Ideen systematisch finden Fünf Irrtümer über Kreativität

Kreativ ist man oder ist es nicht. So lautet ein weit verbreiteter Irrtum. Ein weiterer: Entweder hat man einen Geistesblitz oder nicht. Das Leben berühmter Erfinder wie Thomas Edison beweist jedoch: Die meisten revolutionären Ideen sind das Resultat einer systematischen Suche nach neuen Problemlösungen.

Welche Worte fallen Ihnen spontan ein, wenn Sie an »Kreativität« denken? Bestimmt zwei der folgenden drei Begriffe: Brainstorming, Genie und Herumspinnen. Wenn ja, dann sind Sie den klassischen Klischees über Kreativität aufgesessen. Sie besagen:

• Brainstorming ist die beste Methode, um auf neue Ideen zu kommen.
• Nur Kreative und Genies können neue Ideen entwickeln.
• Kreatives Denken heißt, frei und ohne jede Beschränkungen zu denken.

Irrtum 1: Kreativität ist Brainstorming

Was tun Sie in Ihrem Unternehmen, um auf neue Ideen zu kommen? Vermutlich dasselbe wie die meisten Betriebe. Sie treffen sich im Team zum Brainstorming und formulieren ein Ziel. Als einzige Regel: Es gibt keine Regeln. Auch die scheinbar absurdesten Ideen dürfen geäußert werden. Dann sammeln Sie alle Vorschläge. Und schon haben Sie die gewünschten, neuen Ideen. So zumindest die Theorie.

Die Realität sieht anders aus: Ein Team trifft sich zum Brainstorming. Doch statt des erhofften reißenden Ideenflusses ist das Ergebnis ein dünnes Rinnsal. Oder: Alle gesammelten, verrückten Ideen erweisen sich im Nachhinein als unbrauchbar. Woran liegt das?

Brainstorming ist mehr ein Heilsversprechen als eine Kreativmethode. Das Credo, das ihm zugrunde liegt, lautet: »Lass alles fallen und lass Dich ganz gehen, dann kommen die Ideen von alleine.« Und weil Menschen gerne an Heilsversprechen glauben, hat sich das Brainstorming in vielen Betrieben sozusagen zum Standard-Vorgehen bei der Suche nach neuen Ideen entwickelt.

Dabei ist für das Entwickeln wirklich qualitativ hochwertiger, neuer (Problem-)Lösungen in der Regel ein ganz anderes Vorgehen nötig. Hierfür müssen Sie Probleme erkennen, die andere nicht sehen, und diese Probleme von verschiedenen Seiten angehen. Hierfür müssen Sie ganz gezielt nach Inspirationen suchen und Ihre Ideen bis zum Ende durchdenken. So wie dies Thomas Edison tat. Er entwickelte mit Hilfe eines strukturierten Prozesses Ideen wie am Fließband gemäß der Maxime: »Eine kleine Erfindung alle zehn Tage, eine große Erfindung alle sechs Monate.«

Irrtum 2: Nur Kreative sind kreativ

Kann man Kreativität lernen? Oder ist die Gabe, ganz neue Problemlösungen zu finden, nur außergewöhnlich begabten Menschen vorbehalten? Hirnforscher wie Gerhard Roth sagen: Ob Sie kreativ sind oder nicht, entscheiden alleine Ihre Erbanlagen. Aber kreative Fähigkeiten alleine machen Sie noch lange nicht kreativ. Und umgekehrt: Selbst wenn Sie wenig kreativ veranlagt sind, können Sie hochkreative Dinge vollbringen. Wie ist dieser Widerspruch erklärbar? Lange Zeit beschränkte sich die Kreativitätsforschung vor allem darauf, die Fähigkeiten des Menschen zu untersuchen.

Neue Forschungsansätze der Harvard University gehen jedoch in eine andere Richtung. »Kreativität ist eher ein bestimmtes Verhalten«, schreibt zum Beispiel die Harvard-Professorin Teresa Amabile, die seit mehr als 25 Jahren Kreativitätsforschung betreibt. Das heißt: Kreativ ist, wer kreativ handelt – und nicht, wer theoretisch dazu in der Lage wäre. Amabile hat den Begriff »Kreativität« neu definiert. In ihrem »Three Component Model of Creativity« erklärt sie Kreativität als ein Konstrukt aus kreativen Fähigkeiten, Wissen und Motivation.

Zu den wichtigsten kreativen Fähigkeiten gehört das, was der amerikanische Autor Frans Johannson »niedrige assoziative Barrieren« nennt. Kreative Menschen, wie Thomas Edison, können problemlos Wissen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander verknüpfen. Ein Architekt, der beim Entwerfen eines neuen Gebäudes Termitenhügel studiert, um aus den Belüftungssystemen der Natur zu lernen, hat solche niedrigen assoziativen Barrieren; ebenso ein Koch, der Austern mit Mango und Curry kombiniert oder Hummer mit Karamell überzieht.

Menschen mit niedrigen assoziativen Barrieren finden Lösungen, die wenig mit dem zu tun haben, was sie bisher erlebt haben oder mit den Lösungen, die andere bereits entwickelt haben. Ihre Ideen sind neu und ungewöhnlich, und ihr Entstehen lässt sich oft nicht logisch nachvollziehen. Doch kreative Fähigkeiten alleine machen noch nicht kreativ. Um Lösungsansätze aus unterschiedlichen Wissensgebieten kombinieren zu können, muss man sich in verschiedenen Wissensgebieten auskennen. Denn wo nichts ist, kann das Gehirn auch nichts finden – selbst wenn die assoziativen Barrieren noch so niedrig sind.