Ingenieure im Internationalen Vergleich »Überstunden sind selbstverständlich und dienen der Aufbesserung des Gehalts«

Dr.-Ing. Michael Schanz, Experte für Arbeitsmarkt und Beruf beim VDE: "Am Beispiel einer Befragung  von Ingenieuren, die in den Jahren 2008-2010 promoviert wurden, haben diese ihre berufliche Karriere zunächst zu einem Drittel als Entwicklungsingenieure in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen begonnen. Eine knappe Hälfte übernahm bereits sehr früh Personalverantwortung, sei es als Gruppenleiter, Abteilungsleiter oder auch als Geschäftsführer einer eigenen Firma. Knapp 15 Prozent verfolgten eine Karriere an der Hochschule. Der Einsatz in Führungspositionen scheint sich im Vergleich zu einer rund zehn Jahre älteren Studie  zu beschleunigen – trotz flacher gewordener Hierarchien in den Unternehmen. Dort erreichte die Hälfte aller promovierten Elektroingenieure erst nach 5 Jahren Führungspositionen."
Dr.-Ing. Michael Schanz, Experte für Arbeitsmarkt und Beruf beim VDE.

Wie unterscheiden sich das berufliche Selbstverständnis von Ingenieuren in Deutschland von dem der Kollegen in anderen Ländern? Um das herauszufinden, beteiligt sich der VDE an einer internationalen Ingenieurstudie.

Die internationale Studie (hier geht's zum Fragebogen) hat ihren Ursprung in Japan. Hintergrund: Japanische Unternehmen haben in der letzten Zeit etliche Einrichtungen für Forschung und Entwicklung im Ausland eingerichtet, um etwa die Produkte für den dortigen Markt anzupassen. Diese Labore werden von japanischen Managern geleitet. Die angestellten Ingenieure kommen aber in der Regel aus den Ländern vor Ort und haben oft andere Erwartungen an das Management, als es in Japan üblich ist. Deshalb sei es für die Manager wichtig, die kulturellen Maßstäbe, die Arbeitsethik und die Erwartungen an die Teamarbeit insbesondere europäischer, amerikanischer und chinesischer Ingenieure zu kennen, so die Begründung. Da bei der Umfrage aber auch Engineering Skills abgefragt werden, soll die Studie auch Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit der Ingenieure zulassen.

In der Studie des japanischen Wissenschaftlers Professor Yoshi-Fumi Nakata werden unter anderem Job-Kultur, berufliches Umfeld und Innovations-Skills miteinander verglichen. Bislang beteiligen sich an diesem Projekt Japan, Finnland, Frankreich und Deutschland.

Wie lässt sich Performance von Ingenieuren messen? Von welchen Faktoren ist diese abhängig? Diese und andere Fragen, versucht die Studie zu klären. Nakata ist Initiator und Leiter der Studie und Direktor des Institute for Technology, Enterprise and Competitiveness in Kyoto sowie Gastprofessor an der Cambridge University in England.

Wie sehen die ersten Ergebnisse aus Japan aus?

Viele japanische Leistungsträger gehen demnach davon aus, mit einem entsprechenden Lebenslauf im Alter zwischen 40 und 50 nochmal befördert zu werden. Das klappt aber heute wohl nicht mehr so häufig wie es früher der Fall war.

Werde das vom betreffenden Mitarbeiter realisiert, fällt seine Motivation stark ab und lässt sich von Unternehmensseite nur mehr schwer korrigieren. Vor einigen Jahren sei mit dem „Professional Track“ die Fachkarriere – Karriere als Experte – eingeführt worden. Doch der „Management Track“ - die Karriere als Führungskraft mit Personalverantwortung - blieb wegen des langfristig höheren Gehalts weiterhin attraktiver.

Unterschiede zu Deutschland scheint es auch bei der Handhabung der Überstunden zu geben. Viele Ingenieure mit einer festgeschriebenen Arbeitszeit bekommen in Japan ihre Überstunden gesondert ausbezahlt. Das führt dazu, dass Überstunden zur Normalität gehören und massiv zur Aufbesserung des Gehalts genutzt werden.

Der Ingenieurberuf ist für viele der japanischen Frauen offenbar kein Modell auf Lebenszeit: „Grundsätzlich lässt sich sagen, dass japanische Ingenieurinnen zwar nicht unmotiviert, aber auch nicht besonders motiviert sind. Etliche planen, später einer anderen Tätigkeit nachzugehen. Wir haben herausgefunden, dass Ingenieurinnen in Japan immer noch wenig Möglichkeiten haben, sich auszuzeichnen. Viele Vorgesetzte unterstellen ihnen geringere Leistungsfähigkeit. Dies war für mich eine etwas verstörende Erkenntnis, die für mich unerwartet war. Erwähnenswert ist auch, dass in Japan die Weiterbildungsangebote für Hochqualifizierte stark rückläufig sind.“, so Nakata. Nur 5 Prozent der Ingenieure in Japan sind weiblich.

Was erwartet Dr. Michael Schanz von den deutschen Ergebnissen?

„Ich nehme an, dass deutsche Ingenieure deutlich besser auf den Job vorbereitet sind, als ihre japanischen Kollegen. Währen in Japan Industriepraktika im Studium nicht vorgesehen sind und somit auch keine praktischen Erfahrungen oder freiwillige Praktika von den Arbeitgebern erwartet oder vorausgesetzt werden, gehört das in Deutschland zum Standard. Die Absolventen in Japan gehen mit rein theoretischem Wissen in den Job, weil Unternehmen und Hochschulen dort viel stärker voneinander getrennt sind als in Deutschland.“

Unter allen Teilnehmern der Studie werden eine Japanreise und drei IPads verlost.