Interview mit Prof. Dr.-Ing. Nejila Parspour »Guter Technik-Unterricht ab der Grundschule würde uns eher zum Ziel führen!«

»Guter Technik-Unterricht ab der Grundschule würde uns eher  zum Ziel führen!«
Prof. Dr.-Ing. Nejila Parspour leitet das Institut für Elektrische Energiewandlung an der Universität Stuttgart.
»Guter Technik-Unterricht ab der Grundschule würde uns eher zum Ziel führen!« Prof. Dr.-Ing. Nejila Parspour leitet das Institut für Elektrische Energiewandlung an der Universität Stuttgart.

Prof. Dr.-Ing. Nejila Parspour leitet das Institut für Elektrische Energiewandlung an der Universität Stuttgart. Die gebürtige Iranerin ist immer wieder überrascht, wie rückständig das erfolgsverwöhnte Deutschland ist, wenn es um Frauen in Technikstudiengängen geht: Im Iran betrage die Frauenquote in Naturwissenschaft und Technik nahezu 50 Prozent. Dennoch unterstützt Parspour Aktionen wie den Girls Day nicht mehr, warum?

Frau Parspour, Sie sagen, dass sie spezielle Förderprogramme für Mädchen nicht mehr unterstützen, etwa den Girls‘ Day. Warum?

Stimmt, ich unterstütze keine reinen Frauen-Programme mehr. Stattdessen unterstütze ich Grundschul-Projekte. Weil ich  der Meinung bin,  dass Mädchen kein Biotop brauchen, in dem sie sich entwickeln, sondern dass dieses Biotop für Jungs und Mädchen gleichermaßen günstig sein muss.

Zudem setzen Programme wie der Girls‘ day zu spät an!  Guter Technik-Unterricht ab der Grundschule würde uns eher  zum Ziel führen, und im Übrigen gleichzeitig auch mehr Jungs in Technikstudiengänge ziehen. Mathe und Physik werden bei uns zu theoretisch gelehrt.

Eine Grundschule hier in der Nähe von Stuttgart bietet solch einen Pflicht-Technikunterricht an, weil  es der Wunsch und die Überzeugung des Rektors war. Und verzeichnet interessanterweise auch positive Rückkopplungen zu Mathe und Physik! Ich plädiere dafür, das Geld in Technikunterricht und Kinderbetreuung zu investieren! Hier und da mal ein Technik-Aktionstag – das ist zu wenig!

Sie sagen, dass die Erziehung spielt die größte Rolle spiele. Soll Technik in der Grundschule das Problem der Erziehung und Prägung durch das Elternhaus korrigieren?

Ja, die Erziehung spielt eine sehr große Rolle, denn sie überträgt sich von Generation zu Generation! Und irgendwas läuft hier frühkindlich bei uns schief. 

Mädchen fragen mich immer wieder, wie sie als technik-affin akzeptiert werden, ob Jungs das cool finden. Stattdessen müssten Eltern die Kinder in Sachen Technik selbstbewusst fördern. Ich glaube in der Tat, dass sich Lage durch flächendeckenden, gut gemachten Pflicht-Technikunterricht verbessern ließe.

Und durch mehr Mathe, drei Stunden Mathe sind zu wenig, das kommt viel zu kurz, nicht zuletzt durch das G8. Wir haben im Iran Computer auseinandergebaut, hier nähen Jungs und Mädchen im Handarbeitsunterricht Knöpfe an.  Aber: Eltern müssen mit gutem Gewissen arbeiten gehen können, sonst ist alles umsonst.

Kürzlich erzählte mir eine Spezialistin für Kommunikationstechnik, sie sei einst bei einem großen Hersteller aus dem High-Potential-Programm geflogen, als sie schwanger wurde. Ist denn das zu glauben? Heute ist sie übrigens FH-Professorin…

Nejila Parspour: Es ist in der Tat so, dass Arbeitsplätze für Ingenieure immer noch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht optimal ermöglichen. 

Früher war es allerdings noch schlimmer: Während eines Praktikums Ende der 80er Jahre fragte mich der Mann aus der Personalabteilung, warum ich denn Elektrotechnik studieren würde – ich hätte doch ohnehin keine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt! Vielleicht meinte er es gut mit mir, wollte mir einfach klar machen, dass ich es als Frau schwer haben würde hierzulande.

Und, hatten Sie es schwer?

Überhaupt nicht! Aber vielleicht habe ich Benachteiligungen auch nicht gesehen, weil ich sie nicht sehen wollte! Vielleicht lag es auch an mir selbst, ich war es aus meiner Heimat Iran gewöhnt, dass Frauen in Ingenieurstudiengängen etwas völlig normales sind. So war ich nie in der Opferrolle.

Auch meine Eltern waren mir in dieser Hinsicht ein positives Vorbild. Ich bemerkte zwar bereits in meiner ersten Vorlesung, dass es in Deutschland alles andere als normal war, Elektrotechnik zu studieren – aber ich weigerte mich, das als Problem zu sehen oder unsicher zu werden!

Freilich gab es hie und da Sprüche, doch ich habe das nicht weiter beachtet. Ich bin nun seit 30 Jahren in Deutschland, aber es geht nur langsam voran…

Sie haben Kinder bekommen und Karriere gemacht, es geht also beides?

Ja, wobei das Kinderkriegen in der Tat das Hauptproblem hierzulande ist.  Die Kindererziehung bleibt immer an den Frauen hängen, „Rabenmutter“, das ärgert mich!

Die meisten Frauen in meinem Fach haben keine Kinder, denn drei Jahre Elternzeit zu nehmen ist Gift für die Karriere! Ich war damals, als mein Sohn auf die Welt kam,  bei Philips angestellt und pochte darauf, was studierte Frauen im Iran von ihren Müttern eingetrichtert bekommen: Bleib nicht wegen der Kinder zuhause!

Bei Philips hat man zwar geschluckt, ist aber dennoch auf meine Bedürfnisse und Forderungen nach mehr Flexibilität eingegangen! Nach 8 Wochen war ich zurück am Schreibtisch, mein Sohn bei einer Kinderfrau. Wenn Firmen und Familie zusammenarbeiten, funktioniert es. Wobei ich sagen muss, dass mein Mann super mitgemacht hat, trotz seiner deutschen Kindheit.

Aber es liegt nicht nur an der fehlenden Kinderbetreuung, dass Frauen - und auch viele Männer - Elektrotechnik weitgehend  ignorieren…

Die Tatsache, dass in Deutschland immer noch sehr wenige Frauen technische Fächer studieren, liegt auf gar keinen Fall an fehlenden Wissen bzw. Können der Frauen. Meine Erfahrung mit den Schülerinnen zeigt, dass sie meistens interessierter sind und auch oft mehr Wissen aufweisen als gleichaltrige Schüler.

Das Problem liegt vielmehr in der Erziehung des Elternhauses und zwar sowohl für Jungs als auch für Mädchen. Ein falsch gelegter Grundstein in der Kindheit lässt sich sehr schwer später umsetzen. Viele junge Frauen, die sehr gut in Mathe und Physik sind, trauen sich oft die Ausübung dieses Berufes nicht zu.

Im Iran gibt es übrigens eine qualitativ sehr gute Kinderbetreuung. Auch in der Türkei, wo der Anteil der Ingenieurinnen ebenfalls viel höher ist als hierzulande, das konnte ich am eigenen Beispiel erfahren.  Über die Qualität der Kinderbetreuung in Deutschland war ich hingegen eher unglücklich.

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass  die Kombination von Unsicherheit, fehlende Vorbilder und familienunfreundliche Berufsaussichten zu diesem Ergebnis hierzulande führen.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck