Industrie 4.0 »Praktisch sofort im Job«

Immer mehr Hochschulen fokussieren sich auf Industrie 4.0. Was heißt das für die Studienwahl? Wir fragten nach bei Prof. Dr.-Ing. Michael Berger vom VDE-Ausschuss »Studium, Beruf und Gesellschaft«.  

Herr Prof. Berger, welche Studiengänge bereiten angehende Ingenieure Ihrer Ansicht nach am besten auf Industrie 4.0 vor? 
Hochschulen setzen deswegen auf das Stichwort I4.0, weil sie damit Studierende gewinnen können. Das ist nachvollziehbar, denn letztlich ist jede und jeder, der sich für dieses Thema begeistert, eine zukünftige Fachkraft, die wir dringend brauchen.
Allgemein lässt sich sagen: Hoffentlich bereiten alle Studiengänge darauf vor, insbesondere die industrienahen. Das bedeutet grundlegende Computerkompetenz (Stichwort: DIGCOMP), und dann je nach Fach in unterschiedlicher Tiefe. Natürlich sind die computernahen Disziplinen insbesondere gefordert: Elektrotechnik, Informationstechnik, Elektronik, Technische Informatik, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsmathematik, Controlling, Fertigungslogistik, Qualitätsmanagement, teilweise Einkauf und Marketing.
 
Bietet ein duales Studium da Vorteile, weil es praxisnäher ist?
Grundsätzlich nein. Wer in seinem normalen Studiengang Praxisnähe sucht, kann genauso gut einen Werkstudenten-Job in einem Unternehmen oder bei der Fraunhofer-Gesellschaft annehmen oder bei F&E-Projekten mit der Industrie mitarbeiten. Die Jugendlichen gerade in diesem Bereich sollten sich auch keine Sorgen um die Zeit nach dem Studium machen: Auch ohne dual sind sie praktisch sofort im Job.
Der Begriff Praxisnähe ist zudem sehr schillernd und unterstellt immer den Elfenbeinturm. Vielfach ist damit aber auch gemeint, dass die Sozialisation im Unternehmen erst stattfinden muss. Natürlich vermitteln die Hochschulen nicht immer genau das CAD-Tool, was dieses Unternehmen gerade verwendet. Natürlich kennt der Absolvent nicht zwingend alle Normen und Bestimmungen, die dieses Unternehmen gerade braucht. Und natürlich können Sie von einem 24-Jährigen nicht erwarten, dass er Personalführung und Projektcontrolling zu 100% drauf hat. Praxisnähe kann auch Scheuklappen bedeuten: Ich kenne das Unternehmen, bei dem ich im Studium gearbeitet habe.
 
Wie beurteilen sie die geforderte Interdisziplinarität an den Hochschulen zwischen Informatik, Mikrosystemtechnik und Elektrotechnik?
Grundsätzlich ist sie sehr gut. Die Hochschulen setzen natürlich alle unterschiedliche Schwerpunkte, und das brauchen wir auch. Wenn ich Mikrosystemtechnik mache, brauche ich mehr Physik, bei Elektrotechnik mehr Technische Informatik, bei Informatik kann mehr Elektronik manchmal helfen. Da gibt es tausend Nischen.
Gefährlich wird es, wenn alle von allem etwas können. Mit solchen Leuten kann ich kein sinnvolles Team bilden. Stattdessen brauche ich offene Spezialisten mit Neugier für die Nachbargebiete und dann noch einzelne sozial und wirtschaftlich kompetente Teamleiter(innen). So sollte man auch »Systemkompetenz« verstehen: Experten mit vielen Schnittstellen.

Bachelor/Master: Gibt es Ihrer Ansicht nach einen Königsweg, um unter dem Stichwort Industrie 4.0/Digitalisierung die richtigen Fächerkombinationen zu wählen? 
Nein, eher nicht, und im Übrigen: Wozu? Um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen? Da würde ich mit Blick auf die Zahlen sagen: Lieber irgendetwas aus dem bereits erwähnten Umfeld wählen, was einem Spaß macht, und dann fachlich durchstarten. Alles Weitere findet sich.