Warum Frauenförderung nichts bringt Ich mach nicht mint

Über 300 Programme gibt es in Deutschland, die dabei helfen sollen, Frauen für MINT-Studiengänge zu begeistern – doch sie funktionieren nicht. Vor allem in Elektrotechnik hat sich der Frauenanteil kaum erhöht. Experten fordern stattdessen eine gründliche Reform des Studiums und ein Umdenken in den Unternehmen – wovon nicht zuletzt auch Männer profitieren würden.

Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure eine noch unerschlossene Reserve, genauso wie Männer als Erzieher in Kindertagesstätten. Warum ist das so? Nur zum Vergleich: In Norwegen liegt der Anteil männlichen Erzieher in Kindertagesstätten bei 8,5 Prozent – dreimal so hoch wie in Deutschland. Nur etwas drüber, bei rund 10 Prozent, liegt in Deutschland der Anteil der Frauen, die Elektrotechnik studieren.  Seit Jahren machen mehr Mädchen als Jungen Abitur – und studieren zum Leidwesen der Wirtschaft dann Fächer wie Ernährungswissenschaft oder Germanistik, anstatt ein MINT-Fach zu wählen.

Dabei hatte die Bundesregierung bereits 1999 beschlossen, Frauen den Zugang zu Informationstechnologie zu ebnen und sie in diesem Zuge auch für technische Studiengänge zu motivieren. So förderte und fördert das BMBF zahlreiche Projekte, wie etwa „Roberta – Mädchen erobern Roboter“, das 2002 begann. Seit Jahren gibt es den „Girl’s day“ für Schülerinnen, seit kurzen auch einen „Boy’s day“. 2008 startete „MINT – Zukunft schaffen“. Insgesamt sind es 319 Aktionen, die der Steigerung des Frauenanteils in MINT-Fächern dienen sollen. Doch immer noch bewegt sich der Anteil der Studentinnen in Elektrotechnik kaum und liegt seit Jahren auf niedrigem Niveau, bei derzeit knapp über 10 Prozent.

Auch von wissenschaftlicher Seite wurde nun bestätigt, dass die diversen Programme kaum wirken. Weil sie am eigentlichen Problem vorbeizielen: Bereits im Jahr 2002 hat die Bund-Länder-Komission (BLK) empfohlen, MINT-Studiengänge einer Strukturreform zu unterwerfen: mehr Interdisziplinarität und Übungen, mehr Sprachen, mehr Wirtschaft, weniger Aussieben und Verschulung wurde gefordert. Die Nachfolgeorganisation der BLK, die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat nun untersucht, inwieweit diese Vorschläge umgesetzt worden sind. Ergebnis: „in wesentlichen Teilen“ wurden die Empfehlungen nicht umgesetzt, berichtet Dr. Andrea Löther, verantwortlich für die Untersuchung. Zusammengefasst kann man sagen, dass mit diversen Aktionen versucht wird, die Frauen an die Studiengänge anzupassen, nicht umgekehrt. Somit blieben die Programme nicht völlig wirkungslos, aber leider unter ihren Möglichkeiten, so Löther.

Die GWK schlägt dagegen inhaltliche Veränderungen vor, von der nicht zuletzt auch Männer profitieren würden: vor allem Verbesserungen in der Didaktik der Studiengänge, mehr interdisziplinäres und partizipierendes Arbeiten statt Vorlesungen wird angemahnt. Unternehmen müssten ihre teils diskriminierende Rekruitierungs- und Beförderungspraxis überdenken. Die Ingenieurswelt habe eine Berufskultur, die Frauen benachteilige: lange Arbeitszeiten, Präsenzpflicht und Anpassungsdruck verhindere, dass Frauen aus ihrer Minderheitenposition herauskämen. „Strukturelle Veränderungen mit mehr Verbindlichkeit statt Kontext-Maßnahmen, zu denen sie die allermeisten der Förderprogramme zählt, seien gefordert, „denn Ingenieurinnen haben am Arbeitsmarkt immer noch deutlich schlechtere Chancen als Ingenieure“, schließt Löther.

Das hat Folgen: Über die Hälfte von 1300 VDE-Mitgliedsunternehmen beschäftigt keine einzige Ingenieurin, ist ein Ergebnis des VDE-Trendreports 2009, der die Situation von Frauen in MINT-Berufen analysiert hat.  „Wir würden ja welche einstellen, wenn es sie denn gäbe“, lautet die stereotype Antwort aus den Personalabteilungen.

Doch was war zuerst da, die Henne, oder das Ei? Liegt es womöglich weniger am Studium, als an der Arbeitswelt, die Frauen abschreckt? Empirische Studien zeigen, dass der Berufseinstieg für Ingenieurinnen schwieriger ist, und dass sich ihre Karrieren langsamer und weniger befriedigend entwickeln als bei ihren Studienkollegen. So hat zum Beispiel die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in einem Kooperationsprojekt mit der Feller AG Horgen und IBM Schweiz untersucht, wie Betriebe für Ingenieurinnen attraktiver werden und wie Fachhochschulen mehr junge Frauen für technische Studiengänge gewinnen können. Die Untersuchung hat ergeben, dass junge Ingenieurinnen gerne in Betrieben und Teams arbeiten, in denen eine kooperative Arbeits- und Organisationskultur gepflegt wird, sie durch anspruchsvolle Aufgaben herausgefordert sind und ihre Laufbahnplanung ernst genommen wird. Ihnen ist wichtig, dass sich ihre künftige Führungsfunktion mit einer Familie vereinbaren lässt, dass Führungskräfte im Betrieb über Genderkompetenz verfügen und dass ein fortschrittliches Image sowie Gleichstellung als Unternehmensziel kommuniziert wird.

In den Betrieben wollen Frauen laut Studie Verantwortung übernehmen, sind technikbegeistert, entscheidungsfreudig, belastbar, teamorientiert und kooperativ. Mit dieser Einstellung vereinigen sie viele Attribute, die mit einem modernen, kooperativen Führungsverständnis deckungsgleich sind. Technische Betriebe müssten, so die Schlussfolgerung der schweizer Studie, ein hohes Interesse daran haben, solche Mitarbeiterinnen für sich zu gewinnen und ihnen geeignete Karrieren zu ermöglichen.

Und auch diese Studie mahnt Verbesserungen an den Universitäten und Fachhochschulen an. In Bezug auf die Ausbildung kommt die schweizer Studie nämlich zum Schluss, dass junge Frauen gerne an technischen Fachhochschulen studieren, in denen Technik und Gesellschaft aufeinander bezogen werden, soziale und kommunikative Kompetenzen einen großen Stellenwert haben und wo sie außerdem lernen, geschickt auf „stereotype Erwartungen“ zu reagieren. Sie legen Wert auf Praktika in technischen Betrieben und wollen auf Führungs- und Projektleitungsfunktionen gut vorbereitet werden. Entsprechende Maßnahmen im Studium wie auch in den Unternehmen hätten laut Studie „Signalwirkung“ für technisch interessierte Frauen.