Fit für die Digitalisierung Status Quo 'Digital Leadership': Deutschland nur mittel

Markus Dohm leitet den Geschäftsbereichs Academy & Life Care beim Bildungsanbieter TÜV Rheinland. Welche Kompetenzen fordert der digitale Wandel von jedem Einzelnen? Und wie halten Unternehmen und wir als Gesellschaft Schritt?

Herr Dohm, Sie bemängeln eine eher schleppende Arbeitsplatz-Modernisierung und »Zurückhaltung« der Unternehmen bei der Digitalen Transformation. Was kritisieren Sie genau?

Markus Dohm: Im Fokus der Modernisierung steht meist der direkte Effizienzgewinn durch eine tiefere oder verbesserte Automation (durch neue Anlagen, Systeme, Prozesse, Roboter, etc.) – weniger die Möglichkeiten eines nachhaltigeren und effizienteren Gestaltens von Arbeit. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das wenig verständlich!

Denn im Rahmen der Veränderung des Arbeitens entstehen zudem neue Arbeitsverhältnisse: Beispielsweise arbeiten »Wissensarbeiter« in Zukunft stärker ortsungebunden und (zeit-)flexibel, es gibt weniger lokal feste Teamstrukturen und mehr virtuelle Zusammenarbeit. Die Gestaltung einer ergonomischen Arbeitsumgebung findet nicht mehr in »Sichtweite« des Arbeitgebers statt.

Erst langsam greifen notwendige Überarbeitungen gesetzlicher Grundlagen. Beispiel: Die Novellierung der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) Ende 2016 berücksichtigt nun endlich - und das ist neu! -, dass es »Bildschirm- oder Telearbeitsplätze« gibt bzw. dass diese spezielle Anforderungen des Arbeitsschutzes erfüllen müssen. Wichtig wären Investitionen in die ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, die Reduktion von Stress und psychischer Belastung sowie angepasste Regelungen zu Arbeitszeit und Erholungspausen. Daten- und IT-Sicherheit sind ggf. »nette« Nebenwirkungen aus o.a. Investitionsvorhaben, seltener aber direktes oder erstes Ziel.

Gibt es Beispiele für die Digitalisierung am Arbeitsplatz, die bereits weiter fortgeschritten ist?

Es gibt ja bereits viele und sehr positive Beispiele zugunsten des Mitarbeiters: Etwa den Einsatz von Datenbrillen in der Logistikbranche bei der Kommissionierung von Waren oder Exoskelette, die die Beschäftigten in der Automobilindustrie bei der Montage von Fahrzeugen unterstützen, insbesondere wenn hierfür ungünstige Körperhaltungen erforderlich sind. Auch die die Nutzung von Sensortechnik, um Sicherheitsanforderungen in den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine umzusetzen, ist etabliert.

Und wie wird darauf reagiert?

Grundsätzlich rückt die Mitwirkungspflicht der Mitarbeiter künftig noch stärker in den Fokus. An diesen Stellen – sowohl in der Produktion wie auch bei Büroarbeit – gilt erst recht, gezielte Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) zur Sensibilisierung anzubieten und umzusetzen.

Das spüren wir auch deutlich als positives Feedback im Markt: Interdisziplinäre Expertenteams von TÜV Rheinland (Arbeitsmediziner, Sicherheitsingenieure, Arbeits- und Betriebspsychologen und Gesundheitsmanager) analysieren die Arbeitsbedingungen unserer Kunden aus sehr unterschiedlichen Perspektiven – darauf basierend erfolgt dann die Beratung auch zum Umgang mit Arbeitsplatz-Modernisierung. Das ist eine mögliche Standardanforderung.