Programmierer müsste man sein

Es ist das Gegenkonzept zur Stechuhr. Und so außergewöhnlich, dass es bislang nur sehr wenige Firmen gibt, die es umsetzen: das »4+1«-Arbeitszeitmodell.

Vier plus eins, das heißt vier Tage arbeiten, einen Tag fortbilden. Soviel Freiraum bietet seinen Mitarbeitern nicht nur die Prominenz bei Google, sondern auch der Softwareentwickler und -berater Itemis.

Um einem Mitarbeiter einen ganzen Tag der Arbeitswoche zu seiner freien Verfügung zu überlassen, braucht es schon großes Vertrauen oder zumindest ein positives Menschenbild. Itemis-Chef Jens Wagener hat sicherlich beides. Vor allem aber hat er seine eigenen Erfahrungen gemacht, wie man in herkömmlichen Strukturen arbeitet. Unter Druck, ohne Freiraum, unter Aufsicht. »Das kann es nicht sein«, dachte er sich, als der Frust immer größer wurde, und gründete 2003 zusammen mit Wolfgang Neuhaus, seinem ehemaligen Arbeits- und heutigen Vorstandskollegen, die Firma Itemis.

Grundbestandteil von Anfang an war auch das »4+1«-Arbeitszeitmodell. Es bedeutet, dass jeder Angestellte einen Tag auf Kosten der Firma für die eigene Weiterbildung verwenden kann. Itemis profitiert, weil seine Mitarbeiter profitieren.

Die Itemis-Programmierer, allesamt Software-Freaks, dürfen sich aussuchen, in welchem Bereich sie sich weiterbilden. Meist handelt es sich dabei um Softwareprojekte. »Immer wieder fällt daraus für Itemis ein Kundenprojekt ab«, berichtet Jens Wagener. »Motivation ist nichts, was man von außen aufsetzen kann. Ebenso wenig funktionieren Druck oder Kontrollzwang«, sagt er.

Entscheidend sind Arbeitsumfeld und -aufgabe

Die Arbeitspsychologie gibt ihm da recht: Mag sein, dass mehr Gehalt eine Weile für einen Motivationsschub sorgt – doch dieser Effekt verpufft schnell. Entscheidend sind Arbeitsumfeld und -aufgabe. Wirklich gut sind Mitarbeiter in Dingen, die sie gut können und in denen sie sich stets ein wenig verbessern und fordern können, ohne sich zu überfordern. Experten nennen das intrinsische Motivation.

Einige bei Itemis nutzen die Zeit, um Fachartikel zu schreiben oder bei Open-Source-Projekten mitzumachen. Andere lernen Englisch, gehen ins Fitnessstudio oder schreiben ein Kinderbuch. Unternehmerischer Erfolg mit einem Kinderbuch? »Wir werden sicherlich irgendeinen positiven Nutzen daraus ziehen«, ist Wagener überzeugt. Die Fluktuationsrate bei Itemis geht gehen Null.

Weiterbildung bei Itemis funktioniert in der Regel selbstorganisiert, in »Study groups«. »Da entstehen erstaunliche Sachen«, lobt Wagener. Mitarbeiter, die sich für die gleichen Themen interessieren, schaffen einen Pool von sich gegenseitig unterstützenden Wissenshungrigen. Das Unternehmen hat sich ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Bildungsaktivitäten vorbehalten. »Wir wollen, dass du etwas tust, was dich weiterbringt«, lautet die Anweisung. Und fördert und vernetzt zugleich wo es geht: »Unsere Mitarbeiter sind extrem selbstmotiviert. Darauf achten wir schon bei der Einstellung«, sagt Jens Wagener.

Kundenprojekte haben Vorrang

Bei der Aktion »4+1« gilt allerdings, dass Kundenprojekte Vorrang haben. Mitarbeiter, die zum Beispiel vier Wochen vor Ort beim Kunden gebraucht werden, nehmen ihre Bildungstage dann eben an einem Stück nach Abschluss des Projekts.

In diesem Jahr wurde Itemis für seine Personalführung ausgezeichnet. In der Kategorie »Mitarbeiterentwicklung & -perspektive« kam das Unternehmen beim Unternehmensvergleich Top Job auf den ersten Platz.