Arbeit 4.0 bei Phoenix Contact Shopfloor-Mitarbeiter nicht vergessen!

'Wenn wir die Leute nicht abholen, macht es Anne Will': Wie Prof. Gunther Olesch Phoenix Contact zu einer Industrie 4.0-Organisation transformieren will, hat er auf dem Markt&Technik-Roundtable 'Wie kommt Innovation ins Unternehmen' berichtet.

Prof. Gunther Olesch ist Geschäftsführer Personal, Informatik und Betriebstechnik bei Phoenix Contact. Sein Unternehmen treibt den Wandel zu Industrie 4.0 voran, entwickelt Produkte, die Industrie 4.0 und die Vernetzung von Maschinen und Geräten in der Lieferkette überhaupt erst ermöglichen: vom Kunden der bestellt, bis zur Auslieferung.

16.000 Mitarbeiter hat Phoenix Contact weltweit. Wenn Gunther Olesch von New Work spricht, dann vor allem davon wie es ist,  Menschen mitzunehmen aus einer alten, analogen in eine neue, digitale Welt, »in der die Menschen anders denken müssen«. Sie von der Notwenigkeit des digitalen Wandels zu überzeugen.

Dabei steht Phoenix Contact wie andere Industrieunternehmen auch vor einer heterogenen Belegschaft, in der manche weiter sind als andere. Zwar habe es die junge Generation naturgemäß leichter als manche 55-jährigen, manchmal sei es aber auch umgekehrt. Olesch sieht die Aufgabe von Phoenix Contact darin, alle im Zuge des Wandels zu Industrie 4.0 mitzunehmen, »keinen dabei zurückzulassen«

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Markt&Technik Roundtable 'Wie kommt Innovation ins Unternehmen?'

Von Start-up bis New Work

Zudem kranke die New-Work-Diskussion häufig daran, dass sie vor allem auf der Ebene der sog. »Brainworker« diskutiert werde, der zeit- und ortsunabhängigen Kreativarbeiter.

Dabei gehe es doch auch um die Situation der Fachkraft am Band, da wird Olesch leidenschaftlich: »Deutschland ist ein Industriestandort, Gott sei Dank! Die Vorstellung aus der Thatcher-Ära, alles werde sich in Richtung Dienstleistung bewegen, und wer sich nicht bewegt, verpennt den Anschluss, hat sich nicht bewahrheitet. Heute sind wir vorne dran und ziehen Europa! Und deswegen muss man auch an die Leute denken, die an einer nicht mobilen Kunststoffspritzmaschine arbeiten, die eine Tonne wiegt und für die jemand sorgen muss, dass sie effizient arbeitet. Diese Shopfloor-Mitarbeiter müssen ebenfalls mitgenommen werden, auch das ist Herausforderung bei New Work«, erklärt er. 

Möglichkeiten sieht Olesch im Schichtbetrieb, hier sei flexibles Arbeiten bereits eingeführt. Aber es geht noch weiter, schließlich bestimme die effektive Zusammenarbeit von Brainworkern und Shopfloor den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens in Deutschland: »Denn wenn die Brainworker tolle Sachen erfinden und die Maschinen das aber hinten nicht ausspucken, dann ist das ganze Brain nichts wert. Wir müssen dem Shopfloor vermitteln, wie wichtig ihre Arbeit ist,  weil es ohne sie kein Industrie 4.0 geben kann«.

Die Welten der Brainworker und des Shopfloors müsse man zusammenbringen. Denn von den disruptiven Entwicklungen, über die heute diskutiert werde, sei die Belegschaft des Shopfloors abgehängt, so Olesch. Lösung: kommunizieren und einbeziehen.

Nur 10 Prozent einer Belegschaft beschäftigten sich einer Fraunhofer-Studie zufolge mit Digitalisierung, meistens Führungskräfte und Experten. 90 Prozent bekommen die Information nicht, weil Digitalisierung kein klares, messbares Ziel ist wie Umsatz oder Rendite, »sondern ein Weg. Und weil Menschen manchmal unsicher sind, wie der Weg aussieht, kommunizieren sie zu wenig. Wenn dann die 90 Prozent ihre Informationen aus dem Fernseher bei Anne Will bekommen, wo von 18 Millionen Arbeitslosen die Rede ist, dann ist die Verunsicherung perfekt. Da kann man verstehen, dass die Leute am nächsten Tag zum Betriebsrat rennen und darum bitten, das zu verhindern! Dabei ist das Quatsch. Es gibt genügend Möglichkeiten, die Leute mitzunehmen.«

Phoenix Contact habe sich in eine Präambel geschrieben, die Leute mitzuführen. »Da steht drin, dass auf dem Weg zur Digitalisierung keiner Angst haben muss, seinen Arbeitsplatz und damit seine Existenz zu verlieren. Dass wir dafür alles tun werden. Aber sicherlich wird der Arbeitsplatz anders aussehen, andere Qualifikation brauchen«.

Phoenix Contact setzt aus diesem Grund auf Qualifizierung, hat dazu ein Bildungszentrum für Digitalisierung gebaut und veranstaltet riesige Workshops, wo Einheiten von 600 bis 1000 Leute zusammenkommen. Vernetzt und unterstützt von Big Data wird dabei das Feedback der Teilnehmer in selbstorganisierenden Arbeitsgruppen aufgenommen. Das Motto: miteinander diskutieren und für sich die eigene Zukunft entwickeln und gestalten. Partizipieren. »Partizipieren ist sehr, sehr entscheidend«, bekräftigt Olesch, »damit nicht die Brainworker den Shop-Floor-Leuten tayloristisch etwas aufsetzen.«   Die Kosten? »35 Mio. Euro, auch für uns ein Happen«, so Olesch.

Aber natürlich seien auch neue Formen der Arbeitsorganisation und Kundenorientierung, wie Scrum, Agile, Design Thinking, für Phoenix Contact wichtig. Am besten funktioniert das in Start-ups, »hier sind all diese neuen Instrumente sehr gefragt«  Im Jahre 2023, zum 100. Geburtstag von Phoenix Contact, wolle das Unternehmen rund 15 Prozent des Umsatzes mit rein digitalen Produkten machen. Gerade habe man eine Firma für 3D-Druck ausgegründet, die schon Umsätze im zweistelligen Millionenbereich verbuchen könne. »Deswegen arbeiten wir mit Startups aus der digitalen Welt zusammen und investieren dazu jährlich 10 Prozent unseres Gewinns, um zu kooperieren.«

Wie funktioniert das so, die Kooperation mit den Start-ups, zwischen neuer und alter Welt? Innerhalb der Organisation stößt man dabei schnell an Grenzen, wie Olesch veranschaulicht: »Den Start-ups bieten wir an, dass sie bei uns anfangen können, aber die meisten habe kein Interesse«.

Warum? Da sei zum einen das Arbeitszeitgesetz: »Die wollen sich Sonntag nach dem Tatort, oder wann sonst ihnen gerade etwas einfällt, an den Computer setzen und programmieren. Und dafür Montag nicht.« Die Kollision mit dem Gesetz, dem Betriebsrat oder dem Vorgesetzten ist also vorprogrammiert. »Das wollen wir nicht. Daher arbeiten wir außerhalb der Organisation mit ihnen zusammen, die Berliner Niederlassung fungiert dabei als eine Art Nahtstelle. Das läuft sehr gut!«

Über alle Ergebnisse des Roundtable-Gesprächs ‘Wie kommt Innovation ins Unternehmen’ berichten wir in der Markt&Technik.