VDE-und VDI-Studien dokumentieren bereits wieder Ingenieurmangel Glänzende Aussichten für (Elektro-)Ingenieure

Dr. Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des IW Köln: »Der Bedarf an Ingenieuren kann schon heute nicht mehr gedeckt werden.«

Die Wirtschaftskrise ist noch nicht überwunden, da klagen die deutschen Hightech-Firmen bereits wieder über Ingenieurmangel und befürchten, dass er sich zur Innovationsbremse auswachsen könnte, vor allem in der Elektromobilität. Fast jedes zweite vom VDE befragte Unternehmen will deshalb auf Naturwissenschaftler und Informatiker ausweichen.

Zur Erinnerung: Bereits im Jahr 2007 warnte die OECD, dass Deutschland im Ingenieurbereich vor einer gravierenden demografischen Herausforderung steht. Hierzulande kommt auf einen älteren Ingenieur weniger als ein junger Ingenieur - somit führt bereits die rein demografische Entwicklung zu Fachkräfteengpässen. Ein derartiges Demografieproblem besteht laut OECD bei sonstigen Akademikern nicht. Und: im internationalen Vergleich der OECD steht Deutschland mit diesem Problem unter den Industrienationen nahezu alleine da, eine vergleichbare Situation besteht lediglich in Dänemark und Norwegen.

Die Arbeitslosigkeit unter Elektroingenieuren ist den neuesten VDI/VDE-Zahlen nach im Krisenjahr 2009 nur leicht gestiegen und betrug absolut 3818 Ingenieure und Ingenieurinnen, was einer Quote von 2,6 Prozent entspricht. Branchenübergreifend sieht die Lage bei den Ingenieuren nicht besser aus – laut Institut der Deutschen Wirtschaft Köln im Auftrag des VDI entging Deutschland aus diesem Grund Wertschöpfung in Höhe von 3 Mrd. Euro.

Doch noch stehen wir in Deutschland bestenfalls am Anfang einer wirtschaftlichen Erholung. Wie wird sich die Nachfrage nach Ingenieuren mit dem nächsten Aufschwung entwickeln? Neun von zehn Unternehmen in der Elektro- und IT-Industrie sind der Meinung, dass der Trend zu E-Mobility und intelligenten Stromnetzen den Bedarf an Elektroingenieuren weiter erhöhen wird. Gleichzeitig befürchten jedoch 84 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen, dass sie ihren Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften künftig nicht decken werden können. Dies sind die zentralen Ergebnisse des VDE-Trendreport »Elektro- und Informationstechnik 2010« – einer Umfrage unter den 1.300 Mitgliedsunternehmen und Hochschulen der Elektro- und Informationstechnik – die der Technologieverband auf der Hannover Messe Industrie vorstellte.

Zwar bietet der Bereich Elektromobilität dem Wirtschaftsstandort Deutschland große Chancen - zwei Drittel der VDE-Mitgliedsunternehmen trauen Deutschland im Bereich E-Mobility bis 2020 den Sprung an die Weltspitze zu. Doch der Fachkräftemangel stellt für die VDE-Mitgliedsunternehmen, neben unzureichenden gesetzlichen Rahmenbedingungen, das größte Innovationshemmnis dar, so die Umfrage.

Dass ein enger Zusammenhang zwischen Fachkräfte- und Innovationspotential besteht, zeige das Beispiel China. Das Land der Mitte, dem die Unternehmen und Hochschulen eine wachsende Innovationskraft bescheinigen, verfügt nach Meinung von zwei Dritteln der Befragten über ein enormes Potenzial an gut ausgebildeten Elektroingenieuren. Der internationale Wettbewerb um Fachkräfte wird sich nach Ansicht von 94 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen weiter verschärfen. Knapp 80 Prozent der befragten Unternehmen bestätigen, dass die Ingenieurbelegschaft zunehmend älter wird und zu wenige Nachwuchskräfte nachrücken. Insbesondere in den Bereichen Planung/Projektierung/Engineering, Forschung/Entwicklung und Vertrieb/Marketing herrsche Personalmangel. Für 61 Prozent der Befragten verliert die Nachwuchsförderung daher auch in der Wirtschaftskrise nicht an Bedeutung. In der Studie gaben 92 Prozent der Befragten an, dass Absolventen der Elektro- und Informationstechnik trotz Wirtschaftskrise gute Berufschancen haben. Um den Bedarf an Nachwuchs im Bereich der Elektro- und Informationstechnik zukünftig decken zu können, will fast jedes zweite befragte Unternehmen auf Absolventinnen und Absolventen verwandter Fächer zurückgreifen – insbesondere auf Naturwissenschaftler und Informatiker.

Die Hochschulen sind gefordert: Bei elektrischen Antrieben und Leistungselektronik sehen die Befragten Forschung und Industrie in Deutschland zwar gut aufgestellt. Allerdings bestehe großer Nachholbedarf im Bereich der Batterietechnologie und der IKT-Infrastruktur. Hier sehen 91 Prozent der Befragten die größten Herausforderungen beim Ausbau der Elektromobilität. Zwei Drittel glauben nicht, dass die Hochschulen auf die Herausforderungen des Technologiefelds E-Mobility in der Lehre ausreichend vorbereitet sind. Mit Blick auf die Forschung stimmen 56 Prozent der Befragten dieser Aussage zu.

Trotz globaler Krise konnten im vergangenen Jahr 34.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden, was scheinbar selbst den VDI überraschte, der sonst immer als erstes von Fachkräftemangel spricht. Direktor Dr. Willi Fuchs teilte auf der Hannover Messe mit: »Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir im Krisenjahr 2009 einen solch deutlichen Fachkräftemangel zu spüren bekommen. Tatsächlich sprechen wir von über 3 Milliarden Euro entgangener Wertschöpfung für die Bundesrepublik Deutschland«. Und trotz gestiegener Arbeitslosenzahlen, so Fuchs weiter, liege die Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent bei Ingenieuren immer noch auf Vollbeschäftigungsniveau.

Die aktuelle Studie von VDI und dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) untersuchte darüber hinaus, in welchen Branchen die rund 1,5 Millionen ausgebildeten Ingenieure arbeiten. »Jeder vierte Akademiker in Deutschland ist Ingenieur. Aber nur die Hälfte aller Ingenieure arbeitet in diesem Beruf. Das belegt, wie gut die Ingenieurausbildung und wie flexibel jeder Ingenieur in der Berufswahl ist«, betonte Fuchs. Laut der Studie sind zum Beispiel knapp 10 Prozent aller Ingenieure in wirtschaftswissenschaftlichen Berufen tätig. »Es gibt einen Wettbewerb um die Kreativität der Ingenieure. Der gesamte Arbeitsmarkt fragt das Know-How ab, denn viele Berufszweige verlangen innovative Konzepte, die Ingenieure ihnen bieten.«

Dr. Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des IW Köln, hob auf der Pressekonferenz in Hannover warnend den Finger: »In Folge alternder Belegschaften werden ab 2018 rund 44.000 Ingenieure jährlich in den Ruhestand gehen. Die Entwicklung zu einer forschungs- und wissensintensiven Gesellschaft erzeugt darüber hinaus einen zusätzlichen Bedarf an Ingenieuren, der schon heute nicht mehr gedeckt werden kann.« Die Anzahl junger Ingenieure reiche in Zukunft nicht mehr aus, um allein die altersbedingt aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden zu ersetzen. Auf 347.000 Ingenieure im Alter von 56 bis 65 Jahren kämen in Deutschland 343.000 Ingenieure im Alter von bis zu 35 Jahren. Angesichts der in Zukunft sinkenden Gesamtstudierendenzahlen seien beträchtliche Anstrengungen notwendig, um der weiteren Verschärfung des Ingenieur-Engpasses entgegenzuwirken.

An welche Anstrengungen wird da gedacht? Zum einen sollen die Studienabbrecher-Quoten verringert werden, die in den Ingenieursstudiengängen weit überdurchschnittlich sind. Zum anderen sollen mehr Frauen für ein Ingenieurstudium begeistert werden. Mit einem Anteil in Höhe von 16 Prozent sind Frauen bei den Ingenieuren noch immer stark unterrepräsentiert. Hier sieht Fuchs erhebliches Potenzial, der Ingenieurlücke in Zukunft zu begegnen. Und auch arbeitslose Ingenieure müssten vermehrt in den Arbeitsprozess reintegriert werden. »Altersdurchmischte Teams sind in der Regel am leistungsfähigsten und kreativsten«, wirbt Fuchs.

Der deutsche Industriesektor beschäftigt über 700.000 Ingenieure, hingegen nur knapp 530.000 sonstige Akademiker. Folglich sind 57 Prozent aller in der Industrie erwerbstätigen Akademiker Ingenieure, in den innovationsstarken Branchen wie der Elektroindustrie, dem Maschinen- oder dem Fahrzeugbau sind es sogar bis zu 75 Prozent. Es zeigt sich darüber hinaus, dass die Forschungs- und Innovationsleistung einer Branche umso höher liegt, je mehr Ingenieure diese beschäftigt. »Im Bereich der hochqualifizierten Beschäftigung sind Ingenieure das Rückgrat des forschungs- und industrieorientierten Geschäftsmodells Deutschland«, erklärte IW-Geschäftsführer Klös.