Ingenieurmangel Wie die Lücken gestopft werden

Die Grafik basiert auf dem „Hays-Fachkräfte-Index“, eine quartalsweise Auswertung aller Stellenanzeigen in regionalen und überregionalen Tageszeitungen sowie Online-Jobbörsen durch Hays.

Der ZVEI warnte zuletzt sogar vor Konjunktureinbrüchen: Ist die Lage am Arbeitsmarkt für Elektronik und Informationstechnik wirklich so dramatisch, dass er das Wachstum behindert, oder darf man das unter Lobbyismus verbuchen?

Wie Markt&Technik-Recherchen ergeben haben, decken ausländische Fachkräfte inzwischen einen wesentlichen Teil des Bedarfes der Unternehmen an Elektronik-Absolventen.

Das Polster an rund 65.000 arbeitslosen Ingenieuren war noch Ende der 1990er, Anfang der Nuller-Jahre das Hauptargument gegen den Ingenieurmangel. Es ist längst abgeschmolzen. VDE-Berufsexperte Dr. Michael Schanz: »Die Arbeitslosigkeit von Elektroingenieuren beträgt in Baden-Württemberg und Bayern etwa 1 Prozent, also nicht nennenswert. Der Trend geht immer mehr in Richtung Verknappung.«

Aktuell stark gesucht und knapp sind vor allem hardwarenahe Softwareentwickler. Sie gehören zu den gesuchtesten technischen Profilen in Deutschland, wie neue Auswertungen von Hays zeigen (siehe Bild 1): In den letzten zwei Jahren ging die Zahl der offenen Stellen für HWN-Softwareentwickler steil nach oben, ebenso wie für Automatisierungstechniker und Projektleiter. Automotive-lastige Unternehmen wie etwa dSpace, Vector Informatik, Bosch, Brose oder ArcCore benötigen beispielsweise HWN-Softwareentwickler. Ein erheblicher Teil dieser Spezialisten und ein Großteil der Studierenden in Elektronik und Informationstechnik kommt aus dem Ausland. Ausländische Studenten helfen in der Region Ostwestfalen inzwischen sogar dabei, die Studiengänge auszulasten, wie Harald Wilde, Personalleiter von dSpace, berichtet: »Viele Master-Studiengänge hier in der Region würden ohne diese ausländischen Studierenden gar nicht mehr stattfinden.«

Das kann Dr. Michael Schanz, zuständig für Bildung, Wissenschaft und Beruf beim Verband VDE, sogar mit Zahlen unterlegen (vgl. Bild 2): 2014 waren bereits über 16.000 ausländische Studierende in E-Technik eingeschrieben. Die fertigen Spezialisten füllen auch zunehmend die Reihen der unbesetzten Stellen auf, sofern sie im Land bleiben und einigermaßen Deutsch sprechen. dSpace zufolge stammen 80 Prozent der Bewerbungen beim Paderborner Unternehmen inzwischen von Indern, Chinesen oder Pakistanern. (Das Interview mit dSpace-Personalleiter Harald Wilde lesen Sie auf S. 38.) Von Ende 2012 bis Frühjahr 2017 haben laut Institut der Deutschen Wirtschaft 36.000 Ausländer einen akademischen MINT-Job angenommen, jeder neunte von ihnen war Inder. Dynamisch gestiegen sei zuletzt auch die Beschäftigung von Eritreern, Irakern, Afghanen und Syrern in MINT-Facharbeiterberufen.

Dazu Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln: »Ohne Zuwanderung wären die Engpässe deutlich höher. Ende Dezember fehlten bereits 292.000 MINT-Fachkräfte – ohne die jüngsten Erfolge bei der qualifizierten Zuwanderung würden rund 424.000 MINT-Fachkräfte fehlen.«