Jobwechsel Treu wie Gold

Wie angewurzelt sitzt fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland bereits seit zehn Jahren oder länger beim selben Arbeitgeber fest. Techniker und Ingenieure toppen das noch: Personalberater beißen sich an der Sesshaftigkeit ihrer Klientel die Zähne aus. Woran liegt es?

Zum Tag der Arbeit am 1. Mai hat das Statistische Bundesamt Zahlen aus 2015 veröffentlicht. Demnach haben 45 Prozent der Beschäftigten ab 25 Jahren in Deutschland seit mindestens zehn Jahren nicht den Arbeitgeber gewechselt. Bei Führungskräften (53,4 Prozent), Technikern (51,7 Prozent) und Bürokräften (50,3 Prozent) ist der Anteil sogar noch höher, wie Statista in einer Grafik zeigt. 

Auch Personalberater wie Thomas Hegger von Hegger, Riemann und Partner oder Michael Köhler von Schuh-Eder Consulting reiben sich oft auf an der geringen Wechselbereitschaft der technischen Fachkräfte und Ingenieure. Halteprämien anzubieten, um den wechselwilligen Kandidaten in letzter Sekunde doch noch zum Bleiben zu überreden, sind ein häufiger Versuch der Arbeitgeber.   

Oft erfolgreich. Warum sollten die Mitarbeiter  auch das Risiko eines Jobwechsels eingehen: »Die Unternehmen tun sehr viel dafür,  dass sie bleiben«“, sagt Hegger. Offerten von außerhalb zögen nur, wenn das ganze Paket aus Position, Gehalt, Arbeitgeber, Aufgabengebiet, Branche, Perspektiven und Region sehr reizvoll sei. Und auch in die Familienplanung passt.

Wobei das Gehalt überschätzt wird: Über »Bleiben oder Gehen« entscheiden in der Regel Arbeitsatmosphäre und Unternehmenskultur, Spaß und Gewinn bei der Arbeit, die Kollegen und - vor allem - der direkte Vorgesetzte, das zeigen Studien. 

Wechselbereitschaft hänge sehr stark vom Unternehmen, dem Standort  und der damit verbundenen »Arbeitgeber-Story« ab, weiß auch Michael Köhler, einfach sei die Suche aber in keinem Fall, wenngleich es Unternehmen gebe, »zu denen man gerne wechselt.«

Doch selbst wenn das Gesamtpaket nicht stimmt, rührt sich das Personal oft nicht vom Fleck. Im neuen Engagement Index kommt Gallup zum Ergebnis, dass 70 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nicht volles Engagement im Job zeigen, bis hin zur dauerhaft  inneren Kündigung. Und trotzdem bleiben und sich damit abfinden, dass der Job keinen Spaß macht: Laut einer Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wechseln pro Jahr nur 3,4 Prozent der Beschäftigten die Stelle. 

Gallup zufolge kommt mangelnde Motivation gepaart mit Kleben am gewohnten Arbeitsplatz den Unternehmen teuer zu stehen: der deutschen Wirtschaft entsteht dadurch ein jährlicher Schaden von 105 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr – weil die Beschäftigten sich kaum mehr einbringen, Ideen zurückhalten oder auf Fehler oder Missstände gleichmütig hinnehmen, statt sie zu verbessern. 

Attraktiven Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten in der Elektronik alleine wecken also nicht unbedingt die Lust, etwas Neues zu wagen und in ein anderes Unternehmen zu wechseln. Denn ein Ingenieur ist auch Realist: Anderer Arbeitgeber, andere Probleme. Dann bleibe ich doch lieber bei denen, mit denen ich mich schon arrangiert habe.