„Auch trotz ständiger Wiederholung ein grober Fehler“ Falsche Logik: Wie der Fachkräftemangel hochgerechnet wird

Der Mathematiker und Statistiker Prof. Gerd Bosbach von der FH Koblenz beschäftigt sich mit empirischer Wirtschafts- und Sozialforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Bevölkerungsstatistik und Demografie sowie Statistik-Missbrauch. Er warnt: »Wir werden mit Statistiken manipuliert!«
Der Mathematiker und Statistiker Prof. Gerd Bosbach von der FH Koblenz beschäftigt sich mit empirischer Wirtschafts- und Sozialforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Bevölkerungsstatistik und Demografie sowie Statistik-Missbrauch. Er warnt: »Wir werden mit Statistiken manipuliert!«

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, warnte im Mai 2011 laut davor, dass im Jahre 2025 sechs bis sieben Millionen Fachkräfte in Deutschland fehlen könnten. Seitdem wird diese Zahl immer wieder zitiert. Aber ist sie wahr? Der Statistik-Experte Prof. Gerd Bosbach erklärt, wie eine zweifelhafte Zahl das Licht der Welt erblickte.

Die Suche nach der Quelle gestaltete sich gar nicht so einfach. Zitiert wurde nämlich ein „Hintergrundpapier“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das der normalen Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Zu schnell hätte sonst vielleicht auch jemand gesehen, wie zweifelhaft die Annahmen für die Zukunft sind, auf denen die Horrorzahl beruht. Es wird für die prognostizierte Zahl nämlich unterstellt, dass es keine Wanderungsbewegung mit dem Ausland gibt, dass sich die Erwerbsquote der Erwerbsfähigen nicht erhöht und dass sich die Rente ab 67 nicht auf die Erwerbsquote auswirkt.

Ist das alles schon seltsam genug für eine Gesellschaft mit Arbeitskräftebedarf, so wird zusätzlich übersehen, dass steigende Arbeitsproduktivität und sinkende Bevölkerungszahl auch den Bedarf nach Arbeitskräften reduzieren. Eine Gleichsetzung von sinkender Zahl von Erwerbsfähigen mit fehlenden Fachkräften ist also trotz ständiger Wiederholung ein zusätzlicher grober Fehler.

Nach eigenen Worten in einem anderen Papier hat der Autor der zugrunde liegenden Daten, Dr. Fuchs, die Auswirkungen der Verkürzung der Gymnasialzeit (G8) und  das Aussetzen der Wehrpflicht als „vernachlässigbar bezeichnet“  und deshalb wahrscheinlich auch die Verkürzung der Studienzeiten für die meisten Studierenden durch das Bachelorstudium in seinen Rechnungen ignoriert.  Vergleichsjahr für die Zahlen waren 2008, bzw. 2005, überwiegend noch mit G9, Wehrdienst und vielen Diplomstudierenden, also einem deutlich späteren Berufseinstieg für viele junge Leute.

Statt weitere Feinheiten der Studie auszubreiten, soll ein kurzer Blick auf die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die Größenordnung der oben gemachten Fehler verdeutlichen.

Selbst unter der schlechteren der beiden Hauptvarianten der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahre 2009 ergibt sich folgendes Bild, sogar ohne Berücksichtigung der Rente ab 67:

Erwerbsfähige (20 bis unter 65 J.) 2008: 49,7 Millionen, bzw. 60,6% der Bevölkerung

Erwerbsfähige (20 bis unter 65 J.) 2025: 45,3 Millionen, bzw. 57,5% der Bevölkerung

Das würde ein Produktivitätswachstum von 0,3%  pro Jahr schon ausgleichen!

Stiege die Erwerbsquote unter den Erwerbsfähigen durch Abbau von Arbeitslosigkeit, früheren Einstieg in das Berufsleben und höhere Frauenerwerbsquote, schlüge das zusätzlich positiv  in die Rechnung.

Berücksichtigt man vereinfacht für 2025 sogar das Rentenalter ab 67, ergibt sich:

Erwerbsfähige (20 bis 67 J.) 2025: 47,7 Millionen, bzw. 60,6 % der Bevölkerung und somit genau der gleiche Anteil wie 2008. Da wahrscheinlich nur wenige 2025 tatsächlich bis 67 arbeiten werden, ist diese Rechnung eher theoretisch.

Die kurzen Überschlagsrechnungen zeigen, dass die Zahl von 6,5 Millionen fehlenden Fachkräften im Jahre 2025 besser nie das Licht der Welt erblickt hätte.

Sie lenkt von den vielen heutigen Problemen ab.

Inzwischen hat das IAB auch neue Berechnungen zum Thema öffentlich vorgelegt. Nach dem Auftakt mit einer Schockzahl von bis zu 6,7 Millionen  weniger Arbeitskräften, folgte eine nach ihrer Meinung eher zu erwartende Größe von etwa 3,5 Millionen und der Hinweis, dass das nicht  zu einem Fachkräftemangel führen muss. Ob das die Diskussion nach dem Vorpreschen des Präsidenten wieder versachlichen kann, bleibt abzuwarten. Eine einmal in die Welt gesetzte Zahl, kann lange leben, wie das Beispiel über den angeblich so hohen Eisenanteil von Spinat bewiesen hat.