An der TU München ist ein Elektrotechniker für Diversity verantwortlich »Warum gibt es keine Vorabend-Serie über Ingenieure?«

Prof. Dr.-Ing. Klaus Diepold ist seit Januar als Geschäftsführender Vizepräsident für Diversity und Talent Management der TU München zuständig für die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie die hochschulweite Personalentwicklung.
Prof. Dr.-Ing. Klaus Diepold ist seit Januar als Geschäftsführender Vizepräsident für Diversity und Talent Management der TU München zuständig für die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie die hochschulweite Personalentwicklung.

Warum ziehen Ingenieursstudiengänge vorwiegend Männer an? Die Frage ist nach wie vor unbeantwortet. Wir fragten den neuen Leiter für Talent Management und Diversity der TU München, den Elektroingenieur Prof. Dr. Klaus Diepold.

Herr Diepold, die Frage ist nach wie vor unbeantwortet: warum gibt es so wenig Frauen in Elektrotechnik-Studiengängen?

Den einen Grund dafür gibt es nicht. Es handelt sich meiner Meinung nach vielmehr um ein Portfolio an Gründen. Das sind zum einen gesellschaftliche: Frauen müssen sich heute immer noch häufig zwischen Beruf und Familie entscheiden – Männer nicht. Die Kinderbetreuung ist dabei häufig ein Problem. Dann gibt es zu wenig Vorbilder– wir nennen das Role models -  also Ingenieurinnen, die Frauen als Beispiel dienen könnten, das gleiche gilt für Frauen in Führungspositionen.

Auch an Inhalt und Aufbau der Studiengänge gibt es einiges zu verbessern. Momentan sind diese doch sehr analytisch und einseitig „auf nur eine Gehirnhälfte“ ausgelegt. Wichtige Kompetenzen wie Kreativität zum Beispiel wird nur wenig gefördert. Ingenieure müssen analog der „Bananentechnologie“ auf spätere Reifung im Berufsleben vertrauen. Der jetzige Studien-Aufbau spricht die meisten Frauen zu wenig an. Ihnen ist Kreativität und Sinnhaftigkeit wichtig. Das müssen wir verändern und Frauen kognitiv, aber auch emotional abholen.

Andere Studiengänge machen das vor: So hat die Medizintechnik einen signifikant höheren Frauenanteil – Frauen verbinden damit „Helfen mit Technik“, etwa in der Altenpflege.

Dabei ist Elektrotechnik doch Grundlage für viele sehr sinnhafte aktuelle Herausforderungen, wie etwa die Energiewende?

Das ist ein gutes Beispiel. Oder auch die Elektromobilität. Wir vermitteln zu wenig, dass wir die Grundlage für diese Bereiche darstellen. Die Veränderung  muss bereits mit dem Namen und dem Studienaufbau beginnen. (Anm. d. Red.: Beispielsweise hat der FH-Studiengang „Physikalische Technik mit Schwerpunkt Umweltschutz“ in der Vergangenheit einen höheren Frauenanteil gehabt als „Physikalische Technik“, obwohl das Studium zum Großteil identisch ist.)  Dazu kommt, dass Ingenieure äußerst vielseitig eingesetzt werden können – und auch eingesetzt werden – sogar in der Medizin finden sie Ingenieure. Mit Imagearbeit wäre also schon viel erreicht.

Warum hat sich noch niemand um eine Imageverbesserung gekümmert?

Wir müssen das angehen. Warum gibt es zum Beispiel keine Vorabend-Serie analog der Ärzte-Doku „Dr. House“ mit einem Ingenieur im Mittelpunkt, der die Welt rettet? Das wäre mal ein Ansatz. Doch wo finden wir Ingenieure im Fernsehen? Nehmen Sie Raumschiff Enterprise, dort ist Scotty der Mann aus der dritten Reihe, die strahlenden Helden sind andere. 

Mehr Ingenieure gibt es nicht im Fernsehen?

Doch, einen fällt mir noch ein. Old Shatterhand. Die wenigsten wissen, dass er Vermessungsingenieur war. Wir müssen das Image und den Ruf unserer Berufsgruppe verbessern. Dann würde MINT auch attraktiver für Frauen!

Dabei sind doch die Berufsaussichten für Ingenieure so gut, das müsste doch eine Rolle bei der Studienwahl spielen?

Tut es aber nicht, zumindest nicht bei Frauen. Die Ingenieurstudiengänge stehen abgeschlagen ziemlich weit hinten.

Glauben Sie, dass Ihre Professoren-Kollegen an der TU der Thematik „Diversity“ und Gleichstellung  dank Ihrer Personalie aufgeschlossener gegenübertreten? 

Sie täuschen sich! Diversity ist als Thema angekommen und wird auf breiter Basis und auf allen Ebenen der Universität diskutiert. Das Bewusstsein ist da, das ist auch keine Eintagsfliege mehr, hat nichts mit Gutmenschentum zu tun. Aber natürlich gibt es auch noch gewisse Stereotypen und teilweise auch Ermüdungserscheinungen dem Thema gegenüber. Da kann es ein Vorteil sein, dass ich als „handfester“ Fachkollege auftrete.  Im Rahmen der hochschulweiten Diversity-Strategie der TUM ist die Gleichstellung zwischen Mann und Frau ein wichtiger Aspekt. »Gender equality« bezieht sich dabei sowohl auf die traditionell männlich dominierten Bereiche wie Technik und Naturwissenschaften, als auch auf Fächer, in denen der Frauenanteil zumindest bei den Studierenden weit über 50 Prozent angestiegen ist, wie z.B. in der Medizin und Lehrerbildung. Die Förderung familienfreundlicher Studien- und Arbeitsbedingungen ist uns dabei ein besonderes Anliegen.

Die Entwicklung spricht ebenfalls für Diversity und Talent Management: Deutschland wird ein Zuwanderungsland mit einer immer größer werdenden Diversität werden.

Global aufgestellte Unternehmen sind heute schon „divers“. Diversifizierte Teams liefern bessere Ergebnisse als homogene in der eigenen Suppe schwimmende. Und es betrifft uns auch an der TU München: An unserer Fakultät gibt es mittlerweile viele fremdsprachige Kollegen. Doch abseits von wirtschaftlichen Aspekten gibt es noch einen viel anstrebenswerteren, nicht zweckgebundenen Grund, und der liegt in unserem Menschenbild. Wollen wir uns Ungleichbehandlungen wirklich noch leisten?

Aber warum sind wir dann noch nicht weiter? Frauen und MINT – Initiativen dazu gibt es doch schon seit weit über 10 Jahren?

Nun, vielleicht ist das auch ein wenig ein Generationen-Problem. Um es mit Max Planck zu formulieren: Neue Ideen setzen sich nicht dadurch durch, dass ihre Gegner überzeugt werden, sondern dadurch, dass sie aussterben! Diversity muss als Grundwert in die Hochschulen eingehen. Mit dem Motto „Talents in Diversity“ verpflichtet sich die TUM, die Studien- und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass alle Personen ihre individuellen Fähigkeiten entfalten können.

Diversity bedeutet gegenseitigen Respekt, Partizipation und Inklusion aller Menschen in die wissenschaftliche Gemeinschaft unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Religion und Weltanschauung, Behinderung, Alter sowie sexueller Identität. In der Personalentwicklung handelt die TUM unternehmerisch: Vom Headhunting bis zum langfristigen Human Resources Management setzt sie strategisch aufeinander abgestimmte Recruiting- und Karriere-Instrumente ein.

Ihr Ziel ist, Spitzenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie hervorragende Wissenschaftsmanagerinnen und -manager zu gewinnen, weiter zu fördern und langfristig für attraktive Laufbahnen zu qualifizieren, die auch außerhalb der TUM und des akademischen Lebens verlaufen dürfen.

 

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck