Rekord VDI verschiebt Ingenieurmangel in die Zukunft

Die Absolventenzahlen sind aktuell über 56.000 gestiegen. Im Vergleich zu 2005, da waren es 34.000, ist das eine Steigerung um 66 Prozent. Deutschland stehen heute so viele Ingenieure zur Verfügung wie seit langer Zeit nicht mehr.
Die Absolventenzahlen sind aktuell über 56.000 gestiegen. Im Vergleich zu 2005, da waren es 34.000, ist das eine Steigerung um 66 Prozent. Deutschland stehen heute so viele Ingenieure zur Verfügung wie seit langer Zeit nicht mehr.

In Deutschland stehen so viele Ingenieure zur Verfügung wie seit den 90er Jahren nicht mehr. Entspannt sich also die Lage oder erreicht Deutschland durch Megatrends wie Energiewende, Intelligente Produktion oder Medizin bald eine neue Dimension des Ingenieurmangels? Das war unter anderem Thema auf der Hannover Messe. Eine interessante Wandlung zeigte der VDI.

Die Pressekonferenz des VDE war um 11 Uhr, die des VDI erst um 12 Uhr. Und um 11 Uhr war von Entspannung noch keine Rede, im Gegenteil: Nun erfasse der Ingenieurmangel erstmals auch die Hochschulen.  87 Prozent der Hochschullehrer beklagen eines neuen Trendreports des VDE zufolge, dass ihre Zöglinge lieber in die Industrie abwandern, als eine Hochschulkarriere in Betracht zu ziehen.

Da die Innovationskraft Deutschlands in erster Linie aber vom hohen Ausbildungsniveau und den Netzwerken aus Unternehmen und Hochschulen abhänge, könnten sich universitäre Nachwuchsprobleme auch negativ auf die Innovationskraft der Industrie auswirken, warnt der VDE und sieht jetzt auch die Politik gefordert.

Der Verband sieht auch am Arbeitsmarkt keine Entspannung: sonst eher für eine konservative Haltung in Punkto Fachkräftemangel bekannt, sieht der VDE fehlenden Ingenieurnachwuchs als zunehmendes Problem am Horizont heraufziehen und zieht als Beweis dafür seine neue Studie heran: Die große Mehrheit der für den neuen Trendreport befragten VDE-Mitgliedsunternehmen und Hochschulen zeigt sich davon überzeugt, dass der Wettbewerb um Fachkräfte international zunehmen wird (85 Prozent) und sich die Nachfrage auch durch Entwicklungen wie Elektromobilität und das Zusammenwachsen des Strom- und IKT-Netzes für Smart Grids erhöhen wird (77 Prozent).  

Das größte Innovationshemmnis ist laut VDE-Trendreport die Verfügbarkeit qualifizierten Personals (53 Prozent), also vor allem des Ingenieurnachwuchses. Dahinter folgen Probleme bei Großprojekten (44 Prozent), gesetzliche Rahmenbedingungen (40 Prozent) , mangelnde Technikakzeptanz in der Bevölkerung und unangemessene politische Rahmenbedingungen (Angabe von je einem Drittel der Befragten). 

Erschwerend kommt als flankierender Trend die demographische Entwicklung hinzu  - in manchen Teilen Deutschlands reichen die Absolventen nicht mal mehr für den Ersatzbedarf durch in Rente gehende Ingenieure aus.

Wie passt da die Meldung des VDI eine Stunde später dazu, dass die Fachkräftelücke an Ingenieuren zurückgegangen ist? Sie kommt ausgerechnet vom Gespann VDI/Institut der Deutschen Wirtschaft, die sonst in der Vergangenheit immer neue Ingenieurmangel-Schreckensszenarien an die Wand geworfen hatten.

Doch auf der Hannover Messe gaben sich VDI-Geschäftsführer Dr. Willi Fuchs und IW-Direktor Dr. Hans-Peter Klös zum ersten Mal zufrieden: der Arbeitsmarkt für Ingenieure in Deutschland habe sich seit Jahren das erste Mal entspannt – nach einem vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2012. Fuchs: „Vergangenes Jahr teilte ich Ihnen mit, dass im Jahr 2011 pro Monat durchschnittlich 92.000 offene Ingenieurstellen nicht besetzt werden konnten.  Die zunehmende Verschärfung der Mangelsituation auf dem Ingenieurarbeitsmarkt war in den vergangenen zehn Jahren eine traurige, aber zuverlässige Konstante.“