Kommentar Grenzenlos im Valley

Sehnsuchtsort? In den letzten Wochen hört man viel von den negativen Auswüchsen des Silicon Valley.
Sehnsuchtsort? In den letzten Wochen hört man viel von den negativen Auswüchsen des Silicon Valley.

Im Silicon Valley leben nicht die besseren Menschen. Zahlreiche Unternehmen machten in den vergangenen Wochen Negativschlagzeilen. Vor allem die CEOs liefern oft eine desaströse Leistung ab. Ob deutsche Manager dort eine neue Führungskultur lernen sollten? Ein Meinungsbeitrag von Robert Weber

Die Digitalisierung verändert die Arbeit. Täglich können HR-Manager oder Geschäftsführer Veranstaltungen zu dem Thema Arbeit 4.0 oder New Work besuchen – manchen nervt das schon, mich auch, denn viel dabei rum kommt nicht. Vor einigen Jahren pilgerten einige von ihnen sogar in die USA, ins Silicon Valley, um dort das „neue“ Arbeiten zu bestaunen und immer noch gilt das Tal als Zukunftsschmiede – in der Hängematte die Welt neu erfinden, Mitbestimmung braucht es da nicht, denkt mancher Manager. Die Startup-Kultur faszinierte die Chefs aus der deutschen Industrie – motivierte Mitarbeiter, ein neuer Typus Chef und Führung war und ist anscheinend gar nicht mehr nötig. Das Paradies für Mitarbeiter schien nahe. Heute zeigt sich: Der schöne Schein trügt. Risse tuen sich auf und Vorbilder werden rarer.

Führungs-Bullshit

Den Anfang machte ein Blogbeitrag von Susan J. Fowler, eine Ingenieurin bei dem Fahrtdienstvermittler Uber, der in der jüngsten Vergangenheit in Deutschland die Taxifahrer gegen sich aufbrachte und hier nicht wohl gelitten ist, aber weltweit gigantisch wächst. Fowler behauptet in ihrem Blog, dass sie von ihrem Vorgesetztem sexuell belästigt worden sei und das Unternehmen auf die Vorwürfe nicht ausreichend reagiert hätte. Sexismus im Silicon Valley? Uber kündigte nach Medieninformationen nicht dem Vorgesetzten von Fowler, sondern einem anderen Manager, der frühere sexuelle Übergriffe nicht gemeldet hatte, berichten US-Medien. Doch damit nicht genug. Auch der Uber CEO Travis Kalanick sorgte für Schlagzeilen als er sich nach einem Verbalgefecht mit einem Fahrer öffentlich entschuldigen musste – es war ein Video dazu im Netz aufgetaucht. Der Fahrer klagte darüber weniger zu verdienen, weil Kalanick die Ansprüche hochschraube und die Preise reduziere. Das sei „Bullshit“, so Kalanick gegenüber seinem Mitarbeiter. Und weiter: „Einige Menschen übernehmen für sich keine Verantwortung. Sie suchen die Schuld für ihr Leben immer bei den anderen. Viel Glück!“ Er knallte die Tür des Autos zu und verschwand. Ist das die neue Führungskultur aus dem Silicon Valley? Kalanick gelobt Besserung. Er wolle sich Unterstützung im Personalmanagement holen – Ariana Huffington soll ihm helfen, berichtet der Deutschlandfunk. Problematisch: Sie sitzt als einzige Frau im Verwaltungsrat von Uber, als einzige – Diversity Fehlanzeige. Und dann verlor Kalanick auch noch seinen Technikdirektor. Er kündigte. Jetzt sucht er auch noch einen COO.

Was sind schon Gesetze?

Auch andere Startups der dritten Generation des Valleys liefern Schlagzeilen. Gurbaksh Chahal, CEO des Start-ups Radium One, soll seine Freundin zusammengeschlagen haben, berichtet der englische Guardian. Eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt liegt gegen ihn vor – es soll sogar ein Video von dem Verbrechen vorliegen, berichtet die Zeitung. Er hat seinen Posten danach verloren. Ein anderer Fall: Mahbod Moghadam, Gründer von Rap Genius, soll Witze über einen Amoklauft veröffentlicht haben, schreibt die Huffington Post. Auch er flog raus. Noch ein Fall: Tinder-Mitgründerin Whitney Wolfe verklagte ihr Unternehmen wegen sexueller Belästigung und Diskriminierung, berichtete unter anderem Techcrunch. Einzelfälle, ja, aber manchmal bekommt man in der deutschen Diskussion den Eindruck, dass manche Manager blind dem Valley-Hype hinterherrennen und die coolen Jungs hochjubeln.

Im Silicon Valley arbeiten nicht die besseren Menschen und auch nicht die perfekten Führungskräfte, dafür viele weiße Männer und wenige Frauen. Ganz im Gegenteil: Die Startup-Kultur führt auch dazu, dass manche denken, alles sei machbar, sie seien unangreifbar, weil Investoren Millionen in sie pumpen. Was sind schon Gesetze, möchte man zynisch fragen. Manche Unternehmen testen autonom fahrende Autos ohne Lizenz. Eine Kultur- und Werteorientierung vermisse ich bei vielen Firmen. Gemacht wird, was geht – was für die technische Entwicklung von Vorteil sein mag und stimmen dürfte, ist menschlich und moralisch sehr fragwürdig. 

Die neue Wall Street

Dan Lyons, Autor des Enthüllungsbuchs „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“ fasst treffend zusammen: „Früher wären diese Leute mit ihrem Wunsch, reich zu werden, Börsenmakler an der Wall Street geworden. Jetzt ziehen sie nach San Francisco, wo ihnen Risikokapitalgeber Millionenbeträge anvertrauen und sie ermutigen, ihr Schlechtestes zu geben.“

Willkommen zurück im Casino. So ein Valley kann kein Vorbild für deutsche Unternehmer oder Gründer sein. Es ist gefährlich. 

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