Kritik an flexiblen Arbeitszeiten Mogelpackung 'Work-Life-Blending'?

Personalexperte Prof. Dr. Christian Scholz von der Universität des Saarlandes bezeichnet den Trend zur Flexibilisierung der Arbeitswelt als Mogelpackung und Sieg der Arbeitgeber-Lobby: 'Work-Life-Blending' nutze scheinbar den Mitarbeitern, führe aber in Wahrheit oft zur Selbstausbeutung.

Markt&Technik: Herr Prof. Scholz, überall ist die Rede von ‘mehr selbstbestimmter Arbeit und mehr betrieblicher Flexibilität in der zunehmend digitalen Arbeitswelt’. Was läuft Ihrer Ansicht nach falsch?
Prof. Christian Scholz: Die Megatrends Digitalisierung, Flexibilisierung und Virtualisierung werden in der Arbeitswelt 4.0 aktuell überwiegend einseitig zu Lasten der Menschen umgesetzt. „Work-Life-Blending“ ist eine Mogelpackung, weil der Job metastasenartig das ganze Leben vereinnahmt. Die angebliche Freiheit führt in Wahrheit zur Selbstausbeutung. Work-Life-Blending ist nichts anderes als permanenter Bereitschaftsdienst. Natürlich mutet Arbeitszeitflexibilisierung auf den ersten Blick total cool an. Arbeitsgesetze aufheben, Wochenendarbeit zulassen, länger arbeiten, Lebensentwürfe berücksichtigen klingt vielleicht toll, ist aber eine Mogelpackung. Denn Arbeitgeber machen das ja nicht nur, weil sie primär gute Menschen sind. Sondern sie wollen „Work on Demand“, also die tatsächliche Arbeitszeit zeitnah an den Arbeitsanfall koppeln.

Sie sprechen von Selbstausbeutung. Woran machen Sie das fest?
Vertrauensarbeitzeit ist sicher etwas Gutes. Nur haben wir in Deutschland rund eine Milliarde unbezahlte Überstunden. Und wenn die Vorgabe lautet »Mir ist egal, wie lange meine Leute arbeiten, solange sie das erledigen, was ich von ihnen will«, dann gehen Menschen mehr oder weniger aus freien Stücken über ihre Grenzen. Gerade diese Zielvorgaben führen leicht zur Selbstausbeutung. Sicher gibt es Mitarbeiter, die das gerne machen oder auch einfach nur gut damit umgehen können. Für die Mehrheit aber brauchen wir weiter klare Arbeitsstunden. Damit das klar ist: Eine Präsenzkultur will keiner. Ronaldo wird auch nicht nur für die 90 Minuten Anwesenheit auf dem Platz bezahlt, sondern dafür, dass er Tore schießt. Aber einen Schutz vor Selbstausbeutung und Schutz vor Fremdausbeutung brauchen wir.

Sehen Sie das nicht ein wenig zu pessimistisch? Hat nicht gerade die flexible Arbeitswelt auch klare Vorteile?
Diese Frage ist typisch für die Debatte, weil sie Flexibilisierung FÜR die Mitarbeiter mit Flexibilisierung DURCH die Mitarbeiter vermischt. Flexibilisierung für die Mitarbeiter ist natürlich eine gute Sache, hat es aber auch immer schon gegeben. Das Problem ist die Flexibilisierung durch die Mitarbeiter, die als Mogelpackung mit hineingeschoben wird. Und plötzlich sind wir bei ‘Arbeit auf Abruf’. Es gibt immer mehr Leute, die rund um die Uhr potenziell verfügbar sein müssen: Das Handy liegt immer neben einem und der Chef kann sich jederzeit melden. Das mögen vielleicht Journalisten gut finden, weil es ihrem Arbeitsstil entspricht. Und auch bei Managern mit Millionengehältern kann man das erwarten. Aber Verkäufer im Einzelhandel, Krankenschwestern, Techniker und viele andere Beschäftigte finden das nicht mehr lustig.

Also auch keine Vorteile für Familien?
Auch hier wieder: Es ist gut, wenn Eltern bei kranken Kindern bleiben können. Und längere Öffnungszeiten im Kindergarten sind auch nicht falsch. Nur: plötzlich sind beide Elternteile vollkommen flexibel und brauchen Kindertagesstätten, die rund um die Uhr offen sind, Ganztagsschulen und komplette Betreuungsangebote. Damit wird der Tagesablauf zwar gestaltbar, weil flexibel – aber nicht mehr planbar für die Eltern. Denn aus der völligen Flexibilität FÜR die Menschen wird sukzessive eine völlige Flexibilität DURCH die Menschen. Und dann gibt es im Extremfall auch kein geregeltes Familienleben mehr, keine planbare Pflege von Angehörigen. Ganz zu schweigen von der Frage, wie das für ein Kind ist, wenn es wie ein Staffelholz im fliegenden Wechsel übergeben wird. Wohlgemerkt: Das muss nicht immer so ausgehen, aber es passiert schon jetzt und ist für manche extrem belastend. Daher ‘Mogelpackung’.

Wo wird noch gemogelt?
Es wird nicht nur bei der Arbeitszeit gemogelt, auch beim Arbeitsort. Das Motto: »Ihr könnt alles frei auswählen«. Naja, eben nicht ganz: Bei Microsoft in München darf man nicht zweimal hintereinander den gleichen Schreibtisch wählen, sonst bekommt man ein Schild mit »No Camping« hingestellt. Und auch Lufthansa, Daimler und Siemens haben Desk-Sharing. Gemogelt wird aber auch bei den Arbeitsverhältnissen. Beschönigend wird geredet von »variablen Modellen, angepasst an die Lebenssituation«. Tatsächlich geht es aber um Teilzeit, befristete Arbeit, Leiharbeit, Selbstständigkeit oder Freelancing. Sicherlich gibt es Vordenker, die es aus ihrer Lebenssituation heraus toll finden, wenn atypische Arbeitsverhältnisse die neue Norm in Deutschland werden. Nur: Das ist menschenverachtend und realitätsfern.

Lässt sich diese Entwicklung denn zurückdrehen?
Ganz im Gegenteil. Was sich hier teilweise abzeichnet, ist ein Rückschritt in eine frühkapitalistische Industrialisierung. Wir müssen nach vorne denken. Beispiel Arbeitszeit: Wir sollten die Digitalisierung dazu nutzen, die individuelle Flexibilität für den Mitarbeiter zu erhöhen. Und sollten wegkommen von der Forderung, dass wir alle immer flexibler werden müssen für die Digitalisierung. Beispiel Schichtpläne: Hier könnte man über Big Data genau herausfinden, wann die Mitarbeiter arbeiten sollten, sodass diese schon für Monate im Voraus planen können. Aber wenn meine Mitarbeiter sowieso permanent flexibel sind, dann brauche ich gar keine Planung mehr. Hier liegt ein Denkfehler.

Was schlagen Sie vor?
Gegen diese Mogelpackungen müssen wir eine klare Vision über unsere Arbeitszeit setzen. Hierzu habe ich in meinem Buch bereits einige Vorschläge gemacht. Was ganz wichtig ist: Wir brauchen klare Konturen für den Arbeitstag, die Arbeitswoche, das Arbeitsjahr. Dazu gehört auch ein weitgehend geregeltes Arbeitszeitende als Feierabend. Die Dänen nennen das ‘die Aschenputtel-Stunde’: ein gesellschaftlicher Konsens darüber, wann Mitarbeiter in Betrieben und öffentlichen Einrichtungen Schluss machen. Gerade die jüngere Generation Z hat das übrigens längst erkannt und pocht auf ihr Recht auf Feierabend. Warum? Sie interpretiert Vertrauensarbeitszeit als einen eingebauten Mechanismus zur Selbstausbeutung statt erwünschter Flexibilität, weil sie weiß, wie leicht man zwei Stunden statt einer arbeitet.

Ist das eine Aufgabe für die Politik?
An eine politische Lösung glaube ich nicht so ganz. Ich befürchte eher, dass sie dem Lobbydruck nachgeben und Work-Life-Blending gesetzlich legitimieren. Einzige Ausnahme: die unsinnige Idee mit der Ruhezeit. Bis auf diese Regelung (11 Stunden am Stück sind gesetzlich vorgeschrieben, Anm. d. Red.) ist auch mit unserer derzeitigen Gesetzgebung schon relativ viel realisierbar, die Unternehmen müssen sich nur darüber Gedanken machen!

Was bringen Arbeitszeitkonten, bei denen man Zeit anspart, um sie später wieder auszugeben? Das nützt beiden, oder nicht?
Ja, wenn sie vernünftig geregelt sind und die Überlaufregelungen es ermöglichen, wirklich mal einige Monate ein Sabbatical zu nehmen. Ansonsten gilt der prinzipielle Einwand, den ich schon mehrfach erwähnt habe: Wenn es dazu führt, dass der Chef kurzfristig ankündigt »Heute machen Sie bitte noch zwei Stunden mehr; Sie können es ja auf das Zeitkonto schreiben«, dann wird es für den Arbeitnehmer schnell unangenehm.

Open Office und Desk-Sharing sind modern – wo liegt die Mogelei hier Ihrer Ansicht nach?
Ich bin sehr für innovative Bürokonzepte, hier gibt es faszinierende Ansätze, die ein modernes und kreatives Arbeiten erleichtern. Ich bin aber gegen Großraumstrukturen und gegen zwangsweises Desk-Sharing: Das alles ist gesundheitsschädigend, stört die Konzentration, blockiert die Kreativität und fördert auch nicht die Kommunikation. Brauche ich wirklich Schlafkojen und Entspannungsräume? Oder Räume wie Bushäuschen und Telefonzellen, um mal Ruhe zu haben? Ständige Variabilität und erzwungene Agilität? Vieles ist einfach nur verlogen.

Warum?
Manchen Unternehmen geht es primär um Quadratmeter, die man glaubt einsparen zu können. Und es geht darum, Mitarbeiter mobil zu machen, was viele überhaupt nicht wollen. Es stimmt einfach nicht: Selbst die jungen Menschen der Generation Z suchen im Unternehmen ihren Schreibtisch und ihre territoriale Integrität. Dann bringen sie Hochleistung. Und Mitarbeiter erkennen sehr schnell, wenn es beim »Ich mache das für euch, damit ihr glücklich seid« um ganz andere Dinge geht, beispielsweise auch um Transparenz im Sinne von Kontrolle – durch den Chef in einer völlig offenen Architektur plus die Kollegen.

Also doch wieder zurück zur Zeiterfassung?
Wir sollten über Dinge wie Zeiterfassung zumindest noch mal nachdenken, darüber schreibe ich auch in meinem Buch. Die Form und in welcher Konsequenz, darüber können wir diskutieren. Aber Zeiterfassung ist a priori nicht verkehrt, auch wenn ich weiß, dass das jetzt nicht ‘in’ klingt. Trotzdem gibt es inzwischen immer mehr Unternehmen, die ganz bewusst auch im Interesse der Mitarbeiter wieder Zeiterfassung einführen.

Arbeit 4.0 ist ein Megatrend. Brauchen wir ein gesamtgesellschaftliches Konzept?
Im Moment dominieren Unternehmensinteressen, vor allem von Großkonzernen. Sie und ihre Lobbyisten suggerieren uns, dass die Veränderung der Arbeitswelt alternativlos ist und uns wie bei Aldous Huxley eine schöne neue Welt schenkt. Dazu gibt es eine geschickte Wortwahl, ‘Digitalisierung als Tsunami’: Das ist ein politisch-manipulatives Framing. Es setzt unter Druck, klingt alternativlos, unausweichlich. Es entsteht Handlungsdruck, weil wir uns sonst ‘vom Zug des Fortschritts abkoppeln’. Auch der technologische Determinismus geht in diese Richtung. Und wenn man vom Korsett der Präsenzkultur spricht, ist das genauso Framing wie die ‘Freiheitszonen’, in denen man ohne die ‘Fesseln durch Arbeitsrecht und Gewerkschaften’ besser arbeiten kann.

Und Ihre Botschaft?
Wir sollten weniger wie Lemminge hinter falschen Propheten herlaufen und blind die aktuell dominierende Ideologie zähneknirschend runterschlucken. Wir sollten auch nicht nur darüber nachdenken, wie wir am besten mit der ständigen Verfügbarkeit im Work-Life-Blending leben können.

Wir sollten stattdessen prüfen, ob wir das überhaupt wollen. Mit ‘wir’ meine ich die Zivilgesellschaft, fortschrittliche Unternehmen, Gewerkschaften, Medien, politische Stiftungen und natürlich Wissenschaftler. Wir alle müssen uns überlegen, wie wir uns eine lebens- und liebenswerte Arbeitswelt vorstellen. Denn es geht um unsere Arbeitswelt. Und dazu müssen wir die Deutungshoheit zurückgewinnen und vielleicht sogar ‘Work-Life-Blending’ zum Unwort des Jahres 2018 machen.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck