Studium Welche Studienfächer braucht die Energiewende?

Prof. Dr.-Ing. Jochen Kreusel, Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft im VDE und Leiter Smart-Grids, ABB
Prof. Dr.-Ing. Jochen Kreusel, Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft im VDE und Leiter Smart-Grids, ABB. "Insgesamt ist der Ingenieurmangel spürbar – natürlich auch bei ABB, aber er wirkt noch nicht behindernd. Perspektivisch muss man aber auch sehen, dass das Interesse an energietechnischen Themen und Studiengängen in den zurückliegenden Jahren stetig zugenommen hat. Das ist kein Grund, sich entspannt zurückzulegen, aber es bedeutet auch, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen."

Das Informatik-Studium ist beliebt wie nie, während klassische Ingenieursdisziplinen verlieren. Dabei liegt man mit einem Elektronik-Studium auf gar keinen Fall falsch, wie Dr. Michael Schanz, Arbeitsmarkt-Experte beim VDE und Dr. Jochen Kreusel, Leiter des Konzernprogramms Smart Grids bei ABB, erklären.

Smart Grid wird auch »Internet der Energie« genannt – heißt das, die Rolle der Ingenieure verliert zugunsten der Informatiker?

Dr. Michael Schanz: Das glaube ich nicht. Dafür benötigt man für die Energiewende bzw. für ein Smart Grid viel zu viel technische Infrastruktur – von der Komponente über Geräte bis hin zu ganzen Anlagen für Energieerzeugung, Energietransport und Energieverteilung – und diese bestehen nicht nur aus Software.

Dr. Jochen Kreusel: Sicherlich nimmt das Gewicht informationstechnischer Fragen in der elektrischen Energieversorgung zu. Allerdings deckt auch die Ingenieurausbildung diese Aspekte ab, so dass ich daraus keine Verschiebung von Ingenieuren zu Informatikern ableiten würde. Jedenfalls kann (und muss m.E.) man aber sagen, dass die Notwendigkeit zunimmt, dass energie- und  informationstechnisch geprägte Experten sich gegenseitig besser verstehen.

Der BITKOM hat Zahlen veröffentlicht, wonach sich immer mehr Studienanfänger in Informatik einschreiben und nicht in Elektrotechnik oder Maschinenbau. Macht Ihnen das Sorgen?

Schanz: Diese Zahlen sind schon seit längerem bekannt – zumindest als vorläufig geltende Zahlen des statistischen Bundesamtes. Anfang Dezember erst hatte ich für den VDE eigene Zahlen herausgegeben, wonach Elektrotechnik und Informationstechnik als Studienfach weiterhin beliebter sind als andere Technikstudiengänge. 2012 schrieben sich 26.449 Studienanfänger für die Studiengänge Elektrotechnik und Informationstechnik ein – so das damals vorläufige Ergebnis des Statistischen Bundesamtes. Das war zwar ein Minus von 1,7 Prozent zum Vorjahr, doch fiel dieses im Vergleich zum Rückgang im Maschinenbau (–6 Prozent) und im Bauingenieurwesen (–7 Prozent) deutlich geringer aus.

Die Beliebtheit der Elektrotechnik und Informationstechnik als Studienfach ist letztes Jahr im dritten Jahr in Folge angestiegen. Gleichzeitig ist der Anteil weiblicher Studienanfänger von 11 Prozent auf knapp 13 Prozent angewachsen. Das ist noch nicht zufriedenstellend, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Die mediale Präsenz der Elektrotechnik und Informationstechnik ist enorm. Treiber sind die Energiewende auf Basis eines Smart Grids und Megathemen wie Elektromobilität, Smart Cities oder Smart Home. Und ohne Elektrotechnik und Informationstechnik wird nun einmal nichts ’smart’. Sie sehen: es ist alles relativ. Im Vergleich zu anderen Ingenieuren schneiden wir am besten ab. Relativ gesehen ist die Elektrotechnik als Studienfach beliebter geworden.

Warum ist das Image der Informatik offenbar besser als das der Ingenieurfächer?

Schanz: Für die Überlegungen bei der Studienfachwahl spielt natürlich für alle Technikinteressierte der tägliche Umgang mit PC, Smartphone und Co. eine große Rolle. Viele setzen dies gleich mit dem Studienfach „Informatik“. Weil diese Assoziation einfach naheliegender ist, kommen manche Kandidaten spät oder gar nicht auf den Gedanken, es mit Elektrotechnik/Informationstechnik zu versuchen.

Ist Elektrotechnik/Informationstechnik das ideale Studium für Ingenieure, die an der Energiewende mitarbeiten wollen?

Schanz: Ja, weil es nahezu alle benötigten technischen Aspekte beinhaltet. Es werden für diese Mammutaufgabe Elektroingenieure aller möglichen Vertiefungsrichtungen gebraucht. Darüber hinaus gibt es sicherlich auch einen Bedarf an Informatikern, aber Elektroingenieure können ebenfalls programmieren.

Steuern wir auf ein Problem zu, wenn sich Smart Grid professionalisiert?

Kreusel: Insgesamt ist der Mangel, wie von den Verbänden angegeben, spürbar – natürlich auch bei ABB, aber er wirkt noch nicht behindernd. Perspektivisch muss man aber auch sehen, dass das Interesse an energietechnischen Themen und Studiengängen in den zurückliegenden Jahren stetig zugenommen hat. Das ist kein Grund, sich entspannt zurückzulegen, aber es bedeutet auch, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen.

Welche Rolle spielt dabei die Leistungselektronik?

Schanz: Das ist eine wichtige Facette. Leistungselektronik wird für den Energietransport, insbesondere in der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungstechnik, kurz HGÜ, benötigt. Außerdem spielt sie eine wichtige Rolle bei energieeffizienten elektrischen Motoren – eigentlich der Bereich mit dem größten Verbrauch an elektrischer Energie. Außerdem wird Leistungselektronik im Automobil, insbesondere später im Elektroauto, immer mehr eingesetzt.

Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck