Schneller Einstieg nur für Wenige Flüchtlinge – fit für die Elektronikbranche?

Richard Boulter, VAC
»Die Beherrschung der deutschen Sprache ist allein schon aus 
Sicherheitsgründen unerlässlich. Wer Sicherheitshinweise nicht lesen kann oder eine Sicherheitseinweisung nicht versteht, 
wird schnell zur Gefahr 
für sich und andere.«
Richard Boulter, VAC »Die Beherrschung der deutschen Sprache ist allein schon aus Sicherheitsgründen unerlässlich. Wer Sicherheitshinweise nicht lesen kann oder eine Sicherheitseinweisung nicht versteht, wird schnell zur Gefahr für sich und andere.«

Bis zu 1 Million Flüchtlinge könnten 2015 einen Asylantrag in Deutschland stellen. Über die Frage ob, und wie schnell sie in die deutsche Industrie integrierbar sind, gehen die Meinungen auseinander.

Auch wenn viele der Flüchtlinge jung, gut ausgebildet und motiviert zu sein scheinen, dürften die Allerwenigsten in der Lage sein, kurzfristig einen Beitrag zum Abbau des vielerorts beklagten Facharbeitermangels zu leisten.

Die Gründe dafür hat unter anderem Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder letzte Woche deutlich gemacht: »Derzeit sind alleine in der IT-Branche 41.000 Stellen frei und kaum besetzbar. Gesucht werden aber überwiegend hochqualifizierte IT-Spezialisten mit Kenntnissen etwa in der Softwareentwicklung rund um Big Data.«

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, fordert, an die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt mit einer realistischen Einschätzung heranzugehen. So sei ein Eintritt in Arbeit und Ausbildung kurzfristig nur für Wenige möglich. Mittelfristig könnten besonders die Heranwachsenden einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten. »Der Schwerpunkt muss auf den Flüchtlingen bis 25 Jahren liegen, sie haben das größte Potenzial«, so Brossardt, »gleichzeitig dürfen aber auch die Älteren nicht durch ein Raster fallen«. Brossardt, der auch Mitglied im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit ist, weist aber auch darauf hin, »dass wir mit den Flüchtlingen auch eine neue Facette der strukturellen Arbeitslosigkeit in unserem Land bekommen werden«.

Für das Institut der deutschen Wirtschaft Köln steht im Vor- dergrund, dass die Politik qualifizierten Fachkräften alternative Zuwanderungswege nach Deutschland schaffen muss, wenn Flücht-linge, vor allem aus Krisenregionen, in Zukunft einen Beitrag zur Behebung des Facharbeiter- mangels in Deutschland leisten sollen. Für eine nachhaltige Inte-gration kommt es für den IW- Forscher Wido Geis vor allem darauf an, »dass man den Flüchtlingen die Möglichkeit bietet, schnell Deutsch zu lernen, sich weiterzubilden und rasch am Arbeitsmarkt teilzunehmen«.

Wie differenziert die mögliche Integration von Flüchtlingen und Migranten in die deutsche Wirtschaft zu betrachten ist, zeigen erste Projekte aus der Elektronikindustrie. So hat etwa Rittal gerade ein Pilotprojekt zur Qualifizierung von Flüchtlingen abgeschlossen. »Von zunächst 20 Bewerbern konnten wir letztendlich acht Bewerbern nach dem Abschluss eines Vorbereitungspraktikums bestätigen, dass die reif für eine Ausbildung sind«, berichtet Friedemann Hensgen, Vorsitzender des Vorstands der Rittal Foundation. Er weist aber auch darauf hin, dass Potenzialanalysen in Hinblick auf Schulbildung sowie Berufsausbildung und -erfahrung zur Erstellung passgenauer Konzepte für die Unterstützung der Flüchtlinge wichtig sind – neben dem schnellen Erwerb deutscher Sprachkenntnisse.

Wenn die Integration von Asylbewerbern in den deutschen Arbeitsmarkt für beide Seiten prak-tikabel und nachhaltig gestaltet werden soll, darf für Johann Weber, Vorstandsvorsitzender der Zollner Elektronik, das Thema Qualifizierung nicht außer Acht gelassen werden: »Gerade bei der Ausbildung jugendlicher Asyl- bewerber, die bisher nicht die Erfahrung eines mit unserem vergleichbaren Schulsystems gemacht haben, ist es unerlässlich, für in- dividuell zugeschnittene Begleit- und Beratungsangebote zu sorgen, um Sprachkenntnisse und benötigte Qualifizierungen zu vermitteln.« Zudem fordert er raschere Asylverfahren, »um Sicherheit sowohl für Arbeitgeber als auch die potenziellen neuen Arbeitnehmer zu gewährleisten«.