fachkräfte sicher keinen völligen Umbruch, eher eine beständige Fortentwicklung, vor allem in Richtung zu mehr Interdisziplinarität zwischen den einzelnen beteiligten Disziplinen mit starker Fokussierung auf Software. Die Facharbeiter an den Maschinen werden am ehesten von Veränderungen betroffen sein, werden flexibler und dezentraler agieren müssen. Wir nehmen das sehr ernst und wollen durch unsere aktive Mitarbeit im Arbeitskreis für gute Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen und entsprechende Weiterbildung sorgen.« Denn die Technik müsse an den Menschen angepasst werden, nicht nur umgekehrt. »Unser Ziel ist es, dass Technik so gestaltet wird, dass sie zu besserer Arbeit für die Beschäftigten führt. In diesem Sinne glauben wir, dass Industrie 4.0 zu einem attraktiven Arbeitsumfeld mit neuen Produkten und Geschäftsmodellen werden kann!«, erklärt Kurz. 

Dabei sind sich die Experten einig, dass es sich weniger um eine Revolution als um eine Evolution handeln dürfte, die bereits seit etlichen Jahren von statten geht. Wenngleich Industrie 4.0 noch mehr Theorie als anfassbare Wirklichkeit ist: Erste Ergebnisse gibt es zum Beispiel als sich selbst korrigierende Stanz-Biege-Maschine bei Weidmüller zu besichtigen.