Bewerbung Keine Angst vor zu hohen Gehaltsforderungen!

Klaus Scholbeck ist Vergütungsexperte bei der Personalberatung Conciliat in Stuttgart: "Seinen Marktwert sollte man immer kennen!"
Klaus Scholbeck ist Vergütungsexperte bei der Personalberatung Conciliat in Stuttgart: "Seinen Marktwert sollte man immer kennen!"

Mit der Frage »Was sind Ihre Gehaltsvorstellungen« wollen Unternehmen checken, ob der Bewerber seinen Marktwert realistisch einschätzen kann. Was raten Personalexperten?

"Bitte senden Sie Ihre Bewerbung mit Angabe Ihrer Gehaltsvorstellung an: ..." Dieser Satz steht am Ende vieler Stellenanzeigen. Und regelmäßig bringt er Bewerber ins Schwitzen, weiß Klaus Scholbeck, Vergütungsexperte bei der Personalberatung Conciliat, Stuttgart.

Denn kaum haben sie den Satz gelesen, beginnt in ihrem Kopf ein Karussell zu kreisen: "Soll ich ein eher hohes Gehalt nennen, um Selbstbewusstsein zu zeigen? Oder katapultiere ich mich damit aus dem Rennen?" Und weil sie auf diese Frage keine befriedigende Antwort finden, gehen Bewerber auf die in der Stellenanzeige formulierte Bitte oft überhaupt nicht ein.

Das ist laut Scholbeck die "falscheste Reaktion". Denn sind die Bewerbungsunterlagen unvollständig, ist das verdächtig, dann beginnt bei den Personalverantwortlichen das Kopfkarussell zu kreisen: "Warum nennt der Bewerber keine Zahl? Kann er seinen Marktwert nicht einschätzen?" Gar: "Wie reagiert er sonst auf Wünsche? Negiert er diese ebenfalls?"

Scholbeck rät im Anschreiben zumindest zu signalisieren: Ich habe Ihren Wunsch registriert. Zum Beispiel mit einer Formulierung wie: "Mein aktuelles Jahresgehalt beträgt 40.000 Euro." Besser sei es aber, sich im Vorfeld zum Beispiel bei Personen, die eine vergleichbare Position haben, darüber zu informieren, was eine angemessene Forderung ist.

Renate Schuh-Eder, Geschäftsführerin der gleichnamigen Personalberatung, rät ebenfalls davon ab, über den Gehaltswunsch zu schweigen. Da unterscheidet sich die Elektronikbranche nicht von anderen Branchen: "Wenn es gefordert ist, dann ist es ein K.O.-Kriterium, nichts rein zu schreiben. Jedes Unternehmen hat sein Gehaltsgefüge: Wenn ein Gehalt generell nicht ins Gefüge passt, dann ist es so. Es wäre also Zeitverschwendung, das erst nach drei Gesprächen festzustellen."

Die Angst davor, eine zu hohe Forderung abzugeben, hält sie für unbegründet. "Angebot und Nachfrage regeln auch hier den Preis. Wichtig ist abzuschätzen, wieviel "passende" Bewerbungen der Arbeitgeber auf die Ausschreibung voraussichtlich bekommen wird. Ist der Markt sehr eng, wird der Arbeitgeber mit dem Gehaltswunsch offener umgehen. Gibt es aber 30 Bewerbungen mit dem mehr oder weniger gleichen Profil, dann wird es verständlicherweise sehr schwierig und der Arbeitgeber mag dazu tendieren, seine Kosten eher etwas zu optimieren. Bei dieser Gelegenheit: Es ist ohnehin wichtig, seinen "Marktpreis" zu kennen!"

Also keine Angst vor zu hohen Gehaltsforderungen: Denn wer sicherheitshalber einen (zu) niedrigen Gehaltswunsch angibt, der verkauft sich nicht nur unter Wert, sondern "wirkt auch schon wieder verdächtig", so Schuh-Eder.

Sie rät daher zu folgender Vorgehensweise: Am besten man gibt an, was man aktuell bekommt und dass man sich gerne verbessern möchte. Steht man bei der Jobsuche eher ein wenig unter Druck, etwa weil man Angst um seinen Arbeitsplatz hat, dann rät Schuh-Eder zu Zurückhaltung: "Geben Sie an, dass Sie sich dem Gehaltsgefüge im Unternehmen anzupassen bereit sind, weil Ihnen das Unternehmen und Aufgabe wichtiger sind."

Und nicht selten, so schmunzelt die Beraterin, sei das ja auch keine schlechte Option.

Ähnlich argumentiert Maike Unger, Personalreferentin beim Versicherungskonzern Allianz Deutschland. Sie bittet Hochschulabsolventen, die sich für ein Trainee- oder Vorstandsassistenten-Programm bewerben, stets, auch ihre Gehaltsvorstellung zu nennen. "Denn wir wollen, dass die Bewerber sich mit der Frage befassen, welches Gehalt bei vergleichbaren Positionen üblich ist und sich eine eigene Meinung bilden", erklärt Unger. Fast alle Bewerber gehen auf den Allianz-Wunsch ein. Und wenn ein Bewerber dies nicht tut? Dann wird er in der Regel in dem Telefoninterview, das sich meist an das erste Sichten der Bewerbungsunterlagen anschließt, nach seiner Gehaltsvorstellung gefragt.

Ähnlich agieren die meisten Unternehmen. Nennt ein interessanter Bewerber seinen Gehaltswunsch nicht, dann muss er spätestens im Bewerbungsgespräch eine Zahl nennen. "Warum diese also nicht gleich im Bewerbungsschreiben nennen und so verhindern, dass man beim Sichten der Unterlagen einen Minuspunkt erhält?", fragt Scholbeck. Auch er hält die Angst, bei einem zu hohen Betrag aus dem Rennen zu fliegen, für meist unbegründet.

"Die Bewerber für unser Trainee- und Vorstandsassistenten-Programm nennen tendenziell eher ein zu hohes Gehalt.", weil Maike Unger von der Allianz zu berichten. Eine Absage erhalten sie deshalb nicht. Denn Unger weiß: Gerade Top-Bewerber pokern oft bewusst etwas hoch, um Selbstbewusstsein zu signalisieren und Verhandlungsspielraum zu schaffen. Außerdem: Ob sich ein Bewerber letztlich für die Allianz entscheidet, hängt nicht davon ab, ob das Unternehmen ihm im Monat 200 Euro mehr oder weniger bezahlt. "Entscheidend ist das Gesamtpaket, des Weiteren die Entwicklungsperspektiven, die er in unserem Unternehmen sieht."