Führung von Hochqualifizierten „Hochnäsige Besserwisser gibt es viele, sie taugen aber bestenfalls zum Lohnsklaventreiber“

Wolfgang Horn war früher Systemingenieur bei einem Spezialisten für Funknachrichtentechnik. Heute ist er Geschäftsführer der »Akademie für natürliche Führung« und ist überzeugt: »Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit ist allen Menschen angeboren. Deshalb sind qualifizierte Mitarbeiter am besten zu lenken, in dem man ihnen ein charismatisches Vorbild ist und ihre eigenen Ziele einbezieht.«

Markt&Technik: Herr Horn, wie sind Sie als Elektrotechniker dazugekommen, umzusatteln und 1995 die »Akademie für natürliche Führung« zu gründen?

Wolfgang Horn: Ich sanierte damals erfolgreich ein 100 Mio.-Dollar-Anlagenprojekt in Saudi-Arabien. »Nach welcher Methode haben Sie uns geführt?« fragte mich später einer der Ingenieure. In dem Tohuwabohu damals war aber gar keine Zeit, an Methoden zu denken, ich tat einfach, was mir notwendig und zweckmäßig erschien. Mit Erfolg: Alle hatten damals mitgezogen, bis hin zum Endkunden. Der Ingenieur war damals enttäuscht, weil er keine Anleitung bekam und ich auch, weil ich diese selbst  nicht wusste. Also ging ich wie ein Ingenieur an die Sache heran und fragte »Wie funktioniert es«: Wie schafften es unsere Urahnen damals, gemeinsam erfolgreich zu sammeln und zu jagen, zu einer Zeit, als ihre Schädel zu winzig waren für Begriffe oder gar Managementlehren? Meine Schlussfolgerungen: Grundlegende Fähigkeiten und Motivation zur Zusammenarbeit müssen allen Menschen angeboren sein. Und: Jede Person engagiert sich letztlich nur für die Realisierung ihrer eigenen Wünsche und meidet Mühen, die sie dafür für unnütz hält. Natürliches Charisma ist der Schlüssel, denn wir orientieren uns gerne an dem, der uns dorthin führt, wo wir selbst hin wollen. Darauf beruht mein Konzept.

Aber nicht jede Führungskraft hat Charisma, ist sie deshalb ungeeignet?

Ich zitiere auf Ihre Frage gerne Prof. Fredmund Malik, der sagt: »Viele Führungskräfte und ein großer Teil der Literatur scheinen ständig auf der Suche nach dem ‚Heiligen Gral‘ zu sein, nach dem Wunder und Geheimrezept. Das ist ein nutzloses Unterfangen.« Warum? Weil wir Menschen keiner Methode »vom grünen Tisch« trauen, sondern nur einer Person, die sich unser Vertrauen durch ihre Handlungen verdient hat. Den »Gral«, das allgemeingültige Konzept in Sachen Führung kann es nicht geben, weil jedes Team selbstbewusster Mitarbeiter von seiner Führungskraft erwartet, dass dieses sein Team, dessen spezielle Situation, dessen besondere Stärken und Schwächen wichtiger nimmt als ein »Erfolgsrezept«.

Was läuft Ihrer Meinung nach falsch in deutschen Führungsetagen?

Wenn sich Manager als »Kopf« und ihre Untergebenen als »Hände« verstehen, werden sie zu hochnäsigen Besserwissern – und taugen fortan  bestenfalls zu Lohnsklaventreibern. Bernd Pischetsrieder sagte einmal ganz trefflich: »Die Kunst des Managements besteht darin, mit weniger Wissen, als es die Mitarbeiter haben, zu führen.« Je qualifizierter die Mitarbeiter, je notwendiger deren engagiertes Mitdenken, desto überlegener ist die natürliche Führung. Dazu sind diese aber nur bereit, wenn sie den Zielen des Chefs und seiner überragenden Kompetenz zustimmen, ihm natürliches Charisma zugestehen.

 Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck

Der Artikel erschien zuerst in Markt&Technik 2011, Ausgabe 37, Schwerpunkt Weiterbildung.