Kommentar Keine Chance den Zeitfressern

Heinz Arnold, Chefredakteur, HArnold@markt-technik.de

Kennen Sie auch die netten Kollegen, die den Anschein erwecken, ständig zu kommunizieren?

Sie schreiben unentwegt E-Mails und setzen möglichst viele Kollegen auf cc, man will ja gesehen werden. Oder sind Sie schon von der Flut der E-Mails überfordert, die täglich herniederprasseln? Ständig mit Löschen beschäftigt und in der Hoffnung, wenigstens nicht die wichtigsten E-Mails – auch davon soll es ja welche geben – gleich mit in den Orkus zu schicken, bleibt kaum Zeit. Zeit zum Beispiel, um selber E-Mails zu schreiben, um die eigene Wichtigkeit nach außen zu dokumentieren. Wahrscheinlich machen sich die Kollegen in den Social Media schon über so jemanden lustig; das bekommt er gar nicht mit, denn neben dem, was gemeinhin Arbeit genannt wird, noch Social Media zu füttern oder auch nur zu verfolgen erweist sich als schwierig. Immerhin hat ein solcher armer Tropf dann immerhin noch genügend Zeit, ob seiner Defizite in Depressionen zu verfallen.

Doch liebe depressive Zeitgenossen, es naht Rettung: „Deep Work“ heißt sie. Damit ist nicht gemeint, dass sich die zur Depression Neigenden nun erst Recht tief in Arbeit einwühlen sollen. Nein, in diesem Buch hat der Autor Cal Newport, Professor für Computer Science an der Georgetown University, einfach mal definiert, was Arbeit nicht ist: E-Mails zu schreiben und zu lesen, ständig auf allen Kanälen präsent zu sein und zu reagieren, ständig in Meetings zu sitzen, die ja ebenfalls oft nur dazu dienen, die eigene Wichtigkeit zu unterstreichen – das ist gar keine Arbeit. Arbeit ist eher schon, sich vor solchen Zeiträubern zu schützen, eben „konzentriert arbeiten“, wie das Buch auf Deutsch heißt.

So etwas liest der geplagte, depressionsgefährdete Mitarbeiter selbstverständlich gerne. Davon gibt es offenbar viele. Cal Newport hat einen Nerv getroffen, denn sein Buch hat sich bereits zum Bestseller entwickelt. Endlich formuliert mal jemand in scharfen Worten, was hinter dem umtriebigen und rastlosen „ständig dabei sein Wollen“ wirklich steht: Nichts als Schein! In Wirklichkeit ist es nämlich so: E-Mails, WhatApps, SMS etc. anzuschauen und zu schreiben, die Social-Media-Präsenz und das Rumhocken in Meetings ist gar keine Arbeit! Endlich bekommen die Blender ihr Fett weg: Die ganze vorgegaukelten Aktivitäten sind in Wirklichkeit nämlich alles andere als Arbeit, jedenfalls keine an der Sache, sondern höchstens in eigener Sache. Und vor allem sind sie ein schöner Vorwand: die wirkliche Arbeit zu umgehen und sie auf diejenigen abzuschieben, die sie brav verrichten – davon aber nichts haben, weil sie ja ständig davon ausgehen, gegenüber den Blendern starke Defizite aufzuweisen.

Der Professor für Computer Science hat für diese Zeitgenossen tatsächlich ein paar konkrete Vorschläge parat, „Regeln für eine Welt voller Ablenkungen“, wie der Untertitel lautet: Buch zu führen, um einen Überblick zu bekommen, wann man wie viel Zeit für wirklich relevante Arbeit aufgewendet hat. Die Kanäle, die einen ständig ablenken wollen, einfach auszuschalten. Und vor allem: kein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Denn um wirklich relevante Arbeit verrichten zu können, kommt es darauf an, einen weiten Bogen um die Zeitfresser zu machen.

Schade nur, dass es keinen Knopf gibt, um die Aktivisten selber und ihre heiße Luft einfach abzuschalten. Da kann leider auch Cal Newport nichts machen. Aber immerhin: Es hilft zumindest etwas, nicht selber noch ins Lager der Pseudoaktivisten zu wechseln. Lassen Sie Ihr Leben nicht von den Zeiträubern bestimmen, es kann ja so entspannend sein, ein Buch zu lesen – und dann relevante Arbeit zu verrichten!