Kommentar Punkt für die IG Metall: wie wollen wir arbeiten?

Corinne Schindlbeck, Redakteurin Markt&Technik
Corinne Schindlbeck, Leitende Redakteurin Markt&Technik

Die IG Metall hat nicht nur mehr Geld, sondern auch die Möglichkeit ausgehandelt, als Angestellter zeitweilig nur noch 28 Wochenstunden zu arbeiten. Das dürfte Kritikern gefallen, die die Flexibilisierung der Arbeit als Mogelpackung zu Lasten der Arbeitnehmer sehen und Verbesserungen fordern.

Als Pilotbezirk haben sich die Metaller in Baden-Württemberg auf einen Tarifvertrag geeinigt, der von den restlichen Bezirken in Deutschland übernommen werden dürfte. Bemerkenswert ist aus meiner Sicht vor allem die Möglichkeit, die Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für maximal zwei Jahre zu verkürzen, bei teilweisem Lohnausgleich.

Diese Forderung der IG Metall hat die Metall-Arbeitgeber besonders geschmerzt, weil sie solche Zugeständnisse in Zeiten prächtiger Auftragslage bei gleichzeitigem Fachkräftemangel gar nicht gebrauchen können.

Ihre Sicht ist verständlich, für mich zumindest. Dafür dürfen sie nun bei Bedarf über die 35-Stunden-Woche hinausgehen und Verträge über 40-Stunden abschließen. Nach 27 Monaten Laufzeit wird sich dann zeigen, wie das Projekt funktioniert hat.  

Die Hartnäckigkeit der IG Metall in dieser Frage ist ein Signal an uns alle, vor allem mit Blick auf die Flexibilisierung der Arbeitswelt: Menschen sind nicht nur arbeitendes Humankapital, sondern haben auch ein Privatleben. Und in diesem beispielsweise Angehörige zu pflegen. Privatsache, argumentieren Arbeitgeber gerne, dafür lassen wir ja flexibel arbeiten.

Sie übersehen dabei, dass sie von der Flexibilisierung der Arbeitswelt oft durchaus einseitig zu Lasten der Beschäftigten profitieren. Auch wenn denen das vielleicht noch gar nicht bewusst ist, sondern sie sich freuen über die 24-Stunden-Öffnungszeiten der Kita, die ihnen Entlastung im (Arbeits-)Alltag bringt.

Kritiker aber sagen: Der Trend zu immer flexibleren Arbeitszeiten schaffe Mitarbeiter auf Abruf und reduziere die Phasen mit weniger Arbeitsvolumen (also Ruhepausen) im Betrieb. Gut für Arbeitgeber. Auch dienen befristete Verträge manchen Arbeitgebern inzwischen als neues Recruiting-Instrument mit verlängerter Probezeit. Durchaus auch gerne per Dienstleister. Die Arbeit in Projektverträgen bei wechselnden Kunden verlangt Organisationsaufwand vor allem im privaten Umfeld. All das nützt Arbeitgebern und muss von Arbeitnehmern meist einseitig gestemmt werden.

Vor allem Wissensarbeiter justieren unter dem Stichwort Worklife-Balance die per Zielvereinbarung anfallende Arbeit um ihr Privatleben herum, das jederzeit von Arbeit überblendet werden kann. Es gibt ganz bewusst keinen festen Feierabend mehr: nach der privaten Zeit mit Kind oder Partner geht es wieder an den Rechner.

Manchmal gipfelt das in digitalem Nomadentum, und viele sind sehr glücklich damit.

Aber, Hand aufs Herz: bei anderen, gerade intrinsisch Motivierten, führt eine Zielvereinbarung bei Vertrauensarbeitszeit eben manchmal bereits zur Selbstausbeutung. Erst recht, wenn man sogar in der Sonne unter dem Kastanienbaum arbeiten darf, nach dem Motto »Ist ja keine Arbeit«.

Ich erinnere mich an eine Aussage des leider bereits verstorbenen Personalmanagement-Nestors Lutz von Rosenstiel um die Jahrtausendwende.

Damals war die IT-Blase noch nicht geplatzt, Gründer campierten unter ihren Schreibtischen, ernährten sich von Pizza und arbeiteten bis zu 70 Stunden die Woche. Ich wollte von Lutz von Rosenstiel wissen, ob man auch als derart positiv motivierter Mensch Burnout bekommen könne. »Aber ja«, hat er mir geantwortet, »der Körper zieht irgendwann die Reißleine«.        

Davor warnt heute auch der Saarbrücker Betriebswirtschaftler Prof. Christian Scholz in seinem Buch ‘Work-Life-Blending’. Bislang gehe die Flexibilisierung der Arbeitswelt zu einseitig zu Lasten der Mitarbeiter, sagt er. Und bezeichnet die momentane Entwicklung als gefährliche »Mogelpackung«, weil der Job metastasenartig das ganze Leben vereinnahme.

Die angebliche »Freiheit« führe in Wahrheit zur Selbstausbeutung. Work-Life-Blending sei nicht mehr als permanenter Bereitschaftsdienst, Arbeit auf Abruf. Ständige potenzielle Verfügbarkeit entspreche nicht der menschlichen Psyche, zumal die meisten Menschen aus freien Stücken über ihre Grenzen hinausgehen würden. »New Work« und alles, was damit zusammenhänge, werde einseitig glorifiziert und baue in Wahrheit auf dem alten Prinzip der »Work on Demand« auf, nach den alten Modellen der kapazitätsorientierten Arbeitszeit »KAPOVAZ«.

Hat Scholz Recht oder übertreibt er? Ex-Topmanager Thomas Sattelberger, der sich heute für die FDP im Bundestag um Innovation und Digitales kümmert, dürfte ihm massiv widersprechen, behaupte ich mal.

Gut so. Genau diese Diskussion brauchen wir. Insofern ist das, was die IG Metall ausgehandelt hat, nicht nur ein Pluspunkt für ihre Mitglieder, sondern auch wichtig in der Diskussion um die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und können.