Ohne strategischem Denken geht's nicht

Wer im Tagesgeschäft versinkt, fordert böse Überraschungen geradezu heraus. Wer ohne Zielvorstellungen werkelt, dem fehlt das Radar für Chancen und Möglichkeiten. Wer sich nicht um Mittel und Maßnahmen für die betriebliche Weiterentwicklung kümmert, lässt seinen Betrieb vergreisen.

Das ist die Quintessenz fehlenden strategischen Denkens, wie Wirtschaftsjournalist Hartmut Volk in einem Interview mit Professor Dr. Hans H. Hinterhuber erfuhr, bis vor kurzem Vorstand des Instituts für Unternehmensführung, Tourismus und Dienstleistungswirtschaft an der Universität Innsbruck und heutiger Partner seiner ehemaligen Wirkungsstätte.

Herr Professor Hinterhuber, weshalb ist strategisches Denken unverzichtbar?

Prof. Dr. Hans H. Hinterhuber: Gleich ob jemand für einen kleinen oder einen großen Betrieb verantwortlich ist, muss sich fragen: Ist das von mir verantwortete Unternehmen so erfolgreich, wie es sein könnte? Schöpfe ich sein Potenzial wirklich aus? Wohin wird die gesamtwirtschaftliche und überhaupt die Entwicklung gehen? Wie kann und muss darauf reagiert werden? Wie finde ich die entsprechenden Entwicklungsperspektiven? Wie schaffe ich die Möglichkeit zu deren Realisierung? Die Beschäftigung mit diesen Fragen und die Suche nach für das Unternehmen realisierbaren Antworten hat doppelte Bedeutung: Sie optimiert das betriebliche Handeln der Gegenwart und formt gleichzeitig das zukünftige Handeln vor. Wer sich diesen Fragen nicht stellt, ruiniert die betriebliche Standfestigkeit – selbst wenn der Betrieb aktuell noch erfolgreich ist.

Können Sie das noch etwas näher erläutern?

Der wohl größte aller Militärstrategen, Helmuth von Moltke, definiert Strategie als »System von Aushilfen«. Wir würden heute sagen, als unverzichtbare Wenn/Dann-Überlegungen, um in einer turbulenten Umwelt nicht unter die Räder zu kommen, sondern vorbereitet zu sein, um seine Ziele zu erreichen. Was soll ich tun, wenn ein Konkurrent die Preise senkt? Wenn ein neuer Wettbewerber in den Markt eintritt oder eine neue Technologie unser Angebot und die dahinter stehenden Prozesse in Frage stellt? Solche, über die nächste Bilanz hinauszielenden Überlegungen sind das einzige bekannte Mittel, um sich rechtzeitig auf Veränderungen einzustellen beziehungsweise sich davor zu schützen, von ihnen überrascht zu werden.

Wie wirkt strategisches Denken?

In den vergangenen fünf Jahren haben wir die Praxis des strategischen Denkens in 50 Unternehmen untersucht. Dabei haben wir herausgefunden, dass strategisches Denken auf zweierlei Art langfristig die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöht: Erstens, indem es günstigere Ausgangsbedingungen zur Marktbearbeitung schafft. Zweitens, indem auf diese Weise organisatorisches Lernen zur Schaffung neuer Märkte im Unternehmen verankert wird. Strategisches Denken nutzt einem Unternehmen also doppelt: Es schafft die Voraussetzungen für ein langfristig profitables Unternehmen. Und es erhöht die Wahrscheinlichkeit für diesen langfristigen Geschäftserfolg, weil es dank der Strategie gelingt, schneller und besser als die Konkurrenz den bisher gegangenen Weg zu korrigieren.

Was genau ist daran nun strategisch?

Nehmen wir die Schaffung neuer Märkte. In der Regel gibt es dafür keinen präzisen Ausgangspunkt, von dem man starten könnte, und auch keinen definierbaren Endpunkt, den es zu erreichen gilt. Es gibt eine vage Vorstellung, eine Vision einer Zukunft, die man gestalten möchte, von Märkten, die erfunden werden könnten. Da es weder einen Anfangs- noch einen Endpunkt gibt, sondern allein das kontinuierliche Verbessern und Austarieren von Möglichkeiten, um die Umsetzung dieser Vision voranzutreiben, ist letztendlich die Rate des organisatorischen Lernens für Erfolg oder Scheitern maßgeblich.

Je rascher experimentiert werden kann, je eher gangbare von weniger gangbaren Wegen unterschieden werden, je schneller ein neuer Prototyp einer Lösung oder ein neues Angebot herausgebracht werden können, desto höher sind die Aussichten auf Erfolg. Strategisch daran ist also zum einen die Suche nach Lernvorsprüngen gegenüber Konkurrenten, strategisch ist aber auch der kreative Akt der Findung einer Vision zur Schaffung neuer Märkte.

Wodurch unterscheidet sich strategisches von »normalem« Denken?

Im Wesentlichen dadurch, dass es darauf gerichtet ist, das Potenuial, das einer Entwicklung oder Situation innewohnt, zu erkennen. Es zielt darauf, die Faktoren zu erkennen, die einen Betrieb tragen, und die Möglichkeiten, aus dem Entwicklungs- oder Situationspotenzial Nutzen für das Unternehmen zu ziehen. »Strategisches« im Unterschied zu »normalem« Denken heißt also, die Faktoren, die für das Unternehmen günstig sind, rechtzeitig zu erkennen und zu fördern und sich von ihnen gleichsam tragen zu lassen.