Industrie 4.0 »Mitarbeiter werden künftig mehr leisten müssen«

Dr. Eberhard Niggemann, Leiter Weidmüller Academy.
Dr. Eberhard Niggemann, Leiter Weidmüller Academy.

Industrie 4.0 verändert auch Arbeitsprozesse: sie bewegen sich mehr und mehr zwischen realer und virtueller Welt. Mitarbeiter brauchen dazu neue Fähigkeiten und Qualifikationen. Die Weidmüller Academy hat ihr Qualifizierungsprogramm der Entwicklung zu Industrie 4.0 angepasst.

 »Auch in Zukunft wird der Mensch mit seinen Fähigkeiten in der Produktion eine entscheidende, aber andere Rolle spielen«, sagt Dr. Eberhard Niggemann, Leiter der hauseigenen Weidmüller Academy. Wichtig sei dazu fachübergreifendes Wissen, Verständnis für die Arbeits- und Denkweisen korrespondierender Disziplinen und Denken in übergreifenden Prozessen – Dinge, die die Weidmüller Academy den Mitarbeitern von Weidmüller für Industrie 4.0 vermitteln will.

Neben der eigenen Produktion beträfen die Veränderungen auch die Zusammenarbeit mit Weidmüllers Kunden.  Mitarbeiter in Produkt- und Vertriebsbereichen sollen dazu die notwendigen Kompetenzen aufbauen.

»Arbeit wird in Zukunft − ebenso wie die Produktionsprozesse − viel weniger standardisiert sein«, erklärt Roetger Sander, Leiter des International Training Center der Akademie von Weidmüller.
Detailliertes Produktwissen alleine reiche nicht mehr aus, um den Kunden vor Ort zu beraten. Denn die Nachfrage entwickelt sich von der Produkt- zur Systemlösung. Im Klartext: Der Kunde muss sich künftig nicht mehr mit einem möglichst passenden Produkt aus dem Standard-Programm zufrieden geben, sondern das Produkt wird passgenau nach Kundenwunsch gefertigt. Niedrige Stückzahlen, bei optimaler Produktivität – so lautet die Vision.

Das bedeutet für den einzelnen Mitarbeiter, dass er  - zusätzlich zu seiner jeweiligen Fachkompetenz - mehr Systemwissen aufbauen muss. Warum das so ist, erklärt Sander am Beispiel der Flexibilisierung der Produktion, an der Weidmüller seit geraumer Zeit arbeitet. Das Ziel dabei: Kundenwünsche auch in kleineren Mengen und Losgrößen zu bedienen, bei einer Verringerung der Stillstandzeiten der Maschinen und einer damit einhergehenden höheren Produktivität.

Teilerfolge auf dem Weg dorthin gebe es schon, so Sander, bei der energieeffizienten Vernetzung der Maschinen untereinander komme man beispielsweise schon gut voran. »Das erreichen wir, indem Prozesse, die ineinander überlaufen, eng aufeinander abgestimmt werden.«

Die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine werden auf Displays abgebildet, das ist nicht neu. »Neu ist, dass unsere Mitarbeiter alle aufbereiteten, wichtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt erhalten.«, erklärt Sander. »So werden immer mehr Assistenzsysteme, die es zum Teil heute schon im Consumer-Bereich gibt, auch in den Industrieeinsatz wandern.«  Auch den Einsatz von Augmented Reality, z.B. mit Hilfe von Brillen, prüft das Unternehmen. »Bei etwaigen Maschinenausfällen ist das sehr gut denkbar«, so Sander.

Im Zuge der Flexibilisierung der Produktion passt Weidmüller seit geraumer Zeit auch die Weiterbildung und die Trainings der Mitarbeiter an. Produktschulungen werden schrittweise in Systemschulungen überführt mit dem Ziel, Wissen verstärkt interdisziplinär und im Team aufzubauen.

Beispiel: Einem Team aus Spezialisten verschiedener Abteilungen wird eine Aufgabe gestellt, die abteilungsübergreifend zu lösen ist und bei der verschiedene Fachfunktionen interagieren müssen, »innerhalb des ganzen Planungsprozesses«, wie Sander betont. Eine kundenspezifische Anlagensteuerung aus Elektronik, Software, Gehäuse und Steckverbinder könnte zum Beispiel zu entwerfen und zu produzieren sein.

Hier spielt nicht nur klassische Steuerungstechnik, sondern auch IT eine wesentliche Rolle. Die Gehäusevariante soll, als Beispiel,  im Schiffbau eingesetzt werden.  Für die Produktion der kundenspezifischen Steuerung muss die Fertigung möglichst optimal angepasst werden. Keine leichte Aufgabe. »Der Denkprozess soll sich verändern, das ist die Herausforderung und das Lernziel hierbei«, erklärt Sander.

Im Workshop arbeiten so neben dem Ingenieur, der die Maschine entwickelt hat auch der Bediener sowie der Vertriebsmitarbeiter, der den Kunden betreut, an der Lösung der Aufgabe. Über solche komplexen Fragenstellungen soll vertikales und horizontales Systemwissen aufgebaut werden, auch Beratungskompetenz. Sander: »Der Vertrieb muss in die Lage versetzt werden, sich in das System des Kunden einzuarbeiten, nur dann kann er eine echte Lösung statt einzelner Komponenten anbieten. Der Kunde erwartet tiefes Fachwissen und Expertise genauso wie Systemkompetenz!«

Die Lernschritte dabei werden im Team gemacht: Wie häufig kommt so eine Variante vor? Besteht die Möglichkeit, durch geschickte Planung zu rationalisieren? Haben wir die nötige Rückmeldung der entsprechenden Abteilungen?

Entscheidungen werden in Meetings getroffen. Künftig könnten aber auch moderne Kommunikationsmedien wie etwa Augmented Reality zum Einsatz kommen, glaubt Sander.

Der Fokus bei der Didaktik liegt dabei weniger als früher auf Theorie, sondern vor allem auf der praktischen Umsetzung. Zusammen mit externen Partnern werden in der Weidmüller Academy beispielsweise Applikationsmodelle bearbeitet, die es zu automatisieren und zum Laufen zu bringen gilt. Die Übungsaufgaben werden dazu anhand konkreter Kundenanfragen entworfen. Auch hier im Fokus: Die Lösung gilt es im Team zu erarbeiten, die Teilnehmer müssen sich dazu vernetzen.

Auch in die Grundlagenschulungen hat dieser Systemgedanke Einzug gehalten: „Anders als früher wird heute 60 bis 70 Prozent des Wissens in praktischen Übungen vermittelt. Die Teilnehmer müssen das Erlernte immer wieder vorgetragen und präsentieren“, erklärt Sander. Die Module werden individuell nach Art eines Baukastens zusammengestellt, je nach dem wo der Schulungsbedarf des Mitarbeiters liegt. Mit dieser Matrix-Systematik lässt sich Wissen sukzessive in die Tiefe und in die Breite ausbauen.

Hat die Entwicklung zu Industrie 4.0  auch Auswirkungen auf das Recruiting? Sind künftig eher Spezialisten oder Generalisten gefragt? Beides zusammen: »Oberflächliches Halbwissen  ist nicht gemeint«, stellt Akademieleiter Niggemann klar.

Die Anforderungen an die Ausbildung der Mitarbeiter werden seiner Meinung nach in Zukunft steigen. »Es ergeben sich neue Herausforderungen und Möglichkeiten für die Facharbeiter und Ingenieure. Vernetztes interaktives Arbeiten zwischen Mensch-Mensch und Mensch-Maschine nimmt zu. Intuition, Flexibilität und ständiges Erweitern des Fachwissens über den jeweiligen Horizont hinaus ist gefordert und dies in interdisziplinären Teams.“, fasst Niggemann zusammen.

So sei es bei Weidmüller heute schon für alle neuen Mitarbeiter Pflicht, verschiedene Abteilungen zu durchlaufen. »Die Ausbildung wird persönlicher, auf den Menschen zentrierter«, erklärt Sander. Ob jemand für das gewünschte Aufgabenfeld hinsichtlich Interesse und Eignung zu fachübergreifender Zusammenarbeit gut geeignet sein dürfte, wird im Einstellungsverfahren geprüft. Auch die ausgeschriebenen Jobprofile hat Weidmüller daraufhin ausgerichtet und den Systemansatz mit Stichpunkten wie »Erfahrung im System«, »Übergreifende Gewerke« betont.