Arbeitsmarkt für Ingenieure Gehälter gestiegen, Jobchancen gesunken

Jobmarkt auf der Hannover Messe, Halle 3.
Jobmarkt auf der Hannover Messe, Halle 3.

Wie steht es um die aktuellen Jobchancen für Ingenieure? Ein Rundgang über die Hannover Messe brachte Widersprüchliches zu Tage. Zwar haben sich die Einstiegsgehälter ordentlich verbessert auf mittlerweile 46.000 für Elektrotechnik-Absolventen. Doch es dauert wieder länger, um nach der Uni einen Job zu finden. Selbst das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft konstatiert eine „wesentliche Entspannung“.

Jobmarkt auf der Hannover Messe, Halle 3. Der gewerkschaftliche WSI-Lohnspiegel für Hochschulabsolventen  (www.lohnspiegel.de) liegt aus. Er kommt aktuell auf 47.232 Euro Jahresentgelt für Ingenieure (mit Tarifvertrag bei einer 35-Stundenwoche und ohne Urlaubsgeld und Sonderzahlung) und auf 40.980 Euro Jahresbrutto ohne Tarifvertrag.

Die Entgelte weisen regional starke Unterscheide auf (im Süden und Westen höher, im Norden und Osten niedriger), auch die Größe des Unternehmens spielt eine wesentliche Rolle. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass ein Spitzengehalt in einem Ingenieurbüro erreicht werden kann; im Schnitt bekommen Einsteiger hier nämlich nur 40.000 Euro bezahlt. In regionalen Ballungsräumen wie München, Stuttgart oder dem Ruhrgebiet kann es aber auch deutlich höher sein, im Osten niedriger.

Der Hauptgrund für diese Schere liegt darin, ob das Unternehmen gewerkschaftlich organisiert ist oder nicht, darauf verweist die IG Metall nicht ohne Stolz.  Tarifgebundene Unternehmen zahlen besser, im Schnitt 22 Prozent mehr als außerhalb des Tarifvertrages. Und die Mehrheit der kleinen und mittleren Unternehmen untersteht keinem Tarifvertrag, was auch einer der  Gründe dafür ist, dass sich in Ingenieurbüros weit weniger verdienen lässt. Elektroingenieure in tarifgebundenen Betrieben freuten sich zuletzt über 19 Prozent mehr Bruttogehalt, bei einer 40 Stundenwoche, ohne Zulagen und Sonderzahlungen.

Nebenan in Halle 2 stechen drei sehr große Stände ins Auge. Mit Abstand der größte ist der des VDI, der irgendwie immer mehr an den ADAC erinnert. Die anderen beiden großen Stände gehören den Ingenieurdienstleistern Hays und Ferchau.

Bei "Talk-ING" am Rande des VDI-Standes und in direkter Nachbarschaft zu Partner Audi referiert  Dr. Norbert Lohan von den VDI-Nachrichten zu aktuellen Ingenieurgehältern. Und wirft dabei auch einen Blick auf aktuelle Arbeitsmarkt-Trends. Aktuell könne man von einem Arbeitgebermarkt sprechen, d.h. die Unternehmen diktieren die Preise, der Markt an Fachkräften ist gesättigt, für eine offene Stelle gibt es genügend Bewerber.

Die Einstiegsgehälter für Elektrotechnik-Absolventen beziffert Lohan anhand einer neuen Auswertung seiner Zeitung bei 46.000 Euro. Jedoch: „Die Jobchancen für Ingenieure haben sich verschlechtert“, berichtet er.  Und auch wenn nur 1 Prozent der Ingenieure laut Institut der Deutschen Wirtschaft aktuell in Zeitarbeit beschäftigt sind: Immer mehr offene Jobs werden von Ingenieurdienstleistern gestellt, das sieht auch Lohan so. Und die zahlen in der Regel schlechter als deren Auftraggeber.

Lohan rät daher Absolventen, die Probleme bei der Jobsuche haben, die digitale Wirtschaft in Erwägung zu ziehen. Denn hier seien die Jobchancen ausgesprochen gut. Ganz besonders für Security-Spezialisten und hardwarenahe Programmierer, wie jüngste Recherchen gezeigt haben.

Wie bewerten Personalberater die aktuelle Lage in der Elektrotechnik?  „Sie hängt ganz stark von der jeweiligen Position und dem Anspruchsdenken ab,  aber insgesamt bietet die E-Technik doch schon viele Jobmöglichkeiten dieser Tage“, beschwichtigt Renate Schuh-Eder von Schuh-Eder Consulting und Mitglied im VDE-Ausschuss Berufs&Karriere. Ihr Ausschuss-Kollege Thomas Hegger von Hegger, Riemann&Partner verweist darauf, dass 4 bis 6 Monate Suchdauer im Übrigen völlig normal seien – was hauptsächlich am Anspruchsdenken des Einzelnen und einer weit verbreiteten „Immobilität“ liege.

Und Arbeitsmarktexperte Dr. Michael Schanz vom VDE verweist auf die extrem niedrige Arbeitslosenquote von 1,8 Prozent für Elektroingenieure – wahrlich kein Zeichen für einen Arbeitgebermarkt, zumal auch die sog. „Fluktuationsarbeitslosigkeit“ hier hineingerechnet wird.

Im Convention Center lädt der VDI zusammen mit dem Institut der Deutschen Wirtschaft zur Pressekonferenz. Thema: Neue Arbeitsmarktzahlen.

Auffallend: Schon das zweite Jahr in Folge gibt sich der VDI auf der Hannover Messe regelrecht entspannt, zumindest für seine Verhältnisse. Noch sei die Zahl der offenen Ingenieurstellen in Deutschland nicht existenziell bedrohlich. Übersetzt heißt das wohl, dass derzeit kein Fachkräftemangel festzustellen ist.

Allerdings macht er dafür vor allem „Sondereffekte“ wie die doppelten Abiturjahrgänge und den Wegfall der Wehrpflicht verantwortlich. Bundesweit kommen aktuell auf einen Absolventen 3,7 offene Stellen. Nebenan spricht ZVEI-Präsident Friedhelm Loh spricht auf der Pressekonferenz von 40.000 fehlenden Elektroingenieuren.

Ab 2020 erst „wird uns das Problem der Überalterung voll im Griff haben“, so VDI-Präsident Prof. Dr.-Ing. Udo Ungeheuer. Dann soll es für Arbeitgeber richtig ungemütlich werden. Dann nämlich schlage die Demographiefalle zu und werde zu einem Fachkräftemangel führen, „wir laufen in eine Unterdeckung hinein“.