»Kann man das studieren«? Industrie 4.0: Veränderungen für Ausbildung und Arbeitsmarkt

Dr.-Ing. Michael Schanz, Experte für Arbeitsmarkt und Beruf beim VDE: "Am Beispiel einer Befragung  von Ingenieuren, die in den Jahren 2008-2010 promoviert wurden, haben diese ihre berufliche Karriere zunächst zu einem Drittel als Entwicklungsingenieure in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen begonnen. Eine knappe Hälfte übernahm bereits sehr früh Personalverantwortung, sei es als Gruppenleiter, Abteilungsleiter oder auch als Geschäftsführer einer eigenen Firma. Knapp 15 Prozent verfolgten eine Karriere an der Hochschule. Der Einsatz in Führungspositionen scheint sich im Vergleich zu einer rund zehn Jahre älteren Studie  zu beschleunigen – trotz flacher gewordener Hierarchien in den Unternehmen. Dort erreichte die Hälfte aller promovierten Elektroingenieure erst nach 5 Jahren Führungspositionen."
Dr.-Ing. Michael Schanz, Experte für Arbeitsmarkt und Beruf beim VDE: »Das Thema Industrie 4.0 wird einen höheren Bedarf an Ingenieuren induzieren, ähnlich wie das Megathema Smart Grid. Auch hier stellt sich natürlich die Frage: Kann man das studieren?«

Auf der Hannover Messe heißt das diesjährige Leitthema »Industrie 4.0«. Klar ist: Mit dem zunehmenden Anteil der IT wird die Fachkräfteausbildung interdisziplinärer. Einen eigenen Studiengang gibt es noch nicht, aber Fachkräfte an der Schnittstelle von Maschinenbau, Elektrotechnik und IT sind gefragter denn je.

Welche Ingenieure braucht die Industrie, um ihre Fertigung in Richtung Industrie 4.0 zu trimmen? Produktionsinformatik ist ein Studiengang, der eine hohe Abdeckung für Fragestellungen aus Industrie 4.0 bietet – allerdings bieten nur wenige Lehrstühle in Deutschland das Studium an.

Bosch zum Beispiel sucht aktuell einen »Forschungsingenieur Industrie 4.0«, zu dessen Aufgaben das »Scouting von Ansätzen des Internet der Dinge und Industrie 4.0 in einem wissenschaftlichen Umfeld« sein soll und dessen Kosten-Nutzen-Bewertung und Übertragung auf die Automatisierung- und Steuerungstechnik. Als Profil sollte der Bewerber entweder Informatik, Softwaretechnik oder Elektrotechnik mit Automatisierungshintergrund mitbringen. Einen Studiengang »Industrie 4.0« gibt es nicht.

Wird der Trend zu Industrie 4.0 also den Mangel an bestehenden Ingenieurqualifikationen verschärfen?

Dr. Michael Schanz, Arbeitsmarktexperte beim VDE, ist sich da sicher: »Das Thema Industrie 4.0 wird einen höheren Bedarf an Ingenieuren induzieren, ähnlich wie das Megathema Smart Grid. Auch hier stellt sich natürlich die Frage: Kann man das studieren?« Schließlich sei das Internet der Dinge zugleich Evolution und Revolution – »insbesondere wenn man es mit dem Stand der Automation zu Beginn der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts vergleicht, wo z.B. SPS-Steuerungen eigesetzt wurden«, sagt Schanz. Wie das »Smart Grid« sei »Industrie 4.0« quasi eine Anwendung für viele einzelne Techniken, die unter einem Oberbegriff zusammengefasst werden. »Unter ’Industrie 4.0’ wird eine ganze Reihe von technischen Fachgebieten adressiert, die im Einzelnen durch bestehende Studiengänge abgedeckt werden können. Für die eigentliche Vernetzung der Strukturen auf höchstem Abstraktionslevel – dem Internet der Dinge – werden z.B. eher Informatiker benötigt. Die darunter liegenden Abstraktionslevel wie die Systemhardware, Kommunikationsprotokolle, eingebettete Systeme, Steuerung/Regelung oder Sensorik/Aktorik werden im Wesentlichen durch Elektroingenieure verschiedenster Vertiefungsrichtung (Mikroelektronik, Kommunikationstechnik, technische Informatik, Automatisierung, Mechatronik) abgedeckt werden können.« Ein interdisziplinär gestaltetes Studium mit einem Master oder Wahlveranstaltungen in den genannten Fachrichtungen scheinen also sinnvoll.

Wissen Unternehmen überhaupt schon, welche Profile sie in Zukunft genau brauchen werden, um ihr Business in Richtung Industrie 4.0 zu entwickeln?

Johannes Stein betreut für die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE das Thema Industrie 4.0. Er sagt: »Fakt ist: Industrie 4.0 wird nicht zur menschenleeren Fabrik führen. Im Gegenteil: Durch Flexibilisierung und Vernetzung in den Fabriken werden die Anforderungen an den Mitarbeiter steigen. Er muss die wachsende Komplexität beherrschen. Damit steigen auch die Anforderungen an seine Qualifikation: etwa durch Schnittstellen zu anderen Bereichen wie Logistik und Dienstleistungen.« Auch Kenntnisse in Betriebswirtschaft hält Stein für hilfreich.

Noch sind die Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter allerdings noch genauso vage und theoretisch wie das Gesamtthema Industrie 4.0. Doch das werde sich mit wachsender Professionalisierung ändern. Stein nennt als Beispiel den Trend zu Smard Grids und Smart Energy. »Das Thema war am Anfang auch noch recht schwammig formuliert und praktisch nicht recht zu fassen, es bestand vor allem aus Ideen und Absichtserklärungen. Mit zunehmender Begleitforschung hat sich das geändert. Heute, viele Referenz-Architekturen und Use-Cases später, ist Smart Grid und Smart Energy Bestandteil jedes Energietechnik-Studiums. Bei Industrie 4.0 wird es ähnlich sein.«

Da aber viele Elemente entlang einer Wertschöpfungskette miteinander vernetzt werden sollen, dürften die Anforderungen sicher über die klassische Automatisierung- und Fertigungstechnik hinaus und auf Elemente der Energietechnik, Sensorik oder Messtechnik und moderne IT-Tools übergreifen, davon geht Stein aus.  

Auch Stephan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte beim BITKOM, betont den stark interdisziplinären Ansatz von Industrie 4.0 und die wachsende Rolle von IT und Fertigungstechnik: »Je nach Fachrichtung wird man das eine oder andere zusätzlich vertiefen müssen.« Insgesamt werde aber vor allem die Nachfrage nach IT-Experten in der klassischen Industrie weiter steigen und um zusätzliche Anforderungen ergänzt werden.

Pfisterer rechnet damit, dass der Fachkräftemangel in Deutschland auch Weiterqualifizierung erforderlich machen wird. »Industrie 4.0 gewinnt sehr stark an Bedeutung und wird den Fachkräftemangel eher verschärfen. Fehlendes IT-Know-how ist dann schon ein Problem.« Pfisterer rechnet daher auf lange Sicht mit einem zusätzlichen Qualifizierungsbedarf, das Thema werde sehr breit vorangetrieben.