Start-up-Finanzierung II - der erste Weg führt zur Bank

Wer sich zum Unternehmer aufschwingen will, braucht Geld für Erstausstattung und Investitionen. Eigenes Kapital ist natürlich am besten, aber auch fremdes ist wieder leichter zu haben. Inzwischen sind die Unternehmen in Deutschland so gut mit Krediten versorgt wie seit langem nicht mehr.

Zahlen können ent-, aber auch ermutigen. 2006 haben in Deutschland rund 1,1 Millionen Menschen eine selbständige Tätigkeit aufgenommen. Für knapp 41 Prozent ist die Unternehmertätigkeit ein Fulltimejob, der Rest arbeitet als Unternehmer auf Teilzeitbasis. Alle Gründer zusammen schufen rund 525000 neue Stellen. Eine Utopie ist der Sprung ins Unternehmerdasein also beileibe nicht. Es ist noch nicht lange her, da war die Angst groß im Mittelstand vor einer drohenden Kreditklemme. Das hat sich gründlich geändert. Denn inzwischen sind die Unternehmen in Deutschland so gut mit Krediten versorgt wie seit langem nicht mehr.

Wie grundlegend sich die Situation für die mittelständische Wirtschaft verändert hat, zeigt eine von der KfW Bankengruppe und Verbänden der Wirtschaft gemeinsam veröffentlichten Studie zur Finanzierungssituation der Unternehmen in Deutschland. Danach haben sich für 16 Prozent der insgesamt 4200 befragten Unternehmen die Finanzierungsbedingungen 2006 deutlich verbessert - der höchste Wert seit Beginn der Befragung im Jahr 2001. Gleichzeitig ging der Anteil der Unternehmen, die eine Verschlechterung des Finanzierungsklimas beklagten, von 33 auf 22 Prozent deutlich zurück.

Harte Überzeugungsarbeit
Wer also schon ein paar Jahre lang erfolgreich auf dem Markt ist, dürfte weiterhin ruhig schlafen können. Wer aber erst am Anfang steht, muss bei den Geldgebern harte Überzeugungsarbeit leisten. Denn die Kehrseite von 1,1 Millionen Unternehmensgründern sind jedes Jahr einige Zehntausende, die ihren Laden kurz nach Eröffnung wieder zumachen müssen. Insbesondere Gründer im High-Tech-Bereich unterschätzen oft die Geschwindigkeit, mit der die Märkte ständige Produkterneuerungen fordern. Irgendwann, so die Befürchtungen der öffentlichen und privaten Kapitalgeber, könnte den Unternehmern der Atem ausgehen. »Insolvenz wegen Überschuldung« heißt der Terminus technicus.

Deshalb sind die Quellen des Fremdkapitals zwar noch lange nicht verschlossen. Zweifellos müssen sich Gründer heute aber mehr anstrengen, um sie zu öffnen. Der erste Weg führt gemeinhin zur Bank, besser zu mehreren Banken. Zwar sind die Kreditinstitute nicht mehr so zugeknöpft wie noch vor zwei, drei Jahren. Trotzdem wollen sie sehen, dass der Gründer vorausgedacht hat. Das füllt mit Leichtigkeit einen mittleren Ordner:
• Welche Kosten fallen bereits im Vorfeld der Firmengründung an? (Rechtsanwalt, Steuerberater, Werbung, Geschäftspapiere, Telefon- und Datenanschlüsse usw.)
• In welche Anlagegüter muss zu welchen Anschaffungspreisen investiert werden? Wie lange ist deren voraussichtliche Lebensdauer?
• Wie viel Geld wird benötigt für den Anfangsbestand an Rohwaren oder Handelsgütern?
• Welche Betriebsmittel (einschließlich Strom, Gas und Wasser) müssen erstmalig und im laufenden Jahr angeschafft werden?
• Wer sind die potenziellen Kunden?
• Wie sieht die Kalkulation aus? Welche Preise können am Markt erzielt werden?
• Welche Umsätze und Erträge sind realistischerweise zu erwarten?
• Welche Risiken stehen dieser Prognose entgegen?

Den Banker interessiert beim Gespräch zum Thema »Gründungskredit« vor allem zweierlei: Wie viel Eigenkapital bringt der Unternehmer mit? Und wie viel fremdes Kapital braucht die Existenzgründung? Der Anteil an eigenem Kapital sollte nicht weniger als 15 Prozent der gesamten Finanzierungssumme betragen. Der Rest kann durch ein oder mehrere miteinander kombinierte Gründerdarlehen finanziert werden. Nur: Je mehr Fremdkapital aufgenommen wird, desto störungsanfälliger wird das wirtschaftliche Gesamtgefüge. Denn Zinsen und Tilgung werden auch in schlechten Zeiten fällig.

Beteiligungsgesellschaften
Um das erforderliche Eigenkapital aufzustocken, treten öffentliche und private Beteiligungsgesellschaften an die Seite des Gründers. Anders als Kreditinstitute geben sie keine Darlehen, sondern erwerben Anteile an der Neugründung. Ihre Hoffnung: Wenn sich das Unternehmen prima entwickelt, steigen sie nach ein paar Jahren mit satten Gewinnen wieder aus.

Aber: »Im Vergleich zur ersten großen deutschen Start-up-Welle in den späten 90er Jahren hat sich einiges verändert«, sagt Alexander Brühl, Senior Partner bei der US-Beteilungsgesellschaft Atlas Venture in München. »Während man damals mit einer Idee und einem Businessplan gute Chancen hatte, einen Betrag in zweistelliger Millionenhöhe zu ergattern, zeigen sich Investoren heutzutage deutlich verschlossener. Für die Erstfinanzierung geben sie kleinere Beträge.« Das waren im dritten Quartal 2007 immerhin knapp 100 Millionen Euro.

Risikogeldgeber nehmen jeden Kandidaten äußerst gründlich unter die Lupe:
• Der Businessplan muss vollständig, nachvollziehbar, herausfordernd aber realistisch sein.
• Die Geschäftsidee soll innovativ, zukunftsweisend, marktgängig und ausbaufähig sein.
• Die Ausbildung, Berufserfahrung und nicht zuletzt die Persönlichkeit des Gründers müssen überzeugen.
• Der Finanzierungsplan und die Liquiditätsrechnung für das erste Geschäftsjahr dürfen bei keinem Plausibilitätstest durchfallen.
• Die Rentabilitätsrechnung soll viel versprechen, darf aber nicht geschönt wirken.
• Produktentwickler sollen Prototypen, Dienstleister möglichst schon erste Kunden vorweisen können ...
• ... und zu viel Zeit dürfen sich Unternehmer in spe bei all dem auch nicht lassen. Wenn sie erst in die Best-Ager-Jahre gekommen sind, hängt die Messlatte nämlich noch einiges höher als bei Mittdreißigern.

Grundsätzlich stellen öffentliche wie private Kapitalgeber die gleichen Überlegungen an, bevor sie sich an einer Neugründung beteiligen. Die Wirtschaftsförderungen der Kommunen und Bundesländer sowie die staatliche KfW-Mittelstandsbank verfolgen darüber hinaus wirtschafts- und strukturpolitische Ziele. Ein Gründer, der neue Arbeitsplätze schaffen möchte, wird deshalb hier auf offenere Ohren stoßen als bei den linear renditeorientierten Venture Capital-Gesellschaften.

Staatliche Institutionen, wie zum Beispiel der Hightech-Gründerfonds (www.htgf.de), aber auch private Business Angels, von denen sich viele in Netzwerken (www.business-angels.de) zusammengeschlossen haben, sind ebenfalls gute Anlaufstellen für das erste Geld. Erst danach sollte man an eine Finanzierung durch einen klassischen Venture Capital Fund oder eine private Beteilungsgesellschaft denken. Normalerweise verfügt der Unternehmer dann nämlich über den wirksameren Lockstoff. »Grundsätzlich gilt«, betont Alexander Brühl, »je mehr man dem Finanzinvestor als Entscheidungsgrundlage vorlegen kann, zum Beispiel ein erstes Produkt, Kunden und Referenzen, umso größer sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Finanzierungsrunde.«

Info: Gemeinsam stark
Das Risiko eines Scheiterns ist für einen Unternehmensgründer umso geringer, je mehr Mitarbeiter beim Start in die Selbstständigkeit an Bord und je höher die Gründungsinvestitionen sind. Aber Dreiviertel aller angehenden Unternehmer, das geht aus dem von der KfW Bankengruppe kürzlich vorgelegten Gründungsmonitor 2007 hervor, haben beim Start weder einen Mitarbeiter noch einen Kompagnon an Bord. Ebenso riskant ist zudem der sehr geringe Finanzierungsbedarf: Vier von zehn Gründern investieren zunächst weniger als 5000 Euro in ihr Gründungsvorhaben. Die gute Nachricht: Trotz solcher Handicaps beim Start in die Selbstständigkeit sitzt der Unternehmernachwuchs erstaunlich fest im Sattel. Zwei Jahre nach dem Start sind noch Dreiviertel aller Gründer am Markt.

Info: Coaching für Firmengründer
In den ersten fünf Jahren ist die Gefahr besonders groß, als Unternehmer Schiffbruch zu erleiden. Von Anfang an ist deshalb eine professionelle Unterstützung sehr wichtig. Allerdings ist es schon für gestandene Unternehmen nicht leicht, den »richtigen« Partner zu finden. Noch größere Probleme bereitet dies jungen Unternehmen. Ein noch größeres Hindernis bedeutet für sie die Finanzierung. Hier setzt das neue »Gründercoaching Deutschland« (www.gruender-coaching-deutschland.de) an. Förderfähig sind Beratungsmaßnahmen zu wirtschaftlichen, finanziellen und organisatorischen Fragen eines Unternehmens. Bis zum fünften Jahr ihres Bestehens können Unternehmen und Freiberufler aus dem Programm anteilige Zuschüsse zu den Beratungskosten in Anspruch nehmen – bis zur Bemessungsgrundlage von 6000 Euro. Der Zuschuss beträgt in den alten Bundesländern und Berlin 50 Prozent oder maximal 3000 Euro. In den neuen Ländern und im Regierungsbezirk Lüneburg beträgt der Zuschuss 75 Prozent, bei einem Förderhöchstbetrag von 4500 Euro. Der Berater muss allerdings in der KfW-Beraterbörse (www.kfw-beraterboerse.de) für das neue Coaching-Programm gelistet sein. Christine Demmer