Wenn Führungskräfte benotet werden

Nach Berichten von Beratern stehen Beurteilungsinstrumente wie das »Management Audit« in neuer Blüte. Auch ihr Einsatz im Mittelstand häuft sich, etwa wegen Nachfolgeregelungen oder dem Informationsbedarf von Investoren. Es geht vor allem darum, das Zusammenspiel der Spitzenkräfte unter die Lupe zu nehmen und deren Potenziale einzuschätzen. Somit soll sichergestellt sein, die besten Denker und Macher an Bord zu haben.

Das Management Audit erlebt gerade ein Comeback. Denn es verspricht, ein objektives Bild der Kernkompetenzen der Führungsmannschaft zu liefern, was aus Sicht der Geschäftsleitung in vielerlei Hinsicht wertvoll ist. Doch gerade »gestandenen Managern« kann dabei mulmig werden: Was will der Chef? Gilt meine langjährige Erfahrung auf einmal nichts mehr? Werden meine Erfolge in Zweifel gezogen? Oder braucht man etwa eine Ausrede, um einen Jüngeren auf meine Position zu hieven?

So wie Rainer S. (Name geändert). Der langjährige Vertriebsleiter war fassungslos: Der neue Vorstand, ein früherer Unternehmensberater, hatte ein Management Audit für die zweite Führungsebene angekündigt. S. war verunsichert: Geht es wirklich nur um eine Potenzialanalyse, oder eher um Selektion und Stellenabbau, um den Abwurf von »Ballast«? Für solche Restrukturierungsmaßnahmen sind Unternehmensberater doch schließlich bekannt, oder nicht? Aus Gesprächen mit seinen Kollegen hörte S. viele gleichgerichtete Befürchtungen heraus.

Er entschloss sich, offen mit dem Vorstand über seine Bedenken zu reden. Der ließ durchblicken, dass über eine größere Reorganisation nachgedacht wurde, und da wolle er ein möglichst objektives Bild seiner Leitenden haben – vor allem, wo deren Kernkompetenzen lägen und welche Potenziale erkennbar seien. Außerdem erbitte der Aufsichtsrat eine Bestandsaufnahme. Das könne der Vertriebsleiter doch nachvollziehen, oder?

Solche Ängste unter Führungskräften sind verständlich. Sie sind Prüfungssituationen, wie sie in einem Audit vorkommen, in der Regel nicht mehr gewohnt. Daher ist es nur natürlich, dass sie einen vom Vorstand angeordneten Manager-Check als Bedrohung empfinden. Aus strategischer Sicht liegt der Sinn des Verfahrens freilich auf der Hand: Es geht um das Aufdecken von Zukunftspotenzialen. Ein permanent vor Herausforderungen stehendes Unternehmen muss sicher sein können, die besten Denker und Macher an Bord zu haben. Und ein Management Audit verspricht, ein objektives Bild der Kernkompetenzen in der obersten Heeresleitung zu liefern.