Wer gut ist, kann auf Festanstellung verzichten »Ich verdiene mehr als früher«

Bodo Tastler (44, Name auf Wunsch geändert) arbeitet bei der Zeitarbeitsfirma Hays als freier Programmierer für Web-Applikationen. Immer wieder bekommt er von Kunden Angebote für eine Festanstellung – die er ausschlägt. Warum?

Es ist noch lange vor der Dotcom-Blase. Bodo Tastler bastelt in Berlin an seinem Studium. Der Mangel an IT-Fachkräften hat zu dieser Zeit einen ersten Höhepunkt erreicht: wer sich nicht allzu dumm anstellt, bekommt einen Job. Tastler programmiert meist privat; es ist sein Hobby, das er zum Beruf machen will. In dieser Zeit - so um die Jahrtausendwende - bekommt er sehr viele Angebote von Firmen aus ganz Deutschland, die ihn auch ohne abgeschlossenes Studium einstellen wollen. Tastler lässt sich als fest angestellter Programmierer in München nieder. Er wäre viel lieber als Freiberufler eingestiegen, was aber abgelehnt wurde. Einige seiner Mit-Kollegen, Studenten, bekommen als freie Mitarbeiter 50 DM die Stunde, einer sogar 80 DM, mehr Geld als er als Festangestellter bekommt, wenn er es auf seine geleisteten Stunden umrechnet. Das gibt ihm das erste Mal zu denken. Er findet diese Art der Pauschalbezahlung für Angestellte irgendwie ungerecht und nicht leistungsfördernd.

Da platzt die Dotcom-Blase, zieht seinen Arbeitgeber mit in den Abgrund, gerade als Tastler als Programmierer per Arbeitnehmerüberlassung an eine Bank ausgeliehen werden sollte. Da der Kontakt zum Kunden schon aufgebaut ist und dieser nach wie vor Bedarf anzeigt, geht die Insolvenz der alten Firma spurlos an ihm vorbei, er wechselt zu einer Zeitarbeitsfirma, die ihn als freien Programmierer an die Bank vermittelt.

Sieben Jahre lang macht er dort einen guten Job, schreibt seine Rechnungen an den Personaldienstleister und lehnt Anfragen der Bank, ihn fest anzustellen, dankend ab. Doch der Verleiher erweist sich als unfair. Mal kommt das Honorar, mal kommt es nicht, oder nicht pünktlich; so zuverlässig wie Tastler als Arbeitskraft ist sein Arbeitgeber nicht. Er wechselt zum Personaldienstleister Hays und schlagartig wird alles besser. Korrekte Bezahlung im vereinbarten Zeitraum und freundliche Mitarbeiter; er hat das Gefühl, angekommen zu sein.

Die große Bank, die ihn seit Jahren ausleiht,  steckt derweil in Schwierigkeiten, muss eine Fusion verkraften und dann kommt auch noch die Banken- und Wirtschaftskrise. Es wird massiver Personalabbau bekanntgegeben, der allerdings ohne Entlassungen stattfinden soll. Mitarbeiter werden umgesetzt und gehen daraufhin »freiwillig«. Beurteilungen von Mitarbeitern fallen plötzlich schlechter aus, bis diese resignieren. Die Stimmung ist mies, denn die Sorge um den Arbeitsplatz wächst mit jedem Monat, den die Bank keine beruhigenden Nachrichten liefern kann. Tastler als »Freier« muss gehen, räumt aber auch freiwillig seinen Schreibtisch. »Es war zum Schluss nicht mehr schön«, erinnert er sich. »Mir war es ganz recht, in dieser Situation zu gehen und mich zu verändern«. Tastler bleibt Freelancer bei Hays. In der allgemeinen Wirtschaftskrise bekommt er  seltener Angebote und diese sind auch eher von kurzer Dauer und von der Problemstellung nicht sonderlich herausfordernd. Diese Zeiten sind nun aber auch schon wieder längst vorbei.

»Ich bekomme mehr Geld, wenn ich auf die Sicherheit der Festanstellung verzichte«, bekennt er freimütig. »Und ich weiß ja, was ich kann.« Aber warum dann den Umweg über den Verleiher, der doch mitverdienen will? Warum nicht richtig selbstständig machen, als Ein-Mann-Unternehmer? »Hays besorgt mir die Projekte, um die ich mich sonst selbst kümmern müsste«, erklärt der 44-jährige, »das kostet Zeit, in der ich nichts verdiene. Außerdem zahle Hays immer pünktlich, »bei ständig wechselnden Auftraggebern würde das Risiko von Zahlungsausfällen ja auch automatisch steigen.« Der Personaldienstleister kennt die Projektanbieter und kann viel besser die Spreu vom Weizen trennen. »Das, was ich mehr verdienen würde, müsste ich als Lehrgeld wieder in uneinbringbare Forderungen reinstecken. Das lohnt sich nicht.« Außerdem kenne Hays die Bedürfnisse der Kunden, wisse, was gefragt sei und wohin man sich am besten spezialisiere, um am Markt interessant zu bleiben.

Einsätze können von wenigen Tagen (oder auch Stunden) bis hin zu Monaten gehen, die sich auch auf Jahre ausdehnen können. Tastler nimmt sich das Recht, nicht bei jedem Job »ja« zu sagen, legt Wert darauf, an seinem Wunsch-Standort München zu bleiben. »Bis zu einer Entfernung von, sagen wir, zum Bodensee, würde ich zur Not mal wechseln, aber nicht länger als zwei, drei Wochen. Wenn ein Projekt keinen Spaß mehr macht, kann ich leichter wechseln – anders als in Festanstellung. Ich bin immer wieder in längeren Projekten, also muss ich wohl ganz gut sein.«, sagt er fast entschuldigend. Seine Betreuer halten engen Kontakt, man geht öfters zusammen Essen, ist per Du miteinander, gute Stimmung, sehr persönlich.  

Tastler verdient heute mehr als ein Festangestellter in vergleichbarer Position bei seinen Kunden, trägt aber auch ein höheres Risiko, mal keinen Auftrag zu bekommen. So wie 2009, mitten in Krise, wo es eine Zeit lang nichts Richtiges für ihn gab. »Ich nutzte die Zeit, machte vier Wochen Urlaub, kaufte mir aktuelle Software, schränkte mich finanziell ein bisschen ein, bildete mich weiter. Für solche Zeiten habe ich ja in fetten Jahren ein Polster angespart.« erklärt er.

Die Krise ging schneller vorbei als gedacht, der Urlaub von 2009 war seitdem der letzte. Tastler liebt nach wie vor die Herausforderung wechselnder Projekte. »Es beflügelt meine Leistungskurve, in dem ich mir und dem Kunden immer wieder beweise, dass ich mein Geld wert bin. Ich bin, vor allem was meine Fähigkeiten anbelangt, dem Kunden und Hays gegenüber immer ehrlich. Ständige Weiterbildung versteht sich von selbst. Es wäre mir unangenehm, schlechte Leistung abzuliefern – schließlich zahlt der Kunde ja durch den Umweg über Hays mehr als mein Honorar. « Es ist nicht primär der Kick, ständig etwas Neues zu bekommen, was Tastler an der Zeitarbeit am meisten reizt. »Ich bedauere es durchaus zu gehen, wenn ich Kollegen sympathisch finde und der Job Spaß gemacht hat.«

Es ist die Mischung aus allen Bestandteilen: interessante Projekte mit netten Kollegen, gute und pünktliche Bezahlung, neue Techniken und »man ist eigentlich immer nett zu mir, denn sonst könnte ich ja auch wieder gehen.«

Angst vor Arbeitslosigkeit hat er keine, anders als seine Familie um 2002, »die sind erst mal erschrocken, als ich zum Freelancer wurde.« Alles nicht so wild, sagt Tastler. »In der Krise sind Zeitarbeiter die ersten, die gehen müssen. Und es sind die ersten, die auch wieder einen Job bekommen – wenn sie gut sind!«