Kommentar Strukturwandel Digitalisierung

Robert Weber, freier Mitarbeiter
Robert Weber schreibt als freier Journalist für die Redaktion von Markt&Technik. Er hat mehrere Jahre in der Landespolitik gearbeitet und lehrt heute unter anderem an der TH Nürnberg.

Die Digitalisierung kann die Gesellschaft spalten. Wer heute richtig investiert, fördert den Wirtschaftsstandort und stärkt die Demokratie. Unternehmen, Wissenschaft und Politik müssen neue Erklärungen liefern und viel Geld in die Hand nehmen.

Heute startet der IT-Gipfel der Bundesregierung in Saarbrücken. Thema: Bildung 4.0. Das Saarland ist nicht unbedingt der Hotspot der Digitalisierung in Deutschland und viele Teilnehmer, die heute morgen am Flughafen Berlin-Tegel in den Schlangen standen, dachten sich dieses wohl auch für einen kurzen Augenblick.

Klar, die Veranstaltung ist auch politisch motiviert, denn 2017 wird in Saarbrücken gewählt, doch das Saarland ist nicht nur politisch gesehen gerade deshalb der richtige Ort, um für das Thema Digitalisierung der Wirtschaft, Arbeit, Bildung – der Gesellschaft zu werben, denn hier muss Digitalisierung noch Fuß fassen – in den vielen kleinen und mittelständischen Betrieben und vor allem unter den Menschen. 

Das kleine Bundesland an der deutsch/französischen Grenze kämpft mit dem Strukturwandel – immer noch. Zechen schlossen, viele Menschen mussten sich einen neuen Arbeitsplatz suchen oder zogen weg. Die Digitalisierung soll neue Jobs schaffen – in der Industrie, in der Dienstleistungswelt und in der Wissenschaft – in Saarlouis und in Stuttgart. Doch Skepsis herrscht weiterhin vor. Jobkiller Automatisierung? 

Die Politik ist gut beraten sich dem Thema Digitalisierung und Automatisierungsangst intensiver zu widmen, um Populisten keine Chance zu geben. Sie muss klassisch, gute Rahmenbedingungen für die Gründung, für das Investment, für die Bildung schaffen und schnellen, neutralen Netzzugang sicherstellen. Doch das Geld wird dieses Mal nicht reichen, um Ängsten zu begegnen. Der Staat muss zum Gestaltungsdiskurs 4.0 aufrufen (vgl. dazu hier Prof. Volker Banholzer), erklären, zuhören, er muss die Wissenschaft und die Unternehmen auffordern, Digitalisierung zu erklären. Dafür braucht es eine Technikkommunikation, die zuhört, wahrnimmt, erklärt, Meinungen sammelt und Ängste ernst nimmt. 

Stuttgart versus Gelsenkirchen

Die Menschen im Saarland, aber auch im Ruhrgebiet, in Bremen, Sachsen-Anhalt oder der Eifel dürfen nicht von den Zentren der Digitalisierung, von der Zukunft in und aus Stuttgart oder München abgehängt werden – das fordert schon das Grundgesetz. Die Digitalisierung von Industrien und Gesellschaften kann aber trotzdem schnell dazu führen. 

Michigan, Wisconsin, Pennsylvania oder Ohio – ehemals stolze Industriestandorte der USA, in denen sich viele Menschen abgehängt fühlen, Angst davor haben, abgehängt zu werden, weil coden, hmtl5 und VR für sie Fremdworte sind, weil sie gelernt haben, Stahl zu kochen.

Es sind nicht ausschließlich die Frustrierten, die radikal wählen. Es sind die Menschen, die Angst haben, Angst um ihren Job, ihre Zukunft und ihre Familien. Die Digitalisierung darf die Gesellschaft nicht spalten – das reiche, zukunftsorientierte, weltoffene Kalifornien versus den ehemaligen Stahlarbeitern in Ohio. Das reiche, zukunftsorientierte, weltoffene Stuttgart versus Gelsenkirchen. 

Technikkommunikation und Bildung sind Investitionen in die Wirtschaftskraft Deutschlands und stärken die Demokratie.