Licht und Schatten charismatischer Führung

Die neue Führungsforschung bestätigt die alte Praktikerweisheit: Wie der Herr, so’s Gescherr. Ausschlaggebend für Top oder Flop der Unternehmensführung sind der Mann oder die Frau an der Spitze. Um die Mitarbeiter mitzureißen, um sie zu animieren, neue Wege zu gehen, neue Möglichkeiten zu erschließen, um aus dem Risiko »Zukunft« die Chance »Zukunft« zu machen, bedarf es auch charismatischer Züge. So wird Veränderung zuverlässiger beherrschbar.

Doch was ist Charisma? In der Außenwirkung die Ausstrahlung einer Führungskraft, deren »animierende« Wirkung auf andere. Charisma zeigt sich in der Fähigkeit, in den Mitarbeitern Begeisterung zu erwecken, Energien freizusetzen und Zuneigung zu gewinnen sowie sie zu Leistungen anzuspornen, die persönliche Opfer erfordern und die Erwartungen übertreffen. »So kann die charismatische Führungspersönlichkeit, wenn sie Weisheit und Können mit ethischem Handeln verbindet, die Performance des Unternehmens nachhaltig verbessern«, sagt der Innsbrucker Managementforscher Prof. Dr. Hans H. Hinterhuber.

»Charisma« ist auch eine janusköpfige Eigenschaft

Für ihn personifiziert eine charismatische Führungspersönlichkeit eine Gemeinschaft. Hinterhuber: »Sie hat eine Vision und versteht es, sie dem Verständnis ihrer Mitarbeiter nahezubringen, sie damit zu inspirieren und zu begeistern, sich für Aufgaben und Ziele einzusetzen, die im gemeinsamen Interesse liegen, sie anzuregen, neue Wege zu gehen, neue Möglichkeiten zu erschließen, die andere nicht gesehen haben, und Ergebnisse zu erzielen, die über die Erwartungen hinaus gehen.« Das »Erfolgsgeheimnis« charismatischer Führungspersönlichkeiten beschreibt Hinterhuber bildhaft: Sie sprechen mit Herz und Vernunft Herz und Kopf ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an.

Doch »Charisma« ist eine janusköpfige Eigenschaft. Charisma hat zwei Gesichter. Eng verwandt mit der charismatischen ist die narzisstische Führungspersönlichkeit. In der griechischen Mythologie ist Narziss der schöne Sohn des Flussgottes Kephisos, der sich in unerfüllter Liebe zu seinem Spiegelbild, das er im Wasser erblickte, verzehrte. Er wurde schließlich als Strafe für seine Selbstliebe in eine Narzisse verwandelt. Diese selbstverliebten Führungskräfte sind eine Geißel für ihre Umwelt.

»Ihnen geht es weniger um die Sache als um sich selbst«, sagt Hinterhuber. Und fügt hinzu: »Sie wollen immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen; kümmern sich nicht um die Gefühle der Mitmenschen; spannen sie für ihre egoistischen Zwecke ein; manipulieren sie; fühlen sich besser als andere und zeigen dies auch; bestehen darauf, dass jeder ihnen den gebührenden Respekt erweist; bewundern sich selbst und sind von ihrer persönlichen Grandiosität überzeugt.« Hinterhuber, der sich intensiv mit dem Thema »Leadership« befasst hat, weiß: »Ein gewisses Maß an Narzissmus hat jeder, der in einer Führungsposition ist«, ja, eine ausreichende Portion »Narzissmus« hält der Managementexperte sogar für notwendig, um etwas bewirken zu können. Doch ab einem bestimmten Maß könne der Narzissmus eben von einem produktiven in einen destruktiven umschlagen.