Stillstand Wie Elektrohandwerker mit der Energiewende kämpfen

Bernd Dechert, Geschäftsführer Technik beim Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke: "Wir haben bestehende Ausbildungen reformiert und neue geschaffen. Die Inhalte wurden „technikoffen“ formuliert, so dass unsere Gesellen in allen Bereichen der Elektrohandwerke arbeiten können, mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der Ausbildung."
Bernd Dechert, Geschäftsführer Technik beim Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke: "Wir haben bestehende Ausbildungen reformiert und neue geschaffen. Die Inhalte wurden „technikoffen“ formuliert, so dass unsere Gesellen in allen Bereichen der Elektrohandwerke arbeiten können, mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der Ausbildung."

Das intelligente Haus und die Vernetzung von Gebäuden und Anlagen mit dem Stromnetz, um Lasten gleichmäßig zu verteilen, sind als wichtige Bestandteile der künftigen Energiewende und Aufgaben des Elektrohandwerks, das dringend Fachkräfte sucht. Ein Gespräch mit Bernd Dechert, Geschäftsführer Technik beim Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke.

Herr Dechert, Elektrohandwerker sollen die Umsetzungskompetenz für die Energiewende besitzen – wie sieht es damit aus?

Bernd Dechert: Wir möchten eine entscheidende Rolle spielen. Das Elektrohandwerk ist nicht nur dafür verantwortlich, die intelligente Haustechnik einzubauen, wir müssen beim Kunden auch den Nutzen solcher Systeme vermitteln können. Das Elektrohandwerk hat damit die einmalige Chance, mit Beratung, Verkauf und Installation von Anlagen für den Eigenverbrauch eine wichtige Rolle in der Energiewende zu spielen.

Warum ist Smart Home noch Zukunftsmusik, die Geräte dafür sind verfügbar. 

Ein Problem ist die schleppende und unklare Gesetzgebung. Das ist einer unsere Kritikpunkte. So lief beispielsweise die überstürzte Absenkung des EEGs nicht zu unserer Zufriedenheit ab, im Gegenteil. Die unklare Gesetzeslage war für den Markt schädlich. In der Folge ist der PV-Markt 2012 im ersten Quartal starkeingebrochen. Ab Juni/Juli kam dann ein geballter Nachholeffekt, bei dem wir mit der Installation neuer Anlagen kaum nachkamen.

Und ähnliches droht jetzt mit den Speichersystemen. Die ungeklärte Gesetzeslage lässt den Markt nicht in Gang kommen. Eigentlich sollte das Energiespeicher-Förderprogramm längst da sein. Nun soll es am 1. Mai in Kraft treten – ich glaube nicht daran.

Dabei hätte das Elektrohandwerk nach dem PV-Boom eine neue große Aufgabe.

Richtig. Noch vor ein paar Jahren waren Photovoltaikanlagen auf dem Dach ein renditeorientiertes Geschäftsmodell. Mit Wegfall bzw. Kürzung der Einspeisevergütung hat sich das Modell in Richtung Eigenverbrauch gewandelt. Das Prinzip: ortsnah erzeugen und verbrauchen. Eine große Aufgabe für uns, Speicher und Energiemanagement nicht nur zu installieren, sondern auch zu beraten. Denn noch fehlt in der Regel die Infrastruktur dafür im Haus. Wir müssen den Markt sensibilisieren, Qualifizierungsmaßnahmen ergreifen und die Betriebe auf diese neuen Möglichkeiten vorbereiten. Das Handwerk muss dazu spezifische Kenntnisse haben: etwa welche Räumlichkeiten überhaupt für Speicher geeignet sind, wie Ladesysteme auf Speicher abgestimmt werden etc. Die Vorarbeit hierzu müssen wir in Zusammenarbeit mit der Industrie leisten.

Das zweite große Hindernis ist der Stand der Normung. Aktuell haben wir zwar Produkte, mit denen wir aber angesichts der fehlenden Normung den Kunden nur schwer bedienen  können. Wir behelfen uns mit  Richtlinien, die wir gemeinsam mit den Herstellern erarbeiten und den Normungsgremien zur Verfügung stellen.

Wann rechnen Sie mit einer klaren Normung?

In etwa zwei bis drei Jahren.

Und wie gehen Sie zwischenzeitlich mit diesem Stillstand um?

Wir appellieren an die Politik. Preislich bewegen wir uns ja noch in einem hohem Segment, das vor allem Trendsetter anspricht. Das Thema Smart Home und Energiemanagement durchläuft noch viele Entwicklungssprünge, in die Erfahrungswerte dieser Erstnutzer einfließen. Genau dafür sind Förderprogramme notwendig!  

2003 und 2008 haben Sie ihre Ausbildungsberufe in zwei Schritten angepasst. 

Wir haben bestehende Ausbildungen reformiert und neue geschaffen. Die Inhalte wurden „technikoffen“ formuliert, so dass unsere Gesellen in allen Bereichen der Elektrohandwerke arbeiten können, mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der Ausbildung.

So entstand 2003 aus dem ehemaligen Elektroinstallateur der Elektroniker Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik. Daneben haben wir den Elektroniker Fachrichtung Automatisierungstechnik und Fachrichtung Informations-und Kommunikationstechnik geschaffen. Mit den drei Ausrichtungen ist die gesamte Bandbreite des Einsatzgebietes abgebildet.

Der Markt ist ja noch nicht in Schwung gekommen. Wie stellen sie die Weiterbildung Ihrer Mitglieder dennoch sicher?

Als Verband haben wir einen bestimmten Wissensvorsprung und müssen unsere Mitglieder auf neue Märkte aufmerksam machen und Trends vermitteln. Wir arbeiten mit einem Netzwerk aus sechs innungsnahen Schulungsstätten zusammen, das deutschlandweit verteilt ist. Es heißt Elkonet. In diesem Rahmen haben wir zum Beispiel den „E-CHECK PV“ entwickelt, einen Funktions- und Sicherheitscheck von älteren PV-Anlagen.

Haben die älteren Elektroinstallateure Schwierigkeiten mit dem ständigen Wandel?

Zunächst einmal muss ich betonen, dass der Wandel in der Ausbildung nicht bedeutet, dass der „alte Elektroinstallateur“ das heutige Handwerk nicht mehr versteht. Ständige Fort- und Weiterbildungen speziell im Bereich Erneuerbare Energien - etwa beim Elkonet oder bei einer anderen verbandsnahen Schulungsstätte - gehören selbstverständlich dazu, um immer auf dem neuesten Stand zu sein.

Was innerhalb der dualen Ausbildung in Schule und Lehrbetrieben nicht vermittelt werden kann, etwa wenn die Technologie, wie bei Lichtwellenleitern, noch sehr neu ist, dann setzen wir auf überbetriebliche Ausbildung. Unser Pilotprojekt "Überbetriebliche Ausbildung in der Lichtwellenleitertechnik" etwa wird von den Branchenpartnern DIHK, VATM, ZVEH sowie ZVEI unterstützt. Der erfolgreiche Ausbau des Glasfasernetzes kann nur mit gut ausgebildeten Fachkräften gelingen.

Aufgrund der technikoffenen Gestaltung der Ausbildungsberufe sind dafür jedoch keine Änderungen der Ausbildungsverordnungen erforderlich. Die nötigen Qualifizierungen können in bestehende Ausbildungsgänge integriert werden. 

Bekommen Sie denn genügend Auszubildende?

Insgesamt bilden die E-Handwerke knapp 40.000 Azubis aus, jährlich machen etwa 12.000 Lehrlinge ihren Gesellenabschluss. Diese Zahl ist seit fünf Jahren konstant. Allerdings gibt es mittlerweile mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Der Fachkräftemangel ist ein grundsätzliches Problem. Wir haben nicht nur zu wenig Gesellen, wir haben auch zu wenig Auszubildende. Zum einen liegt das daran, dass die Industrie von der zunehmenden Elektrifizierung betroffen ist und aufgrund des großen Bedarfs ebenso Fachkräfte und Azubis sucht und aus dem Handwerk ab zieht. Die Konkurrenz ist also groß. Zum anderen haben wir den Eindruck, dass die Leistungskurven in den Haupt- und Realschulen gesunken sind.

Umso stärker werben wir für die spannenden Berufe in den E-Handwerken, die jungen Leuten sehr viel Entfaltungspotenzial bietet. Zum Beispiel liegt uns viel daran, auch Frauen für unsere Ausbildungen zu gewinnen. Und natürlich ausländische Fachkräfte, was aber nicht ganz leicht ist. Wir können freilich die Anforderungen nicht herunterschrauben.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck