TU 9: »Dipl.-Ing. und Bologna sind vereinbar« Ist im Herbst schon der Diplom-Ingenieur zurück?

Die führenden Technischen Hochschulen in Deutschland wollen Master-Absolventen parallel den Diplomingenieur verleihen dürfen. Die Entscheidung dafür fällt im Herbst.

Seit letztem Wochenende überschlugen sich Meldungen, deutsche Universitäten hätten den Diplom-Ingenieur wieder eingeführt. Es handelt sich aber lediglich um die TU Dresden, die zum Wintersemester einen Diplomstudiengang Informatik startet. Im Oktober entscheidet eine Kultusministerkonferenz, ob der Titel Dipl.-Ing. mit Bologna vereinbar ist.

Hintergrund der Debatte um den Dipl.-Ing. ist der Plan von neun führenden Technische Hochschulen in Deutschland (TU 9), Master-Absolventen parallel den Titel »Diplomingenieur« zu verleihen. (Wir berichteten). TU9-Geschäftsführer Venio Piero Quinque zeigt sich im Gespräch mit elektroniknet.de zuversichtlich, dass die Kultusminister der Länder dem Vorhaben zustimmen werden: »Wir warten gespannt auf die Kultusministerkonferenz am 14./15. Oktober 2010!«

Zumal der Plan neben vielen angehenden Ingenieuren auch prominente Unterstützer hat, beispielsweise Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Sie steht hinter dem Vorschlag der TU 9. »Der Diplom-Ingenieur hat in der Welt einen sehr guten Ruf. Es ist deshalb ein Zeichen von Selbstbewusstsein, neben dem internationalen Master-Abschluss auch diesen Titel zu vergeben.«

Am weitesten geht bereits die TU Dresden: Sie hat nicht nur bei mehreren Studiengängen das Diplom als Abschluss beibehalten. Zum Wintersemester wird laut Informationen der Ostthüringer Zeitung auch das Fach Informatik wieder umgestellt. Das sächsische Hochschulgesetz lässt das im Gegensatz zu allen übrigen Bundesländern zu.

Es handele sich aber nicht um einen Rückschritt und gegen Bologna, erklärte Vize-Pressesprecher Mathias Bäumel der otz.  »Wir haben die Studienordnung entrümpelt und modernisiert. Es ist aber ein vollwertiger Diplom-Studiengang.« Vom Vorschlag der TU 9, dem auch die Dresdener Hochschule angehört, hält Bäumel wenig: »Es wäre nicht günstig, nur den Titel zu verleihen, ohne dass er sich strukturell im Studium widerspiegelt.« Der Präsident der RWTH Aachen und Vorstand der TU9, Ernst Schmachtenberg, ist nicht für die Einführung neuer Diplomstudiengänge.

Als »TU 9« bezeichnen sich die führenden technischen Universitäten RWTH Aachen, TU Berlin, TU Braunschweig, TU Darmstadt, TU Dresden, Leibniz Universität Hannover, das Karlsruhe Institute of Technology, die TU München und die Universität Stuttgart. Sie alle fordern bereits seit geraumer Zeit, dass der akademische Abschluss-Titel »Diplom-Ingenieur« als Markenzeichen deutscher Ingenieurausbildung erhalten bleiben müsse. Er sei ein sichtbares Zeichen der Vielfalt der Ingenieurausbildung in Europa. Laut TU 9 wäre es ein großer Schaden, »diese Marke guter Ingenieurausbildung als Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb der Universitäten aufzugeben«. Zugleich betonen sie: Wir sind für die Bologna-Reform.

Mit einem gemeinsamen Beschluss vom 17.04.2010 (als PDF) appellieren die TU9 Mitglieder an die zuständigen Politiker, den deutschen Technischen Universitäten weiterhin die Möglichkeit zu geben, den Diplomingenieur auf der Basis eines abgeschlossenen Bachelor- und Masterstudiums in Ingenieurfächern vergeben zu können.

Daneben haben die TU9 Universitäten Anfang März ein Zehn-Punkte-Papier mit Verbesserungsvorschlägen zum Bologna-Prozess (als PDF) vorgelegt.