Ab 1. Mai gilt auch für Mittel- und Osteuropäer die Arbeitnehmerfreizügigkeit »Wir erwarten keinen Ansturm von Ingenieuren aus Osteuropa«

Suchen Unternehmen jetzt gezielt Ingenieure aus Osteuropa? Ab 1. Mai können Bürger aus acht Staaten in Ost- und Mitteleuropa (Estland, Litauen, Lettland, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn) in Deutschland arbeiten, ohne extra eine Arbeitserlaubnis beantragen zu müssen. Auch für sie gilt nun die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Personalberater geben Entwarnung.

„Nein, hier beobachten wir bisher keine Nachfrage seitens unserer Kunden. Bisher können wir auch aus dem bestehenden Potential in Deutschland unsere Projekte erfolgreich besetzen, da gibt es noch keine "Not"«, berichtet Personalberater Christian Pape.

Und auch Udo Wirth, der sich mit seiner Beratungsgruppe Wirth +Partner auf mittelständische Unternehmen spezialisiert hat, winkt ab: „Bis jetzt ist das für uns noch kein Thema. Weder haben wir Kundenanfragen nach Ingenieuren aus Osteuropa noch suchen wir dort zurzeit aktiv.“ Allerdings sei es noch früh für Prognosen: „Wie sich diese Situation in der Zukunft darstellen wird ist derzeit noch sehr schwer vorhersehbar.“ Auch Personalberater Norbert Ritter aus Moosburg hält den Ball flach: „Für mich sind Mitarbeiter aus den östlichen EU-Staaten bisher kein Thema. Wir haben auch keine Mandanten, die gezielt in diesen Staaten suchen.“

Thomas Hegger von Hegger, Riemann und Partner stellt bisher keinen „Run“ aus Osteuropa fest: »Von Seiten unserer Mandanten haben wir keine spezielle Anfragen für Ingenieure aus Osteuropa erhalten. Wichtig für sie ist die fachliche Qualifikation und die Persönlichkeit - und beides ist nicht anhängig von der Nationalität.“ Auch innerhalb von Netzwerken wie Xing oder Experteer, die Personalberater regelmäßig nach guten Kandidaten durchforsten, hat Thomas Hegger keine Zunahme von Profilen osteuropäischer Ingenieure festgestellt. Er erklärt das so: „Die Ingenieure, die nach Westeuropa kommen wollten, haben bereits größtenteils die Chance in den vergangenen Jahren seit 2004 genutzt und sich in den EU-Staaten niedergelassen, die die Übergangsfristen im Gegensatz zu Deutschland nicht genutzt haben, wie etwa Großbritannien und Irland.“ Zumal hochqualifizierte Ingenieure bereits in den letzten Jahren ohne Schwierigkeiten eine Arbeitserlaubnis für Deutschland erhalten konnten, wenn bestimmte Rahmenparameter, etwa beim Gehalt, eingehalten wurden. „Wir erwarten daher in den nächsten Wochen und Monaten keinen Ansturm von Ingenieuren aus Osteuropa, der die vorhandene Ingenieurlücke schließen wird.“, ergänzt Hegger.

Renate Schuh-Eder von Schuh-Eder Consulting beschränkt ihre Suche längst nicht mehr auf den deutschsprachigen Raum: „Osteuropäische Ingenieure werden bei uns aktuell nicht extra angefragt, sondern sie sind seit Jahren gerne gesehen, sofern ihre Deutschkenntnisse ausreichend sind. Die hohe fachliche Kompetenz  und das überdurchschnittliche Engagement zeichnen die Osteuropäer bereits seit langem aus!“ In der Vergangenheit sei es notwendig gewesen, eine Arbeitserlaubnis zu beantragen. „Ich habe aber in keinem Falle erlebt, dass dies ein Problem dargestellt hätte.“, erinnert sich Schuh-Eder. „Osteuropäer, die offen sind, nach Deutschland zu ziehen, sind schon lange in den einschlägigen Datenbanken präsent. Wir auch!“

Vor allem die boomende Dienstleistungs- und Zeitarbeitsbranche wird sich die Chancen nicht entgehen lassen, die durch die neue Freizügigkeit erwachsen. Stefan Eichholz, Mitglied der Geschäftsleitung bei Ferchau: "Ferchau Engineering sucht schon lange nicht mehr nur in Deutschland nach Fachkräften. Die Ingenieure und IT-Consultants aus den betreffenden Länden sind oft hervorragend qualifiziert und wissen sehr genau 'was sie Wert sind'. Die Prämisse 'Gleiches Gehalt für gleiche Qualifikation und Leistung' gilt für die ausländischen Mitarbeiter wie für die Deutschen. Dies ist uns allein schon aus der unternehmerischen Verantwortung heraus ein wichtiges Anliegen, das u. a. durch unsere Tarifbindung mit der IG Metall den entsprechend verbindlichen Rahmen erhält."

Offizielle Stellen beruhigen, etwa Arbeitsagentur-Chef Frank Weise. Seiner Ansicht nach werden weit weniger Zuwanderer nach Deutschland kommen, als für die boomende Konjunktur und wegen des demographischen Wandels benötigt werden. "Deutschland ist weniger attraktiv, als viele glauben. Junge, gut ausbildete Osteuropäer gehen oft lieber nach England, wo sie auch geringere Sprachprobleme haben", wird Weise in der "Rheinischen Post" zitiert. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt frohlockt angesichts der bevorstehenden Öffnung des Arbeitsmarktes: "Die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit wird sich gesamtwirtschaftlich positiv auswirken und dazu beitragen, unseren Fachkräftebedarf zu sichern".  

Auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht in der Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus osteuropäischen Ländern eine "möglicherweise einmalige" Chance für Deutschland und einen „richtigen Schritt zur richtigen Zeit", wie IW-Chef Michael Hüther bekräftigte.  Bis Ende 2012 könnten bis zu 800.000 zusätzliche Arbeitskräfte aus Osteuropa nach Deutschland kommen, schätzt das IW in einer neuen Studie. In den folgenden Jahren werde die Zahl deutlich sinken, so dass es bis zum Jahr 2020 insgesamt rund 1,2 Millionen Menschen sein würden. Gut qualifizierte Experten aus Ost- und Mitteleuropa könnten den „wachsenden Mangel an Fachkräften“ in Deutschland etwas mildern. Viele Beschäftigte hierzulande teilen die Euphorie laut einer IW-Umfrage aber nicht. Insgesamt 40 Prozent aller Befragten haben Sorge, dass sich die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit auf den eigenen Arbeitsplatz negativ auswirken könnte. Das befürchten auch Gewerkschaften und Teile der SPD: Sie warnen vor Lohndumping durch Billigarbeitskräfte.