Softwareentwicklung in der Mess- und Funktechnik Gestern Assembler, heute C/C++

Dr. Rainer Storn leitet die Entwicklung Plattformsoftware im Geschäftsbereich Funkkommunikationssysteme bei Rohde & Schwarz.
Dr. Rainer Storn leitet die Entwicklung Plattformsoftware im Geschäftsbereich Funkkommunikationssysteme bei Rohde & Schwarz.

Eingebettete Softwaresysteme machen einen immer größeren Anteil der technischen Wertschöpfung aus, auch in der Funk- und Messtechnik. Fünf Fragen an Dr. Rainer Storn, Leiter der Entwicklung Plattformsoftware, Geschäftsbereich Funkkommunikationssysteme bei Rohde & Schwarz.

Herr Dr. Storn, wo genau finden Informatik und Mess- bzw. Funktechnik bei Rohde & Schwarz zusammen?
Dr. Rainer Storn: Die Mess- und Funkgeräte von Rohde & Schwarz werden in Schichten entwickelt, wobei die (unterste) physikalische Schicht, die Hardware darstellt. Die höheren Schichten sind dann Board Support Packages, Betriebssysteme, Signalverarbeitungs- und Geräte-SW, Kommunikationsprotokolle, Datenbanken bis hin zu den eigentlichen Applikationen und User Interfaces.

Je höher man im Schichtenaufbau kommt, also weg von der Hardware, umso informatischer wird die Entwicklung und desto eher kommen Informatiker zum Einsatz. Je tiefer die Ebene in Richtung Hardware und Signalverarbeitung geht, umso eher arbeiten daran Elektrotechniker. Die Übergänge sind jedoch fließend.

Je nach Schicht ändern sich die Programmiersprachen, die auch einem Technologiewandel unterliegen. Während früher die SW im Wesentlichen in Assembler oder C geschrieben wurde, kommen heute vermehrt objektorientierte Programmiersprachen wie C++, C# oder Java zum Einsatz. In automatisierten Testsystemen, die gewissermaßen eigene Projekte darstellen, wird z.B. Python oder Tcl eingesetzt.

Wurde früher für den Entwicklungsaufwand etwa 70 Prozent der HW und nur 30 Prozent der SW zugerechnet, so ist es heute eher umgekehrt. Durch die steigende Komplexität der Anwendungen nehmen die höheren SW-Schichten vom Umfang her zu, d. h. der Anteil an benötigtem Informatik-Know-how steigt.

Bringen reine Informatiker nicht zu wenig technisches Verständnis für die Mess- und Funktechnik auf?
Nein. Sicher erfährt man im Studium nicht alles, was man später braucht. Dennoch sollten sich Informatiker mit Messtechnik beschäftigen und Elektrotechnikersollten sich informatisches Wissen aneignen. Und trotzdem: Ein HW-Entwickler sollte nicht unbedingt Datenbanken programmieren und ein Informatiker nicht zwingend einen Signalentzerrer.

Generell wichtig ist, dass das optimale Einsatzgebiet gefunden wird und entsprechende Weiterbildung stattfindet. Rohde & Schwarz stellt hierfür ausgezeichnete Möglichkeiten zur Verfügung – ob mit Experten aus den eigenen Reihen oder mit externen Dozenten. Für uns gibt es keine bevorzugte Fachrichtung – es kommt auf die richtige Mischung des Personals an. So benötigen wir GUI-Entwickler, Betriebssystem-, Test- und Datenbankexperten ebenso wie Signalverarbeiter und Protokollspezialisten.

Kaufen Sie auch Software zu oder entwickeln Sie alles selbst?
Den größten Teil unserer Gerätesoftware entwickeln wir selbst. Dabei versuchen wir immer, die Grenzen des technologisch Machbaren auszuloten. So kann sich ein Software-Entwickler sicher sein, stets mit moderner Hochtechnologie zu tun zu haben.

SW wird immer dann zugekauft, wenn die Inhalte keine Produktdifferenzierung bewirken. Das ist z.B. bei Betriebssystemen, Testsystemen oder Protokollstacks zu IP, Ethernet und USB der Fall. Auch kaufen wir Entwicklungswerkzeuge überwiegend zu, da der Kunde unseren Produkten ja nicht ansieht, mit welchen Tools sie entwickelt wurden.

Wie viele offene Positionen für Softwareentwickler haben Sie derzeit?
Der Bedarf ist nicht immer gleich. Aktuell sind bei Rohde & Schwarz deutschlandweit über 25 Software-Entwicklerpositionen ausgeschrieben, davon sind 15 in unserer Firmenzentrale in München zu besetzen. Absolventen erwartet bei uns, je nach Aufgabe, eine sinnvolle Mischung aus Weiterbildung und „Training on the job“.

Ihr Kollege Roland Steffen, Leiter des Geschäftsbereiches Messtechnik und Mitglied der Geschäftsführung, hat auf dem Karrieretag anschaulich erzählt, dass 50 Prozent der Entwicklungskosten entstehen, nachdem ein neues Produkt auf den Markt gekommen ist. Für seine Entwicklung sei man quasi lebenslang verantwortlich. Wie sieht es bei der Software aus?
Betrachtet man die gesamte Produktlebensdauer, liegen wir bei den Software-Entwicklungskosten oft ein wenig höher: 60 bis 70 Prozent sind durchaus üblich.

Erklären lässt sich es damit, dass Funk- und Messgeräte mit immer neuen Funktionen ausgestattet werden und viele SW-Teile auch dann weiterverwendet werden, wenn sich die HW ändert. Für dieses Szenario benötigt man wartbare Systeme, d. h. unsere Entwickler müssen die Software so schreiben und deren Funktionalität so dokumentieren, dass man die einzelnen Code-Bestandteile schnell wieder finden und verändern kann.

Das gilt auch für eine gute und automatisierte Testumgebung, denn inzwischen gibt es für ein Produkt tausende von Tests, deren Durchführung von Hand wirtschaftlich nicht mehr möglich wäre. Ein hoher Automatisierungsgrad, genaue Daten über den Ist-Zustand einer SW und schnelle Auffindbarkeit von Informationen sind für die Wartbarkeit daher ganz entscheidend.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck