Wenn der Chef selbst lehrt

In den 90er Jahren propagierten die Management-Theoretiker die »lernende Organisation«. Flexible Unternehmen, so die Theorie, verwandeln äußere Ereignisse in Wissenszuwachs nach innen. Weil das aber nicht so recht geklappt hat, wird jetzt das Vorgängermodell der »lehrenden Organisation« reaktiviert: Personalentwicklung ist Chefsache.

E.ON ist dran, Volkswagen macht was, und auch Shell denkt darüber nach, wie man die Personalentwicklung optimieren könnte. Über die gleiche Frage zerbrechen sich augenblicklich zahlreiche HR-Verantwortliche aus dem Mittelstand den Kopf. Denn erstens sind und bleiben die Führungstalente knapp.

Zweitens verschlingen externe Trainings und Coachings viel Geld, bei zunehmend angezweifeltem Erfolg. Und drittens brauchen auch Personalentwickler von Zeit zu Zeit neue Impulse. Denn von nichts, daran hat die Finanzkrise eindrücklich erinnert, kommt langfristig meist noch viel weniger.

Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe guter Gründe, das bereits in den 80er Jahren von Noel Tichy entwickelte Konzept der »lehrenden Organisation« hervorzukramen und wiederaufzubereiten. Hatte doch der Professor für Personal und Organisation an der University of Michigan nicht nur eine Idee formuliert, sondern diese auch bei General Electric auf Praxistauglichkeit getestet. Ganz daneben scheint sie nicht zu sein: Immerhin ist GE das einzige Unternehmen, das sich seit 1896 im amerikanischen Dow-Jones-Index behauptet.

Wissen über hierarchische Grenzen hinweg weitergeben

In Deutschland macht sich Professor Karlheinz Schwuchow, Inhaber des Lehrstuhls für Internationales Management an der Hochschule Bremen, für das Recycling von Tichys Gedanken stark. »In einer lehrenden Organisation leistet jeder Mitarbeiter seinen Beitrag zur Wissensbasis des Unternehmens, indem er sein Wissen über funktionale und hierarchische Grenzen hinweg weitergibt «, fasst Schwuchow zusammen. Das Konzept beruhe auf drei Grundannahmen:

• Nur Führungskräfte können Führungskräfte entwickeln.
• Jede Führungskraft sollte ihrem Nachfolger vermittelbare Führungsprinzipien hinterlassen.
• Führungskräfte und Nachwuchsführungskräfte lernen voneinander.