Warum Ingenieure gerade jetzt ihre Arbeitsmarktchancen überprüfen sollten Keine Jobgarantie für Ingenieure

Der aktuelle Ingenieurarbeitsmarkt geizt mit Festanstellungen – wie passt das zum Fachkräftemangel? Experten erklären das Paradox.

Frage an Radio Eriwan: Sind die Arbeitsmarktchancen für Ingenieure derzeit sehr gut? Antwort: Im Prinzip ja. Vor allem wenn man bereit ist, zu einem Engineering-Dienstleister zu gehen. Denen werden die Arbeitskräfte förmlich aus der Hand gerissen. Das Geschäft mit der Leiharbeit boomt: Laut neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik waren 75 Prozent der 322.000 neue Stellen, die zwischen 2009 und 2010 in Deutschland geschaffen wurden, entweder befristet oder in Anstellung bei Zeitarbeitsfirmen. 26 Prozent der aktuell rund 3000 offenen Stellen für Elektroingenieure bei der Bundesagentur für Arbeit stammen von Zeitarbeitsunternehmen. 

Gleichzeitig meldet der VDI im Ingenieursbereich einen „leergefegten Arbeitsmarkt“, die Chancen für Ingenieure stünden derzeit so gut wie nie. Im Mai 2011 habe die Ingenieurlücke als Differenz aus offenen Stellen und Arbeitslosen den historischen Höchststand des Vormonats übertroffen: nun fehlen laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaft (IW) bereits 73.100 Fachkräfte. Im April waren es noch 68.700 und damit 6,4 Prozent weniger. Im Segment der Elektroingenieure bestehe laut VDI ein Engpass von 17.600 Personen. Besonders groß sei die Lücke in den süddeutschen Bundesländern: So blieben in Baden-Württemberg 19.900 Stellen unbesetzt, in Bayern 12.100. Der Verband VDE rechnet für 2011 einen Bedarf von 14.000 bis 16.000 Elektroingenieuren aus

Wie soll man nun diesen Widerspruch interpretieren? Wenn die Lücke wirklich so groß ist, sollten Unternehmen dann nicht alles daran setzen, das wertvolle Personal zu finden und zu halten, sprich fest anzustellen? Mit befristeten Verträge oder Leiharbeit ködert man sicher keine Spitzenkräfte. Anders als beim IT-Boom Anfang des neuen Jahrtausends, als auch weniger gut qualifizierte Kräfte eingestellt und meist „on the job“ weitergebildet wurden, bleiben beim aktuellen Ingenieursbedarf die Ansprüche der Unternehmen sehr hoch.

Prof. Dr. Jutta Rump von der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein leitet das Institut für Beschäftigung und Employability. Ob das für sie nicht ein Widerspruch sei, Klagen über Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Zurückhaltung bei Festanstellungen? „Ja und nein“, überlegt Rump. „Es gibt ohne Zweifel einen hohen Bedarf an Ingenieuren im Maschinen- und Anlagenbau und in der Elektronik. Doch der Titel „Ingenieur“ ist kein Freifahrschein. Firmen suchen Mitarbeiter mit gründlicher, solider Ausbildung, die kontinuierlich auf dem neuesten Stand der Technik sind. Zusätzlich sollten sie flexibel, anpassungsfähig, unternehmerisch denkend, wandlungsfähig und sozial und methodisch kompetent sein. Davon gibt es nicht genügend.“

Svenja Hofert, Karriereberaterin aus Hamburg, sieht das ganz genauso. „Es gibt natürlich immer einen gewissen Anteil an Klienten, die nicht vermittelbar sind, deren Persönlichkeit, um es vorsichtig zu formulieren, nicht den allgemeinen Anforderungen des Arbeitsmarktes entspricht. Doch auch die allermeisten anderen können und müssen an ihre Employability arbeiten. Denn auch in der momentanen Mangelsituation wollen Personaler die Wahl haben, den jeweils Besten einzustellen. Gerade Ingenieure neigen jedoch dazu, angesichts der günstigen Situation auf dem Arbeitsmarkt in eine Art Phlegma zu verfallen, ihre Weiterbildung zu vernachlässigen, zu lange in ein und demselben Job zu verharren. Das ist gefährlich.“ Zumal die Märkte labil seien, der augenblickliche Boom sich auch wieder legen könne. Die Karriereexpertin kennt die Wünsche der Personaler: „Immer sinnvoll sind Präsentationstechniken, interkulturelle Kompetenz, Konfliktmanagement, Auslandserfahrung: das wertet einen Lebenslauf entscheidend auf.“

Sie hat Erfahrung darin, Ingenieure zu beraten, Karrierekiller, Einstellungshindernisse oder Lücken im Lebenslauf zu identifizieren. „Manchmal braucht es eine Weiterbildung, um seine Kenntnisse zu erweitern, manchmal eine Änderung der Einstellung, zum Beispiel bezogen auf eigenes Verhalten oder Gehaltsvorstellungen. Oft ist aber nur an der eigenen Selbstdarstellung im Vorstellungsgespräch etwas zu korrigieren,“ sagt sie.

Viel zu tun in diesen Tagen hat der Münchner Headhunter Dr. Joachim Komorowski. „Es besteht kein Zweifel, dass es einen Fachkräftemangel gibt, besonders im Bereich Elektronik und Maschinen- und Anlagenbau“, sagt er. Selbst während der Wirtschaftskrise habe die Nachfrage nach diesen Ingenieuren, vor allem mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung, nicht wesentlich nachgelassen, was vor allem dem demographischen Wandel geschuldet sei.

Doch die Anforderungen sind hoch, Fachkompetenz allein reicht nicht aus. Personaler erwarten Kundenorientierung und wirtschaftliche Kompetenz, Kenntnisse und Fähigkeiten, die weder zu den Ausbildungsinhalten eines Ingenieurstudiums gehören, noch technisch orientierten Absolventen unbedingt in die Wiege gelegt werden. „Besonders in der IT-Industrie hat ein solide ausgebildeter Wirtschaftsingenieur höhere Chancen als ein spezialisierter Elektrotechniker ohne zusätzliche Kompetenzen.“, weiß Komorowski. Die Angst vor der Einstellung älterer Mitarbeitern habe die Industrie inzwischen abgelegt, beobachtet Komorowski. Wenn ältere Kandidaten arbeitslos blieben, sei das häufig auf zu hohe Gehaltsforderungen zurückzuführen. „Die Unternehmen sind nicht gewillt, in ihren Augen überzogene finanzielle Ansprüche zu erfüllen, nur weil ein Bewerber aus seinem im letzten Job erzielten Gehalt ein ‚Gewohnheitsrecht’ ableitet.“, sagt Komorowski.

Genau das stößt vielen Kritikern, die den Fachkräftemangel für eine Fata Morgana halten, so sauer auf: Wenn der Mangel echt sei, so müssten die Gehälter der Ingenieure steigen, das sei das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Stattdessen versuchten die Firmen, weiterhin zu sparen, seien bei Einstellungen zurückhaltend und setzten auf befristete Arbeitsverträge oder Arbeitnehmerüberlassung.

Wie lässt sich das erklären? Das resultiere aus der überstanden Krise. „Die sitzt  noch in den Knochen.“, sagt Headhunter Komorowski. Zumal die weltwirtschaftlichen Parameter - Überschuldung der USA, Euro-Krise - nicht gerade dazu bei trügen, die Sorgen zu beheben. „Davon profitieren Engineering-Dienstleister wie Ferchau, Brunel, Bertrandt oder Euro Engineering“, sagt Komorowski.  

Darf man zu diesen Zeitarbeitsfirmen wechseln, oder ist das angesichts der Möglichkeit, aktuell auch eine Festanstellung zu ergattern, ein Abstieg in Augen der Personalentscheider? Immerhin sind die Verdienstmöglichkeiten schlechter als in Festanstellung, mit einer Ausnahme: „Vertriebler verdienen bei Ingenieurdienstleistern sehr gut“., weiß Komorowski. Er findet, dass das Image der Dienstleister zu Unrecht so schlecht sei: »Unternehmensberater haben doch auch ständig wechselnde Kunden und Projekte.« Der Personalberater rät Ingenieuren, niemals nur wegen des Geldes zu wechseln. Die neue Position sollte karrieretaktisch stets mit einer Weiterentwicklung und/oder mit einem Aufstieg verbunden sein – dann könne man auch getrost zu einem Dienstleister wechseln, ohne seine Arbeitsmarktchancen zu schmälern.