Chinesische Investoren aus Arbeitnehmersicht Gewerkschafter geben Entwarnung

Die Investoren aus dem Reich der Mitte zeigten sich bislang kooperativer als viele Finanzinvestoren, meldet die Hans-Böckler-Stiftung.
Die Investoren aus dem Reich der Mitte zeigten sich bislang kooperativer als viele Finanzinvestoren, meldet die Hans-Böckler-Stiftung.

Was ist schlimmer für Betriebe, Übernahmen durch Chinesen oder durch Finanzinvestoren? Was sich zunächst anhört wie die Wahl zwischen Pest und Cholera, muss zumindest für chinesische Investoren relativiert werden: Beschäftigung, Entlohnung und Mitbestimmung leiden nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Die Investoren aus dem Reich der Mitte zeigten sich bislang kooperati, meldet die Hans-Böckler-Stiftung. In mehreren Fällen sei es Betriebsräten und Gewerkschaften gelungen, mit chinesischen Firmenkäufern Vereinbarungen über Tarifbindung, Investitionen und Beschäftigungssicherung zu schließen.

So haben im Jahr 2011 Investoren aus China die Mehrheit oder wesentliche Anteile an elf größeren Unternehmen in Deutschland übernommen. Allein im ersten Halbjahr 2012 kamen sieben weitere hinzu, darunter der Betonpumpenhersteller Putzmeister, die Kiekert AG, die Türschlösser für Autos produziert, oder der Autozulieferer Preh. „Das Interesse chinesischer Investoren an deutschen Übernahmekandidaten ist erwacht", sagt Oliver Emons, Ökonom in der Hans-Böckler-Stiftung. Ein wichtiges Indiz dafür, dass Kapital aus dem Reich der Mitte künftig häufiger nach Deutschland fließen dürfte, sieht der Experte für Fusionen und Übernahmen in der kürzlich erfolgten Gründung einer chinesischen Handelskammer in Berlin.

Emons hat die Entwicklung der vergangenen Jahre verfolgt und den strategischen Ansatz der chinesischen Investoren analysiert. Zumindest sei der Verdacht, sie folgten einem Masterplan, "nicht ganz abwegig", konstatiert er. Jedenfalls zeichne die chinesische Führung die gewünschte wirtschaftliche Entwicklung noch immer in Fünf-Jahres-Plänen vor und habe 2006 Richtlinienkataloge beschlossen, "die Investitionen in gewisse Industriesektoren und Länder lenken sollen".

Dazu passt, dass sich die jüngsten Einkäufe in Deutschland auf bestimmte Sparten wie Maschinen- und Fahrzeugbau oder Chemie konzentrieren. Das Ziel sind häufig so genannte Hidden Champions. Emons formuliert die Idee dahinter so: "Wenn du sie nicht besiegen kannst, schließe dich mit ihnen zusammen." Neben dem Interesse am Know-how nennt der Ökonom noch weitere Gründe für ein verstärktes chinesisches Engagement in der deutschen Wirtschaft, etwa die Verwertung der enormen Devisenreserven und den Zutritt zum hiesigen Markt. Zu beobachten sei außerdem, dass Investoren aus China nicht mehr nur nach Firmenpleiten zugreifen, sondern inzwischen auch gesunde Unternehmen mit vorübergehenden Finanzierungsschwierigkeiten übernehmen.

Bei Beschäftigten und Arbeitnehmervertretern habe zunächst meist die Skepsis gegenüber den neuen Eigentümern überwogen, stellt Emons fest. Allerdings sei bis jetzt festzustellen, "dass Unternehmen, die aufgekauft werden, überwiegend eigenständig bleiben". Außerdem gebe es "keine Anzeichen dafür, dass chinesische Investoren Mitbestimmung oder Tarifvertrag nicht anerkennen würden". Im Fall von Putzmeister etwa zeigten sich die neuen Eigentümer nach anfänglichen Protesten von Belegschaft und IG Metall gegen die Übernahme durchaus verhandlungsbereit und unterschrieben schließlich eine Beschäftigungsgarantie bis 2020.

Ob chinesische Unternehmenskäufer ihre Zusagen langfristig ernst nehmen oder nur als juristische Formalie betrachten, bleibe zwar abzuwarten, meint Emons. „Bislang gab es noch in keinem übernommenen Unternehmen eine Nagelprobe, also etwa einen schweren Konjunktureinbruch, der die deutsche Tochter oder die chinesische Mutter in Schwierigkeiten bringt.“ Aber auffällig sei immerhin "ein gewachsenes Interesse der Chinesen am deutschen Modell der mitbestimmten Arbeitsbeziehungen – selbst mit Blick auf ihr eigenes Land". Aus Sicht der Beschäftigten in Deutschland könne man wenigstens sagen, dass die Belegschaften übernommener Unternehmen mit chinesischen Eigentümern bis dato besser gefahren sind als andere Beschäftigte mit Finanzinvestoren, die nur auf kurzfristige Rendite aus seien.